BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

ILIAS KANARIS


1911-24. Februar 1943

 



Der Unteroffizier der königlichen griechischen Marine organisierte an der Küste von Euböa den Widerstand gegen die deutschen Besatzer, versteckte Flüchtlinge und verhalf ihnen mit einem eigens beschafften Schiff zur Flucht nach Ägypten. Nach einer Denunziation wurde er von der Gestapo gefasst und gefoltert, vom deutschen Kriegsgericht in Athen verurteilt und mit fünf Kameraden hingerichtet.

Dienstag, 6. Januar 1943


Mein lieber Sohn Kosta!

Wenn Du diese wenigen Zeilen liest, bin ich, mein Sohn, nicht mehr am Leben, weil mich die Deutschen getötet haben werden. Sie haben mich dreifach zum Tode verurteilt und zu drei Jahren Kerker. Mein Sohn, mein Bübchen, ich lasse Dich zurück als eine Waise von zwei Jahren, mein starker Bub, Du, den ich so sehr liebte, aber ich hatte nicht das Glück, mich Deiner zu freuen und mit Dir Verstecken zu spielen, wie ich sonst mit Dir gespielt hatte. Wenn Du ein großer Junge bist, wirst Du diesen letzten Brief lesen, ich möchte, Du sollst Dich Deines Vaters erinnern und der Ratschläge, die ich Dir geben werde, mein tüchtiges Kerlchen, mein kleiner Palikari, mein geliebter Sohn.
Ich will, daß Du mehr als mich Deinen Paten liebst, denn er liebt Dich sehr und er nimmt sich Deiner an. Achte ihn und höre auf ihn, er ist Dein Vater und der Vater von uns allen und das Haupt unserer Familie.
Liebe Deine Mutter, Deine Tante Lulu, Deine Tante Andro und Deinen Onkel Cristoforos. Mein Sohn, spiele nie Karten, betrage Dich gegen keine Frau schlecht in Deinem Leben und sei ehrlich, aufrichtig und wahrheitsliebend. Liebe unser Vaterland und sei ein guter Christ. Mein Kosta, mein Söhnchen, ich hinterlasse Dir nichts, weil ich nichts habe.

Ich lasse Dich in guten Händen, die Dich lieben und für Dich sorgen werden. Mein Kosta, Du mußt mir verzeihen, daß ich Dich klein und als Waise verlassen habe. Ich will, daß Du immer für mich betest, mein Knäbchen, denn sie haben mich verurteilt, weil ich zwei Radios hatte und Sendungen durchgab und einer Organisation angehörte und den Engländern zur Flucht verhelfen habe und einen Revolver hatte und versuchte, ihren Dolmetscher zu erwürgen, und viele andere Dinge, und ich trieb Spionage.

Mein Knäbchen, ich sterbe als Palikari mit Deinem Namen auf den Lippen und sterbend rufe ich: es lebe England, es lebe Griechenland, es leben unsere Alliierten. Mein Söhnchen, mein Bübchen, mein Palikari, verzeihe mir, daß ich Dich als Waise zurücklasse.
Ich sterbe als Palikari.

Leb wohl, leb wohl, leb wohl, mein Bravchen. Ich küsse Dich zärtlich.
Dein Vater

Ilias Kanaris

 

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Dies sind nun also die letzten Zeilen Werner Fuld/ Krüger Verlag 2007