BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Eugen Bolz

Staatsmann

 


1881 - 1945

 

Selig der Mann, der in der Prüfung standhält;
denn hat er sich bewährt, wird er die Krone des Lebens empfangen
( Jakobus 1,12 )

In dem Schwaben Eugen Bolz, geboren am 15. Dezember 1881 in Rottenburg/Neckar, war eine der Quellkräfte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, der westdeutsch-katholische Liberalismus zur Person geworden.
Sein Leben war dem öffentlichen Dienst an seiner Heimat gewidmet, Als einer der führenden Staatsmänner Württembergs unter der Weimarer Republik stieg er zum Minister und Senatspräsidenten und schließlich zu der Würde des Staatspräsidenten auf.
In Sorge um das Vaterland und in Treue zu seinem Glauben schloß er sich dem Widerstand an. Nach dem mißlungenen Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er am 12. August 1944 verhaftet und unter Freislers Vorsitz zum Tode verurteilt.
Am 23. Januar 1945 starb Eugen Bolz den Opfertod für die Freiheit seines Volkes und seines Gewissens.

Frau Maria Bolz berichtet

Am Tage nach dem Urteil des Volksgerichts besuchte sie zusammen mit ihrer Tochter den Verurteilten und brachte ihm, wie es einst in den Zeiten der ersten christlichen Märtyrer Üblich gewesen war, konsekrierte Hostien. So hielten sie es auch bei ihrem nächsten und letzten Besuch. Die enge Kerkerzelle wurde Gottes Tabernakel.
„Zu unserem Staunen trat er uns sehr gefaßt entgegen", berichtete Frau Bolz am 9. Januar 1945 den Verwandten. „Sein Wesen ist ganz vergeistigt. Er ist so innerlich geworden, daß man fühlt, er lebt ganz in Gott.
Gewiß lebt noch in ihm die Hoffnung, daß sein von ihm abgefaßtes Gnadengesuch Berücksichtigung finden werde, aber er hat sich auch demütig in Gottes Willen ergeben und meinte sogar, vielleicht gebe ihm Gott später nicht mehr die Gelegenheit, so wohlvorbereitet zu sterben.
Seine Haltung gab uns Kraft, und wir sagten ihm, daß wir durch unser Beten doch miteinander in Gott
verbunden seien." Den Worten von Frau Bolz schließt sich das Zeugnis eines ebenbürtigen Mitkämpfers an.

Andreas Hermes schreibt

„Das Bild von Eugen Bolz bewahre ich als einen der tiefsten und bewegendsten Eindrücke aus meiner Haft. Nie hat ihn die innere Sicherheit und seine in einem tiefen christlichen Glauben verankerte Zuversicht verlassen, und niemals hat er auch nur im geringsten seine menschliche Würde preisgegeben. Er war uns allen ein Vorbild entschlossener, männlicher Haltung, die gerade im tiefsten Unglück sich bewährte und den unerschrockenen Kämpfer für Freiheit, Wahrheit und Recht erkennen ließ."

Unmittelbar nach der Verhandlung schrieb Eugen Bolz an die Seinen

Berlin, den 21. Dezember 1944
 

Meine liebste Frau und Tochter!

Eine tieftraurige Botschaft habe ich Euch für Weihnachten und Neujahr. Unerwartet war heute Verhandlung in meiner Sache. Ich wurde zum Tode verurteilt! ...
Was ich gefühlt habe, kam. Erbarmungslos.   Ich  habe  mich  innerlich,   religiös  in  Monaten darauf eingestellt. Ich muß von Euch und vom Leben Abschied nehmen.  Euch  zu   verlassen  ist  mir   schwer.   Ich   bitte   Euch, nehmt es hin als das mir von Gott bestimmte Kreuz.
Ich habe wenigstens  die Gnade, vorbereitet zu sterben und vielleicht einer bösen Zeit zu entgehen. Wie ich von der Verhandlung kam, fand  ich Eure lieben Weihnachtspakete. ... Welche Güte und Fülle.
Welcher Gegensatz!  Allen Dank! — Frau und Tochter! V
erzeiht mir meine Schwachheiten und Fehler.
Behaltet mich in
  gutem Andenken. Ich hoffe Euch an einem besseren Ort wiederzusehen. Einstweilen herzliche Grüße und Küsse

Dein Eugen. Dein Vater

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider