BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

CATO BONTJES VAN BEEK
 

14.11.1920-5.08.1943

 

Geboren am 14. November 192o in Bremen; verhaftet am 2o. September 1942; zum Tode verurteilt am 21. Januar 1943; hingerichtet in Plötzensee am 5. August 1943. Zwischen Heide und Moor in Fischerhude bei Bremen aufgewachsen, mit der Sensibilität eines Kindes und einer Künstlerin begabt, durchglüht von der großen, selbstlosen Liebe zu der leidenden Menschheit, ließ sie sich aus Abscheu vor dem Regime in eine Gruppe politischer Aktivisten hineinziehen, Aber das ehrgeizige Planen stieg sie ab: »Ich bin kein politischer Mensch - ich will nur eins sein, und das ist ein Mensch.« Sie trennte sich bereits nach zwei Monaten - zu spät.

An die Mutter

Meine liebe, allerliebste Mama, ich kann es immer noch nicht begreifen, daß dies ein Abschiedsbrief sein soll. Abschied von Dir, von Euch Lieben, vom Leben.

Meine liebe, liebe Mama, wie kann ich Dir nur sagen, daß ich so ruhig bin wie selten zuvor? In mir ist nur Liebe zu Euch und zu allen übrigen Menschen. Ich bin völlig frei von Groll oder gar Haß – es ist so, als hätte alles ein mildes Gesicht.
Ich bin ja doch immer bei Euch und in Euch.
Trotz des Unheils, das diese drei Tage uns gebracht haben, waren sie auch wunderschön. Ich weiß nun, daß der Mensch gut ist, ganz genau, und das macht mir das Sterben auch leichter. Ich habe noch in der Nacht vom 18.-19. Januar ein Gnadengesuch geschrieben.
Wie sehr ich die Menschen und das Leben liebe und es das Schönste für mich sei, immer hilfsbereit für andere dazu sein, dies habe ich geschrieben und auch in meinem Schlußwort vor Gericht gesagt. Ich werde bis zuletzt an Euch denken und immer bei Euch sein und trotzdem auch bis zuletzt an ein Wunder glauben, das mich dem Leben wiedergibt.
Grüße alles von mir, das ich so liebte. Ich bin mir heute keiner großen Schuld bewußt, und es ist in mir eine große Frage, warum dies alles sein muß. Auch hier im Gefängnis waren alle Menschen voller Liebe zu mir.

»Suche Dich damit auszusöhnen«, das schrieb und sagte mir Heinz zuletzt.
Glaube mir, meine liebste Mama, ich kann es wirklich. Es ist nur alles so unverständlich, aber ich habe keinen Groll, sondern liebe die Menschen bis zuletzt, alle, alle.
Meine liebste Mama, daß ich Dir diesen großen Kummer gemacht habe. Ach, fühlten doch alle diejenigen, denen es genau so geht wie mir, genau so wie ich, ich wünschte es ihnen.
Auf Wiedersehen, meine liebe, liebe Mama, und grüße alle und alles von mir.

Immer Deine Dodo
Geschrieben sofort nach dem Urteilsspruch am 21 Januar 1943

9.Febuar 1943

Meine liebe, liebe Mama, ganz schnell will ich Dir einen Gruß schicken.
Ob er Dich erreicht?
Es wäre wunderbar.
Ich weiß nicht, ob Du mein Urteil weißt. Es ist das allerhärteste - ich bin zum Tode verurteilt! ... Wenn Du mich sehen würdest, hättest Du nicht den Eindruck, als sei ich eine zum Tode Verurteilte. Ich denke so selten nur daran, meine Gedanken sind absolut in der Zukunft, und ich glaube auch ganz, ganz fest, daß all das nicht eintreffen wird. ... Ich warte und warte und bin sonst sehr wohlgemut. Man merkt es mir nicht an, daß ich dieses harte Urteil bekommen habe.  Meine liebste Mama, auch Du und Ihr alle müßt mit mir hoffen - es wird schon nicht so kommen. In den ersten Tagen nach dem Urteil hatte ich eine ganz merkwürdige Stimmung. Ich war völlig zum Sterben bereit - wofür, das wußte ich allerdings auch nicht - der Tod an sich war nichts Grauenvolles für mich, und das ist er auch heute nicht.
Es gibt keinen Tod, das weiß ich ganz genau.
Ich werde mit Euch sein, in und um Euch, sollten meine Hoffnungen vergebem sein und ich müßte doch sterben. Ich kann darüber ganz klar nachdenken. Der Gedanke an Euern Schmerz, das ist das Schrecklichste.
Für mich hat alles tatsächlich immer noch ein mildes Gesicht, und innerlich bin ich gänzlich frei von Haß oder Groll gegen irgendeinen Menschen. Eine ganz große Leichtigkeit habe ich in mir und die nimmt mir alle Schwere.
Ich umarme Euch alle und küsse Euch vielmals. Noch lebe ich, es wird sicher nicht so kommen. Es ist so unfaßbar.
Immer Deine Dich liebende Dodo
Aus einem Kassiber, gefunden in abgegebener Wäsche

An den Bruder
5. August 1943

Mein liebster, guter Tim! eigentlich brauche ich Dir gar nicht mehr zu sagen wie lieb ich Dich habe und wie sehr meine Gedanken immer bei Dir waren. Es war so schön, daß ich Dich noch einmal sehen konnte.
Wie bist Du groß geworden und stark. Vielleicht kann ich Dir auch helfen, daß Du beschützt wirst und einmal wieder bei Mama und Meme in Fischerhude bist. Dann lebe weiter in der Musik, ich weiß ja so genau, daß Du noch einmal sehr viel leisten wirst.
Vorhin habe ich das Thema vom 5. Brandenburger Konzert vor mich hergesungen und all Deine vielen Stücke von Bach habe ich noch im Kopf.
Mein guter Tim, ich bin gar nicht traurig und habe Euch alle so sehr lieb, und möge der liebe Gott Dich immer beschützen.
Viele, viele Grüße
Deine Schwester Dodo

5. August 1943
Meine liebe, liebe Mama,

ich habe geglaubt, ich könnte Dir diesen Brief als Geburtstagsbrief schreiben, und nun wird es der allerletzte an Dich sein.
Meine Mama, es ist nun soweit, und ich werde nur noch ein paar Stunden unter den Lebenden sein. Mama, daß ich es Dir nicht selbst sagen kann und Du nicht bei mir bist, das ist hart. Aber ich bin sehr gefaßt und habe mich völlig mit dem Schicksal ausgesöhnt.
Die Ruhe, die ich mir immer für diese letzten Stunden gewünscht habe, ist nun auch wirklich bei mir und sie gibt mir viel Kraft, mit meinen Gedanken bei Dir zu weilen, bei Tim in Rußland und bei Meme und bei allen, anderen Lieben.
Ich sagte es Dir schon bei der letzten Sprechstunde, daß ich es als eine Gnade empfinde, jede Nacht in meinen Träumen bei Euch in Fischerhude zu sein. Könnte ich doch meine Ruhe auch auf Dich übertragen. Mein Herz ist so übervoll, um Dir zu danken, und die Liebe zu Euch allen werde ich dalassen.

Meine geliebte Mama, ich hoffe so sehr, daß Du diesen Schmerz, den ich Dir durch meinen Tod bereite, überwinden wirst und Du dadurch in Deiner Kunst noch größer wirst. Ich hätte Dir noch soviel zu sagen und nun geht es mir so wie schon oft, daß ich alles bereits gesagt weiß.
Wir sind uns ja so nahe und was ich denke, weißt und spürst Du. Schade, daß ich nichts auf der Welt lasse als nur die Erinnerung an mich. Es ist alles viel einfacher, als man denkt, und ich weiß, daß ich Dir die Kraft zu verdanken habe und ich bin Dir ja so dankbar, und ich möchte Dir alles tausendfach zurückgeben. Behalte meine liebe, gute  Mama.
Male schöne Bilder und habe noch viel Freude an Meme und Tim. Neulich habe ich in der Kirche ein kleines Bach - Stück auf der Orgel gehört und Du weißt, was das für mich bedeutete. Du wirst an Meme und Tim noch große Freude haben.

Grüße alle lieben Menschen - die Menschen sind alle lieb und gut, das weiß ich und daran denke ich. Ich brauche Dir ja eigentlich gar nicht soviel zu schreiben, denn ich spüre Dich so lebhaft und all das, was gesagt ist, weißt Du immer. Immer bin ich bei Dir, meine liebste Mama.

Deine Dodo

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider