BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Bonhoeffer Dietrich

1906 - 1945

   

Of no wordly  tyrant see thou dread: The compass which  is God s word shall thee  lead and the wind  is fair.  — Vor keinem weltlichen Tyrannen bebe: Dein Kompass ist in Gottes Wort — Er wird dich leiten, und der Wind steht gut. ( von John Hooper, Bischof von Gloucester, am 8. Februar 1555, dem Vorabend seines  Feuertodes, mit Kohle   auf   die Wand des New Inn in Gloucester geschrieben.)

 

 

Theologe

Die heutige protestantische Theologie dürfte wenige so zukunftsträchtige Bücher besitzen wie die von Eberhard Bethge unter „Widerstand und Ergebung" herausgegebenen Gefängnisbriefe und Aufzeichnungen. Ihr Verfasser, Dietrich Bonhoeffer geborenen am 4. Februar 1906 in Breslau, Dozent an der Universität  Berlin, war der Denker unter den Pfarrern der evangelischen Bekenntniskirche. Die intellektuelle Differenziertheit und Weltoffenheit  seines   Glaubenslebens   erzeugten   nicht Schwäche sondern Hellsichtigkeit. Der gelehrte Theologe stellte sich in die Frontlinie, als er Kirche und Vaterland zugleich in Gefahr sah. „Wenn ein Wahnsinniger mit dem Auto durch die  Straßen rast, kann ich als Pastor, der dabei ist, nicht nur die überrfahrenen trösten oder beerdigen, sondern ich muß dazwischenspringen und ihn stoppen."  Bonhoeffers Tätigkeit  gegen   den   Nationalsozialismus,   vor   allem   sein Versuch durch den Bischof von Chichester in der westlichen Welt Fürsprecher  für Deutschland und Hilfe für den Widerstand zu gewinnen,   gehören   der   Geschichte   an.   Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet. Nach Verschleppung aus dem  Gefängnis in  der  Prinz-Albrecht-Straße   Berlin fand er am 9. April April 1945 den Tod im KZ Flossenbürg.

Aufzeichnungen unter dem Titel:

Nach zehn Jahren.
An der Wende zum Jahr 1943

Das Walten Gottes in der Geschichte

Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will wie wir brauchen.
Aber Er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf Ihn verlassen.
In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und daß es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, daß Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern daß er auf richtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Vom Leiden

Es ist unendlich viel leichter, im Gehorsam gegen einen mensch­ichen Befehl zu leiden, als in der Freiheit eigenster verantwortlicher Tat. Es ist unendlich viel leichter, in Gemeinschaft zu leiden als in der Einsamkeit. Es ist unendlich viel leichter, öffentlich und unter Ehren zu leiden als abseits und in Schanden. Es ist unendlich viel leichter, durch den Einsatz des leiblichen Lebens zu leiden als durch den Geist. Christus litt in Freiheit, in Einsamkeit, abseits und in Schanden, an Leib und Geist und seither viele Christen mit Ihm.

Gefährdung und Tod

Der Gedanke an den Tod ist uns in den letzten Jahren immer vertrauter geworden. Wir können den Tod nicht mehr so hassen, wir haben in seinen Zügen etwas von Güte entdeckt und sind fast ausgesöhnt mit ihm. Im Grunde empfinden wir wohl, daß wir ihm schon gehören und daß jeder neue Tag ein Wunder ist. Es wäre wohl nicht richtig zu sagen, daß wir gern
sterben — obwohl keinem jene Müdigkeit unbekannt ist, die man doch unter keinen Umständen aufkommen lassen darf - dazu sind wir schon zu neugierig oder etwas ernsthafter gesagt: wir möchten gern noch etwas vom Sinn unseres zerfahrenen  Lebens zu sehen bekommen. Wir heroisieren den Tod auch nicht, dazu ist uns das Leben zu groß und teuer.
Erst recht weigern wir uns, den Sinn des Lebens in der Gefahr zu sehen, dafür sind wir nicht verzweifelt genug und wissen wir zuviel von den Gütern des Lebens, dafür kennen wir auch die Angst um das Leben zu gut und all die anderen zerstörenden Wirkungen einer dauernden Gefährdung des Lebens. Noch lieben wir das Leben, aber ich glaube, der Tod kann uns nicht mehr sehr überraschen. Unseren Wunsch, er möchte uns nicht zufällig, jäh, abseits vom Wesentlichen, sondern in der Fülle des Lebens und in der Ganzheit des Einsatzes treffen, wagen wir uns seit den Erfahrungen des Krieges kaum mehr einzugestehen. Nicht die äußeren Umstände, sondern wir selbst werden es sein, die unseren Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freiwilliger Einwilligung.

 

Gebete für Mitgefangene. Weihnachten 1943

Morgengebet
 

Gott, zu Dir rufe ich in der Frühe des Tages
Hilf mir beten
und meine Gedanken sammeln zu Dir;
ich kann es nicht allein.
In mir ist es finster,
aber bei Dir ist das Licht,
Ich bin einsam, aber Du verläßt mich nicht,
Ich bin kleinmütig, aber bei Dir ist Hilfe,
Ich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld;
ich verstehe Deine Wege nicht,
aber Du weißt den Weg für mich.

 

 Vater  im Himmel,
Lob und Dank
sei Dir für die Ruhe der Nacht,
Lob und Dank sei Dir für den neuen Tag.
Lob und Dank sei Dir für alle Deine Güte
und Treue in meinem vergangenen Leben.
Du hast mir viel Gutes erwiesen,
laß mich nun auch das Schwere
aus Deiner Hand hinnehmen.
Du wirst mir nicht mehr auflegen
als ich tragen kann.
Du läßt Deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.

Herr Jesus Christus,
Du warst arm
und elend und gefangen und verlassen wie ich.
Du kennst alle Not der Menschen,
Du bleibst bei mir, wenn kein Mensch  mir beisteht,
Du vergißt mich nicht und suchst mich,
Du willst, daß ich Dich erkenne und mich
zu Dir kehre.

Herr, ich höre Deinen Ruf und folge,
hilf mir!

Heiliger Geist,

gib mir den Glauben, der mich vor
Verzweiflung, Süchten und Laster rettet,
gib mir die Liebe zu Gott und den Menschen,
die allen Haß und Bitterkeit vertilgt,
gib mir die Hoffnung, die mich befreit von
Furcht und Verzagtheit.
Heiliger, barmherziger Gott,
mein Schöpfer und mein Heiland,
mein Richter und mein Erretter,
Du kennst mich und all mein Tun.

Du haßt und strafst das Böse in dieser und
jener Welt ohne Ansehen der Person,
Du vergibst Sünden dem,
der Dich aufrichtig darum bittet,
Du liebst das Gute und lohnst es auf dieser
Erde mit einem getrosten Gewissen
und in der künftigen Welt mit der Krone der Gerechtigkeit.
Vor Dir denke ich an all die Meinen,
an die Mitgefangenen und alle, die
in diesem Hause ihren schweren Dienst tun.
Herr,  erbarme  Dich!
Schenke mir die Freiheit wieder,
und laß mich derzeit so leben,
wie ich es vor Dir und den Menschen
verantworten kann.
Herr, was dieser Tag auch bringt, — Dein Name sei gelobt!
Amen.

Abendgebet

Herr, mein Gott, ich danke Dir, daß
Du diesen Tag zu Ende gebracht hast;
ich danke Dir, daß Du Leib und Seele
zur Ruhe kommen läßt.
Deine Hand war über mir und hat mich
behütet und bewahrt.
Vergib allen Kleinglauben
und alles Unrecht dieses Tages
und hilf, daß ich allen vergebe, die mir
Unrecht getan haben.
Laß mich in Frieden unter Deinem Schulz schlafen
und bewahre mich vor den Anfechtungen der
Finsternis.

Ich befehle Dir die Meinen, ich befehle
Dir dieses Haus,
ich befehle Dir meinen Leib und meine Seele.
Gott, Dein heiliger Name sei gelobt.
Amen.

Gebet in besonderer Not

Herr Gott,

Großes Elend ist über mich gekommen.
Meine Sorgen wollen mich erdrücken.
Ich weiß nicht ein noch aus.
Gott sei gnädig und hilf.
Gib Kraft zu tragen, was Du schickst.
Laß die Furcht nicht über mich herrschen,
sorge Du väterlich für die Meinen,
für Frau und Kinder.

Barmherziger Gott, vergib mir alles,
was ich an Dir und den Menschen gesündigt habe.
Ich traue Deiner Gnade und gebe mein Leben
ganz in Deine Hand.

Mach Du mit mir, wie es Dir gefällt und
wie es gut für mich ist.
Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei Dir
und Du bist bei mir, mein Gott.
Herr, ich warte auf Dein Heil
und auf Dein Reich.
Amen.

23. August 1944

... Bitte mache Dir nie Sorgen und Gedanken um mich;  aber vergiß  die Fürbitte nicht, wie Du es auch gewiß  nicht tust! Gottes Hand und Führung ist mir so gewiß, daß ich hoffe, immer in dieser Gewißheit bewahrt zu werden.
Du darfst nie daran zweifeln, daß ich dankbar und froh den Weg gehe, den ich geführt werde. Mein vergangenes Leben ist übervoll von Gottes Güte und über der Schuld steht die vergebende Liebe des Gekreuzigten.
Am dankbarsten bin ich für die Menschen, denen ich begegnet bin, und ich wünsche nur, daß sie sich nie über mich betrüben müssen, sondern daß auch sie immer nur dankbar der Güte und der Vergebung Gottes gewiß sind, Verzeih, daß ich das einmal schreibe.
Laß Dich bitte dadurch keinen Augenblick betrüben und beunruhigen, sondern wirklich nur froh machen.
Ich wollte es aber gern einmal gesagt haben, und ich wüßte nicht, wem ich es zumuten könnte, so daß er es wirklich nur mit Freude hört...

Nun wünsche ich Dir von Herzen weiter recht viel äußere und innere Ruhe. Gott behüte Dich und uns alle und schenke uns ein baldiges frohes Wiedersehen.

In Dankbarkeit und Treue und täglicher Fürbitte denkt an Dich

Dein D.

 

 

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsere Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage  schwere Last,
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wollen wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.


 

Aus:  Stationen  auf dem Wege zur Freiheit

Leiden

Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände
sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende
deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte
still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit
dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider