BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Auch einer, der nicht heimkehrte

 



Briefe an die Frau



 


Vorwort



Das Schicksal, das aus diesen Feldpostbriefen spricht, ist, obgleich vielleicht nicht einzigartig in dem weiten Rahmen ungeheuren Geschehens, den der Weltkrieg spannte, so doch einzigartig, in seiner Tragik. Denn diese Briefe eines jungen Menschen an die Frau, die er liebt, geben Kunde von einer Liebe, die, schon an sich gezwungen, gegen äußere Widerstände zu kämpfen, durch die Trennung, die der Krieg bringt, unter besonders tragische Spannungen gerät.
Sie spiegeln die tapfere Art wieder, in der der junge Offizier neben allem Schweren des Kriegserlebens auch das private Schicksal meistert und der um ihn bangenden Frau immer wieder einen schützenden Halt bietet, bis im letzten Jahre des Feldzugs ein kurzes Eheglück für wenige Urlaubswochen vereinigt.
Mögen diese Zeugnisse tapferen, verantwortungsvollen auf dem Posten Stehens von einem, der über den Friedensschluß hinaus in Feindesland aushielt und doch nicht zurückkehren durfte und sein Kind nie gesehen hat, zugleich allen denen ein Denkmal setzen, die gleich ihm ausgeharrt haben und ihre Pflicht getan haben bis zuletzt.



Gedicht

Und über uns wiegt einer Birke grün
Sich lenzverträumt im Frühlingsabendwinde,
leuchtend umspinnt das Licht die seidene Rinde,
Und durch der Zweige zierliche Gewinde
Seh’n goldene Wolken wir vorüberzieh’n,

Und haben uns so lieb. Auf deinen Knie’n
Ruhet mein Haupt. Und deine Hand fährt linde
Und zärtlich mir durch’s Haar. O sag’, wo finde
Ich wohl ein Glück dem gleich, und lächelnd binde


Ich Reim am Reim zum Frühlingsangebinde
Für Dich, und wehr’ dem Augenblick zu flieh’n.


Brief I

14.08. 14.



Du Liebste! Diesen Brief soll man Dir schicken, wenn ich tot bin. Mit ihm meine beiden Ringe. –

Was soll ich in ihm schreiben? Wollte ich all’ das zu Papier bringen, was das Herz, mir voll und glücklich, schwer und leicht freudig und traurig macht, ich werde nicht fertig werden, hätte ich auch all’ die Zeit, die wir uns nun kennen und lieb haben noch einmal.

Du weißt ja Alles und hast es viele Mal und doch noch nicht oft genug in meinen Briefen und wirst es da immer und immer wieder nachlesen. -

Darum nur das Eine, meine letzte heiligste Bitte, Du mögest Dir kein Leid antun im Schmerze um mich; denn dann würdest Du unsere Liebe Köstlichstes genommen haben. Wie ich das genauer bezeichnen soll, weiß ich nicht, wie man Manches nicht sagen kann, das im Gefühl fest steht.

So leb’ denn wohl. Ich glaube, ich werde immer bei Dir sein…..



Im Nachlass gefunden



Brief II

9.12.18.

Liebe, liebe Liebste! Liebste Frau! Du, Du! Da hast Du mir einen jungen geschenkt, wie soll ich Dir danken! Nun hast Du zwei, einen großen, der ja manchmal nicht bei Dir sein kann und eigene Wege gehen muß, und einen kleinen, der für lange, lange Zeit ganz Dir gehört, ganz Dir. Wie freue ich mich für Dich! Und einen Buben hattest Du Dir doch gewünscht. Auch das ist in Erfüllung gegangen. Nun muß ich noch kommen. Wenn Du dieses liest, wird es nicht mehr lange dauern.

Wir sind im Abrüsten und erwarten den Befehl zur Abfahrt. Die Demobilisierung wird dann noch einige zeit beanspruchen, und es ist schmerzlich, dass wir da noch getrennt sein werden. Aber wir müssen uns damit trösten, dass es bis zum gewissen Wiedersehen und Wiederhaben nur noch eine kurze Spanne ist.

Und dann unser Leben. Unser Leben!

Unter wie anderen äußeren Umständen hofften hofften wir es zu beginnen; und doch, sie werden, können nichts daran ändern. Das zu wissen, ist ein unsäglich beglückendes Gefühl. Wie anders mag es manchem ums Herz sein, wo Beziehungen nicht das ungreifbar, unzerstörbar Innerste verbinden, wie sie es bei uns tun. Es kann kommen wie es will, Du bist mein, ich bin Dein und darin beruht all unser Glück. Meine Frau, meine liebste Frau Du! - Mit Weihnachten wird nun nichts. Ein Geschenk von mir ist „das Bild“, das man geschickt haben wird.

Du wirst Dich über die Landschaft freuen, wie ich es getan habe. So habe ich die Ukraine kennen gelernt, so verlasse ich sie wieder. Was ich in ihr erlebt, ist mir nicht verloren, es ist die Zeit in der ich Bettr.- Früher gewesen in der ich inmitten meiner Leute eine Stellung eingenommen habe, auf die ich stolz bin, da sie auch jetzt noch in der Brandung allgemeiner Zügellosigkeit standgehalten hat. Sie würde es nicht immer. Niemand kann dem sich umwälzendem Rade Einhalt tun, und ich bin der letzte, der seine Hand zu dem Versuche erheben würde, aber man kann dafür sorgen, daß es ohne Stocken und Stürzen dahinbegleitet, und das ist erreicht.

Ein Denkmal will ich dieser Kriegszeit noch setzten und Du darfst es mir nicht wehren: Paten bei meinen Jungen sind mein Leutnants, weiter möchte ich niemanden, und Du wirst mich verstehen. Ein Kameradschaftliches Bund soll fest geschlungen werden, und er soll die Erinnerung einer großen Zeit an sich tragen, die in seinem Leben sich erneuern möge. Sie wird nicht im Geiste der Macht, aber im Geiste der Freiheit. Ich bin schon nicht mehr jung, zum ersten Male fühle ich das in meinem Leben, habe das gefühlt, ehe die Nachricht seiner Geburt mich heute durch Funkspruch erreichte: das große Glück für mich würde nur sein können, wenn deutsche Soldaten auf französche Straßen vorwärts marschierten und deutsche Geschütze französischen Staub auf ihren Siegeswegen umwölkte. Wenn das sein wird, werde ich weinen vor Glück. Doch das sind Träume, die schwer sind von alter vergangener Herrlichkeit und darum sage ich, dass ich mich zum ersten Male in meinem Leben alt fühle.

Ich darf es ja nun, ich bin Vater und kann eine neue Jugend begrüßen, der die Zukunft gehört. Sie ist zu Gast zu mir gekommen; als einen solchen sehe ich meinen Jungen an, wie einen lieben Gast nehme ich ihn auf, weiter gehört er mir nicht, er gehört sich selbst.

Ihn lieben und ihm helfen, das ist alles. Diesen Brief soll er einmal bekommen. Hebe ihn für ihn auf, für Deinen Buben. Unsern Buben. Liebste, Liebste er ist unser, wie unsere Liebe. Bei Dir sein können, bei
 

 

 

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Auch einer, der nicht heimkehrte  Briefe an die Frau  Verlag E. S. Mittler & Sohn 1934
 
Auf Wunsch der Herausgeberin erscheint das Buch ohne Namensnennung