BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

BONHOEFFER KLAUS 
 

1901 - 1945

 

 

Chefsyndikus der Lufthansa

Geboren am 5. Januar 1901. Ermordet am 23. April 1945.

31. März 1945

Liebe Eltern!

Ich richte diesen Brief zu Papas Geburtstag an Euch beide. Die Wünsche, die nie so brennend waren wie in diesem Jahr, gelten Euch gemeinsam. Es sind die Wünsche der ganzen Familie. Die Hoffnung, daß wie durch ein Wunder die Familie unversehrt aus dem großen allgemeinen Unglück hervorgeht, wage ich fast nicht auszusprechen.

Es geht ja längst wie Naturkatastrophe über die Menschen hinweg und die ist verschwenderisch. Ich glaube aber, daß das Ungewitter über unserem Hause bald vorübergeht. Die Verfolgungen werfen ein Ende haben und den Überlebenden wird es sein wie den Träumenden. Daß dieser Frieden Euch noch lange nach allem Kummer wohltut und Ihr ihn noch recht genießt, ist ist mein Wunsch und meine Bitte. Die Gewißheit, daß Euch allen ein neues Leben wieder beginnt, ist so schön.

Auch mein Schicksal kann sich wohl noch plötzlich wenden. Ich bin aber darauf gefaßt, daß mein Leben bald abläuft. Diese beiden Möglichkeiten scheinen so denkbar weit auseinanderzuliegen, daß ich als Mensch von Fleisch und Blut mich doch immer wieder umstelle und unter dem Eindruck dieser ersten Frühlingstage auch in schwachen Stunden schwanke. Aber ich will ja nicht nur leben, sondern mich einmal erst eigentlich auswirken.
Da dies nun wohl durch meinen Tod geschehen soll, habe ich mich auch mit ihm befreundet. Bei diesem Ritt zwischen Tod und Teufel ist der Tod ja ein edler Genösse.
Der Teufel paßt sich den Zeiten an und hat wohl auch den Kavaliersdegen getragen. So hat ihn dann die Aufklärung idealisiert. Das Mittelalter, das auch von seinem Gestank erzählte, hat ihn besser gekannt. Es ist jedenfalls eine sehr viel klarere Aufgabe zu sterben als in verworrenen Zeiten zu leben, weshalb seit je die glücklich gepriesen wurden, denen der Tod als Aufgabe bestimmt war. Wenn ich an Walters Grab stand, ist er mir immer mit seiner klaren Lebenslinie und seinem frühen Tode als ein glücklicher Mensch erschienen. Sollte ich noch gerettet werden, so werde ich als freier Mensch dem Leben gegenüberstehen. Wie es nun auch kommen mag, ein gemeines Schicksal ist mir erspart.

Das versteht E. und wird wohl auch den Weg der Kinder zeichnen. Ihnen wünsche ich, daß sie einmal so dankbar auf ein schönes und reiches Leben zurückschauen können wie ich jetzt. Es ist das Leben, das ich Euch verdanke in seinem Reichtum durch die große Familie und in der Richtung auf das Wesentliche, das mir über diese Zeit hinweghilft. Ich wünsche sehr, daß die Kinder, die ja inzwischen wieder größer geworden sind, Euch recht kennen lernen würden und nahe kämen, aber ich will in die unübersehbare Zukunft nicht mehr eingreifen, um keine Bindungen zurückzulassen.
Es ist für mich eine große Beruhigung, daß E. in dieser schweren Lage so tapfer ihren Mann steht. Nun lebt wohl, lieber Papa und liebe Mama. Wir wollen aus diesen Ostertagen neue Hoffnungen schöpfen, daß dieses Jahr den äußeren und den seelischen Frieden bringt.

Euch umarmt Euer dankbarer und glücklicher

Klaus

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider