BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Alfred Delp
 

1907 - 1945

 

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir!
Mein Herr  und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir!
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gibt mich ganz zu eigen Dir!

Niklaus von der Flüe

 

ALFRED DELP S. J.

Pater

Das Leben und Denken von Alfred Delp, geboren am 15. September 1907 in Mannheim, war bestimmt durch seine gläubige Unruhe  über die Gottesferne des modernen Menschen. Sie vibriert  in seinen theologischen Schriften, sie machte ihn hellsichtig für das politische Verderbnis seiner Zeit und führte ihn der Kreisauer Widerstandsgruppe zu. Am 28. ]uli 1944 wurde s in München verhaltet, zusammen mit Graf Moltke verurteilt, und am 2. Februar 1945 erlitt er den Tod durch den Strang.

Aufzeichnungen vor der Verhaftung

Juli 1943

... Es ist herrlich jetzt, dieser reifende Hochsommer. Vom Feld her rauschen die Sensen und Sicheln ihr betörendes Lied. Ich habe das so gern, die reifen Felder und dann die Ernte selbst. Irgendwie ja der Sinn unseres Lebens: reif werden und geschnitten werden, eingebracht in die Scheunen. Die Welt ist voll der Schönheit und Güte, und es ist doch die Güte und Schönheit Gottes, die ihr alles gibt, . .

Das bukolische Dasein hat mich verführt. Ich habe eine ganze Stunde gemäht gerade und hab nun die Hände voll Blasen und die städtisch-unnützen Arme voll Zittern. Aber schon war's. Diese weitausholende Bewegung, das ist ein ganz eigener und bedeutsamer Rhythmus, der irgendwie an den Sinn des Lebens rührt. Bleibt wach und froh und zuversichtlich und betet ab und zu ein bissel für mich. Ich tue es auch für Euch. Bei der mütterlichen Herrin hier ist gut beten. Und in der unmittelbaren Begegnung mit den stillen und gültigen und treibenden Kräften der Natur auch. Dieser treibende und drängende Glanz ist doch nur Ahnung und Kopie des Herrgotts. Es schließt sich alles in eins. Es wird der große und erfüllende Augenblick unseres Daseins sein, wenn einmal das eine Wort Gottes alles meint und alles stehen läßt und umfaßt und zugleich zur Mitte zurückbringt. So möchte ich wenigstens sterben, wenn es mir vorher nicht gegeben sein sollte.

Tagebuchfragmente

31. Dezember 1944

Das Ergebnis dieser Zeit muß eine große, innere Leidenschaft für Gott und seine Rühmung sein. In neuer, persönlicher Weise muß ich ihm begegnen. Die Wände, die zwischen Ihm und mir noch stehen, muß ich einschlagen. Die stillen Vorbehalte restlos aufräumen. Das Gebet des von der Flüe muß gelebt werden. Das göttliche Leben in mir als Glaube, Hoffnung, Liebe muß wachsen, intensiver werden. Das alles muß sich mit meinem Leben, Temperament, Fähigkeiten, Fehlern, Verengungen ebenso wie mit den Dingen draußen zu einer neuen Sendung verdichten, zu einem neuen Ordnungsbild, an dessen Verwirklichung ich den Dienst leisten will. In einer stillen Stunde heute nacht will ich das fahr überdenken und meine persönlichen Ereignisse einsammeln in ein Gebet der Reue, des Dankes, der Hingabe, in ein Wort des Vertrauens und der Liebe.
Ich muß mich immer wieder fragen, ob ich kein Phantast bin und mich selbst täusche. Der Ernst der Lage ist unerbittlich, so unwirklich und traumhaft er mir auch oft vorkommt. Aber die Worte des Herrn sind gesprochen und Er hat uns selbst aufgefordert zu diesem Glauben, dem der Berg weicht, zu diesem Vertrauen, dem Er sich nicht versagt. Das sind von Ihm gesetzte Tatsachen, die man ernst nehmen, kann und muß. Er war außer der Tempelreinigung ein einziges Mal bös: als die ]ünger den fallsüchtigen Knaben nicht heilen konnten, weil sie es sich nicht zutrauten. Und den einen Punkt, um den es geht, werden wir doch, wegglauben und wegbeten können. Bisher war so viel Führung und Gnade spürbar trotz aller Härte und aller Scherben,

Neujahrsnacht

. . . Innerlich, war viel Eitelkeit und Selbstsicherheit und Anmaßung und Unwahrhaftigkeit und Lüge in diesem Jahr. Mir ist das eingefallen, als sie mich beim Schlagen einen Lügner nannten, weil sie wieder einmal entdeckt hatten, daß ich ihnen keinen Namen sagte, die sie nicht schon wußten. Ich habe Gott gefragt, warum er mich so schlagen läßt. Für die Unklarheit und Unwahrhaftigkeit meines Wesens, das ging mir auf. Und so ist vieles verbrannt auf diesem Berg der Blitze und vieles hat sich geläutert. Ein Segen und eine Bestätigung der inneren Existenz, daß der Herrgott mir die Gelübde so wunderbar ermöglichte. Er wird mir auch die äußere Existenz noch einmal bestätigen, sobald sie sich zur neuen Sendung befreit hat. Aus der äußeren Aufgabe und dem. Wachstum des inneren Lichtes muß sich eine neue Leidenschaft entzünden. Die Leidenschaft des Zeugnisses für den lebendigen Gott; denn den habe ich kennen gelernt und gespürt. Dios solo basta, das stimmt. Die Leidenschaft der Sendung zum Menschen, der lebensfähig und lebenswillig gemacht werden soll. Diese Probleme sollen angepackt werden: in nomine Domini.

1. Januar 1945

Jesus. Diesen Namen des Herrn und meines Ordens will ich groß an den Anfang des neuen Jahres schreiben. Er besagt, was ich erbete, glaube und hoffe; die innere und äußere Erlösung. Die Lösung der egoistischen Krämpfe und Engen in dem freien Dialog mit Gott, die freie Partnerschaft, die vorbehaltlose Hingabe. Und die baldige Erlösung aus diesem elenden Eisen. Die Situation ist lügenhaft. Das, was ich weder getan noch gewußt habe, halt mich hier fest. Dieser Name besagt weiterhin, was ich in der Welt und bei den Menschen noch will. Erlösend, helfend beistehen. Den Menschen gut sein und Gutes tun. Ich bin manchen vieles schuldig geblieben.Und schließlich ist damit mein Orden gemeint, der mich nun endlich an sich und in sich aufgenommen hat. Er soll in mir Gestalt werden. Ich will mich Jesu zugesellen als ein  Treugesellen und Liebender. Letztlich aber soll der Name eine Leidenschaft bezeichnen : des Glaubens, der Hingabe, des Strebens, des Dienstes.

2. Januar 1945

Nächste Woche scheint also endgültig die Entscheidung zu fallen. Ich bin guter Zuversicht. Der Herr hat mir ein inneres Weihnachtslicht  angezündet, das mich in der Hoffnung stärkt. Ich träume sogar schon von der Heimreise, ich leichtsinniger Knabe.

... Ich vertraue und bete. Ich habe viel gelernt in diesem harten Jahr. Gott ist viel wirklicher und näher geworden.

6. Januar 1945

Eine liebe Aufmerksamkeit des Herrgotts hat es gefügt, daß ich auf die Nacht so lose  gefesselt  wurde, daß  ich aus der Fessel   herausschlüpfen   konnte.   Wie in der Heiligen  Nacht konnte ich so heute die Messe mit ganz freien Händen lesen. Heute  war der Anwalt noch einmal da. Es müssen halt drei »Wenns" passieren, damit alles gut geht. Ich vertraue fest. Auch die Freunde werden mich nicht im Stich lassen. Es ist ein Moment, in dem die ganze Existenz in einen Punkt eingefangen ist, und die ganze Wirklichkeit mit. Ich muß restlos Farbe bekennen.

 Die Realität Gottes, die Dinge und Zusammenhänge, die Verantwortung und Verantwortlichkeit für Worte und Handlungen die Gnadenhaftigkeit und die Kämpferischkeit des Daseins alles will auf einmal realisiert werden. Ich habe Gott im die beiden Freiheiten gebeten. Und werde  es jetzt tun.

7. Januar 1945

....Jetzt kommt der Mann mit dem Eisen gleich. Und morgen geht es ins Haus des Schweigens. In Nomine Domini. Abschiedsbriefe habe ich keine geschrieben, da sich innerlich alles sperrt dagegen.

Meditationen

Das allgemeine Schicksal, meine persönliche Lage, die Entscheidung der nächsten Tage, die Botschaft des Festes:  alles sammelt sich in das Eine: Mensch, laß dich los zu deinem Gott hin und du wirst dich selbst wieder haben. Jetzt haben dich andere, sie quälen dich und erschrecken dich und jagen dich von einer Not in die andere. Das ist dann die Freiheit,  die singt: - uns  kann  kein  Tod  nicht töten.   Das  ist   dann   das Leben, das da ausfährt in die grenzenlose Weite. Adoro und Suskipe: ihr Urworte des Lebens, ihr geraden und steilen Wege zu Gott,  ihr  Tore  in die  Fülle,  ihr  Wege  des  Menschen  zu sich.  — Ich bleibe bei meiner alten These; der gegenwärtige Mensch ist weithin nicht nur gott - los, rein tatsächlich oder auch entscheidungsmäßig, es geht die Gottlosigkeit viel tiefer. Der gegenwärtige  Mensch ist in eine Verfassung  des  Lebens  geraten, in der er Gottes unfähig ist. Alle Bemühungen um den gegenwärtigen und kommenden Menschen müssen dahin gehen, wieder gottesfähig und somit religionsfähig zu machen.

Aus Briefen nach München

Anfang September 1944

... In einer Nacht, es war um den 15.August, bin ich beinah verzweifelt. Ich würde, wüst verprügelt, in das Gefängnis  zurückgebracht, abends spät.
Die begleitenden SS - Männer lieferten mich ab mit den Worten:
 „So, schlafen können Sie heute nacht  nicht. Sie werden beten, und es wird kein Herrgott kommen und kein Engel, Sie herauszuholen. Wir aber werden gut schlafen und morgen früh Sie mit frischen Kräften weiter verhauen." — Ich war wie erlöst, als Alarm kam und erwartete die tötende oder die Flucht ermöglichende Bombe. Beide blieben aus. Und ich sah von dieser Nacht aus den ganzen verhängnisvollen Lauf. Gott hat mich gestellt. Nun heißt es, dem gewachsen sein, so oder so. Ich glaube immer noch fest und zuversichtlich an die Hand, die uns nehmen und geleiten wird. . . .
Ich werde allmählich ekelhaft und erzähle immer nur von mir. So egoistisch wird man als „Patient". Ach, wie gerne wär' ich bei den Menschen in Not und gelte nun selbst nicht mehr als Mensch, nur noch als Nummer; im. Haus hier die Nummer 1142, die Zelle B/313, Wann ich wohl wieder als Pater Delp angesprochen werde? Glaubt Ihr an Wunder? Seid gesegnet und behütet.

 . . Einstweilen bitt' ich sehr, mitzubeten und mitzuhoffen. „An Gottes Türen hämmern" hat L. doch immer gesagt. Gott kann es noch machen. Er allein. Und Er hat sich eigentlich in die Gewalt der glaubenden und vertrauenden Menschen gegeben. Einen schönen Raum der inneren Freiheit hat mich Gott gewinnen lassen. Gottes Wirklichkeit geht mir allmählich in großer Nähe und Dichtigkeit auf.

Anfang Oktober 1944

Ob dies ein Abschiedsbrief ist oder nicht, ich weiß es nicht.
Das wissen wir heute ja nie. Ich schreibe diese Zeilen, von denen ich nicht weiß, ob und wann sie Euch erreichen, nicht als " letzter Gruß". Irgendwie glaube ich fest an das Leben und an eine neue Sendung, wobei ich genau so ehrlich bin, zu sagen, mit Menschenaugen wenig Möglichkeit dafür sehe. Wie  es mir geht? Da ist nicht viel zu sagen. Habt keine Angst. Ich bemühe mich, kein Kleinholz zu machen, auch wenn es an den Galgen gehen sollte. Gottes Kraft geht ja alle Wege mit. Aber mir ist manchmal schon etwas schwer. Georg (Deckname P. Delp ) war in manchen Stunden nur mehr ein blutiges Wimmmern. Aber Georg hat immer wieder versucht, dieses Wimmmern einzuordnen in die beiden einzigen Wirklichkeiten um deretwillen es sich lohnt, da zu sein: Anbetung und Liebe.  Alles andere ist falsch. Glaubt mir, diese Wochen sind wie ein bitteres und unerbittliches Gericht über das vergangene Leben. Es ist ja nicht vergangen. Es steht da als große Frage und will letzte Antwort, seine Prägung. Wenn ich noch einmal darf. Ja, wenn ich noch einmal darf! Gott hat mich einmal so auswegslos gestellt. Alles was ich unternommen habe, ist mißlungen. Eine Tür nach der anderen ist zugefallen. Auch solche, die ich für endgültig offen hielt. Von außen kam keine Hilfe.So bin ich jetzt gestellt: in eine enge Zelle gesperrt und gebunden. Es gibt nur zwei Auswege: den über den Galgen in das Licht Gottes und den über das Wunder in eine neue Sendung. An welchen ich glaube? — .... Der  „Kindergarten des Todes": Jeden Tag werden wir eine Stunde im Freien herumgeführt, stur im Kreis, gut bewacht, mit Gewehren etc. Da gehen wir dann im Kreise, alle gefesselt: Beamte, Offiziere, Arbeiter, Diplomaten und Wirtschaftler. An  manchen Ecken kann man gegen die Wand sprechen, dann hört es der Hintermann. So werden die Gespräche im  "Kindergarten  des Todes" geführt.

Gott schütze Euch alle. .


Ende Oktober 1944

Ich schreibe  wieder ein paar Grüße. Ob sie Euch erreichen, weiß ich nicht, wie ich überhaupt von niemanden etwas weiß außer von den Leuten hier im Eisen, die jeden Tag weniger werden...
Ich bin so dankbar um die Hostie, die ich seit dem 1. X. in der Zelle habe. Sie bricht die Einsamkeit, obwohl ich - zur Schande sei's  gesagt - manchmal so müde und zerstört bin, daß ich diese Realität gar nicht mehr aufnehme.

22. November 1944.

. . . Diese Woche war in vieler Hinsicht  sehr bewegt. Drei von uns sind  sind den Weg gegangen, der als bittere Möglichkeit  vor uns allen steht und von dem uns nur Gottes Wunder  trennen und  bewahren können. Innerlich habe ich viel mit dem dem Herrgott  zu tun und zu fragen und dranzugeben. Das eine ist mir so klar  und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll.  Aus allen Poren der Dinge quillt uns dies gleiche entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in  den bösen Stunden hängen. Wir erleben sie nicht  durch  bis zu dem Punkt, an dem sie aus Gott hervorströmen. Das gilt für das Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, liebende.
 

30. November

   . . . Heute ist wieder ein ganz schwarzer Tag. Gott meint es schon ganz intensiv mit mir, daß er mich so ausschließlich auf mich verweist. Ich bin wieder ganz isoliert seit einiger Zeit. Ich soll lernen, was glauben und vertrauen heißt. . . Es gibt auch gute Stunden der Fülle und Tröstung.  Aber im großen und ganzen sind wir doch auf ein Seil gestellt und sollen über einen Abgrund laufen und dazu schießen sie noch auf uns und dauernd fallen welche herunter. Manchmal sag' ich dem Herrgott, daß  ich ein Trösterl brauche. Er hat dann die sonderbarsten Antworten.  Neulich  haben  mir  die   beiden   Mariannen   an   einen  solchen Tag 20 Zigaretten und 5 Zigarren auf einmal heranschaffen können.  Und  dann das liebe  graue   Gebetbuch ... und ein paar Sachen, die so nach München schmeckten. Manchmal bitte ich auch um ein Wort der Führung und der Tröstung und schlage  aufs Geratewohl die Schrift auf. Gerade habe ich aufgeschlagen:  Jene,   die   glauben,   werden   folgende   Wunder wirken usw. ... Ich habe das „Spiel" noch einmal gemacht und diesmal   Mt. 20   aufgeschlagen,   wieder   ein   Wort   der   Zuversicht. Ach, wie begrenzt ist das Menschenherz in seinen eigensten Fähigkeiten, im Hoffen und Glauben.
Es braucht Hilfe, um zu sich selbst zu kommen und nicht zu zerflattern wie ein paar scheue, halbflügge Vögel, die aus dem Nest gefallen.  „Der Glaube als Tugend ist das Jasagen Gottes zu sich selbst in der Freiheit der Menschen" hab' ich einmal gepredigt. Darum geht es jetzt, genau darum. Bitte und hoffe und glaube mit, daß der Herr uns bald ans andere Ufer bringt und wieder auf festen Boden stellt. Wir wollen ihn nicht mehr für so fest ansehen, als wir es manchmal taten. Ich wollte so gern etwas Zusammenhängendes schreiben. Aber die Lektüre und alles ist so zufällig. Ist das schon ein Segen. Und dann ist mit diesen gebundenen Händen schreibmäßig nichts zu machen. Die paar Momente, in denen wir los sind, geben nicht aus. . . .

Anfang Dezember 1944

. . . Heute ist ein böser Tag. Manchmal drängt sich das ganze Schicksal in eine Last zusammen und legt sich einem aufs Herz und man weiß wirklich nicht, wie lange man dies alles diesem Herzen noch zumuten soll. . . . Ich glaube an Gott und an das Leben. Und um was wir gläubig bitten, das wird uns. Gott hat mich gründlich gestellt, ob ich meine alten Worte einlöse: mit ihm allein laßt sich leben und das Schicksal durchstehen. . . . Verzeiht, daß ich neulich so gebettelt hab' um ein Wort des Glaubens. Ich will wirklich wissen, ob Ihr noch an mich und an mein Wiederkommen glaubt. Manchmal möchte ich ich das wirklich und so aus der Einsamkeit heraus. Ich glaube noch an mich, aber sonst gibt mich doch alles auf. Man hat mich sehr ernst ermahnt, den Tod doch ernster zu nehmen, die Sachlage nicht zu verkennen. Gute Freunde haben mir das geschrieben ...... Daß ich auf dem Seil bin, weiß ich. Daß ich ohne Gottes besondere Hilfe nicht rüberkomme, weiß ich auch. Aber ich glaube daran, daß er mir helfen wird und sag' das jeden Tag.  Wann nun die Entscheidung ist, ist wieder ganz offen. Gestern sah es so aus, als ob sich die Sache noch bis Weihnachten verzögere. Heute heißt es wieder, bereits nächste Woche. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, was es ist, aus seiner Hand zu leben. Das hätten wir immer sollen. Aber ich habe manchmal sehr auf eigene Faust und Sicherheit gelebt. Und bin dadurch so vielen Leuten so vieles schuldig geblieben. . . .

18. Dezember 1944

. . . Also, es ist jetzt sicher, daß nächste Woche am Dienstag und Mittwoch die Entscheidung fallt. Das Wunder muß darin bestehen, das fertige Todesurteil, das die Herren in der Tasche mitbringen, umzustoßen. Wenn nicht, sind wir am Mittwoch vor den Augen und, wenn Gott gnädig ist, im Lichte Gottes. Ich habe auch jetzt nicht das Gefühl, einen Abschiedsbrief zu schreiben. Immer, wenn die Entscheidung hart auf hart kommt, erscheint diese ruhige Sicherheit. Ich hab' die ganze Zeit nie das Gefühl gehabt, verloren zu sein, so oft man es auch mir gesagt hat. Irgendwo war die ganze schemenhafte Angelegenheit eine unwirkliche Sache, die mich nichts anging. Es kamen auch wieder die Stunden, in denen Petrus den Wind ernst nahm und die Wellen und anfing zu zagen. Daß Gott sich so anstrengen mußte, um mir den Blick auf den Gipfel freizumachen, hatte ich mir nicht gedacht. Jetzt ist alles in Gottes Hand. Ich werde mich wehren, so gut es geht. Hoffentlich geht es physisch einigermaßen. Schade, daß wir vorher hier wegkommen. Drüben beginnt das Hungern wieder. Und das ist etwas ganz Schuftiges, hungrig und müde in dieser Wucht und Wut der Angriffe zu stehen. Daß ein Stück Brot eine große Gnade ist, habe ich früher manchmal gesagt. Heute weiß ich es aus bitterer Erfahrung. Wie es nun  weitergeht, weiß ich nicht. Ich habe bis jetzt nur das Gefühl durchzukommen.   Obwohl   ich   dafür   noch   keine reale Grundlage  sehe. Ach, ich wollte, ich könnte auf eine Stunde zu Euch kommen. Nicht wegen  mir. Ich glaube, ich werde frohe Weihnachten feiern.  Aber um bei Euch zu sein und Euch ein wenig Weihnachten in die Seelen geben zu können, dürfen. Ich werde Euch einen großen Segen schicken und das Kind, das große Geheimnis der Welt bitten, bei Euch zu sein. Jetzt heißt es halt weiter warten und aushalten. Ich habe Gott sehr um um ein Weihnachtslicht gebeten.
Vielleicht hat er wieder eine seiner guten  Überraschungen. Ach, er hat so viele Möglichkeiten um aufzurichten  und  ein   Stück  weiter zu  führen. Wie oft habe ich  das   schon  erfahren  in   diesen langen  und bangen Wochen. Ich bin guter Zuversicht. Es ist so tröstlich, das Gebet  und die Treue der Freunde hinter sich zu wissen. Das sind andere Realitäten,   und  mit   ihnen   werden   wir   es schaffen. Gott gegen die Macht; Gott, gerufen von der Treue und der Liebe und  der Zuversicht. Ich möchte Euch  einige Lichter anzünden, Ihr Freunde. Ihr seid  so weit mitgegangen in meine Nacht und habt Eure eigene noch zu bestehen. Wir tragen alles gemeinsam, gelt? Zusammen packen wir es wieder ein Stück, und mitten in der Nacht  wird das  Licht erscheinen. Es wird schon. Helfen wir einander.....

Nach Weihnachten

... Weihnachten war schön und ruhig. Ich hab' Eure Hilfe und Nähe sehr gespürt.

 Einmal wird auch der Advent, der im Sommer begonnen hat, ein Licht finden und seine Erfüllung und  Weihnacht. Ich hatte mich eigentlich gefürchtet vor diesen Tagen. Aber sie waren ruhig und gesegnet. Die Messe in der Nacht war meine  schönste bisherige Weihnachtmesse.  Von der Sache und den Sorgen bin ich ziemlich losgekommen. Und ein paarmal hab' ich mir sogar zu träumen erlaubt, was wäre, wenn ich bald nach München käme. Hab meine Mutter besucht und Dich und andere Freunde. Alles Gute zum neuen Jahr. Gottes Schutz und Segen; Gelingen und Mut und Kraft und Freude im Herrn — trotz allem. Und auf Wiedersehen.

11. Januar 1945

Nun muß ich doch einen Abschiedsbrief schreiben. Der Herrgott will anscheinend das ganze Opfer und den anderen Weg. Das Todesurteil ist beantragt, und die Atmosphäre ist so voll Haß und Feindseligkeit, daß ich keinen Ausweg mehr sehe. Haß und Feindseligkeit haben die ganze Verhandlung geführt. In ihren eigentlichen Belastungspunkten kam die Anklage zu Fall. Aber vom ersten Wort an habe ich gewußt, daß das Ergebnis fertig ist. Nun bin ich innerlich in einer ganz eigenen Lage. Obwohl ich weiß, daß ich nach dem normalen Verlauf der Dinge heute abend sterben werde, ist es mir gar nicht so zu Mute. Vielleicht ist Gott gnädig und spart mir die Todesangst auf bis zu den letzten Stunden. Oder soll ich immer noch an das Wunder glauben?

14. Januar 1945

 . . . Wie lange ich nun hier warte, ob und wann ich getötet werde, weiß ich nicht. Der Weg von hier bis zum Galgen nach Plötzensee ist nur 10 Minuten Fahrt. Man erfährt es erst kurz vorher, daß man heute, und zwar gleich „dran" ist. Nicht traurig sein. Gott hilft mir so wunderbar und spürbar bis jetzt. Ich bin noch gar nicht erschrocken. Das kommt wohl noch. Vielleicht will Gott diesen Wartezustand als äußerste Erprobung des Vertrauens. Mir soll es recht sein. Ich will mir Mühe geben, als fruchtbarer Same in die Scholle zu fallen, für Euch alle und für dies Land und Volk, dem ich dienen und helfen wollte.


Nach der Verurteilung

Das   ist   ein   eigenartiges   Leben   jetzt.  Man  gewöhnt  sich so schnell  wieder  an das Dasein und muß  sich das   Todesurteil ab und zu gewaltsam in das Bewußtsein zurückrufen. Das ist ja das Besondere bei diesem Tod, daß der Lebenswille ungebrochen und jeder Nerv lebendig ist, bis die feindliche Gewalt alles  überwältigt.    Sodaß   die   gewöhnlichen   Vorzeichen und Mahnboten des Todes hier ausbleiben. Eines Tages wird eben die Tür aufgehen und der gute Wachtmeister wird sagen: einpacken, in einer halben Stunde kommt das Auto. Wie wir es so oft gehört und erlebt haben. Bis jetzt hat mir der Herrgott sehr herrlich und herzlich geholfen. Ich bin noch nicht erschrocken und noch nicht zusammengebrochen. Die Stunde der Kreatur wird schon  auch noch schlagen. Manchmal kommt eine Wehmut über mich, wenn  ich an das denke, was ich noch tun wollte. Denn jetzt bin ich  erst  Mensch geworden, innerlich frei und viel echter und wahrhafter, wirklicher als früher. Jetzt erst hat das Auge den plastischen Blick für alle Dimensionen und die Gesundheit für alle Perspektiven.  Die Verkürzungen  und Verkümmerungen  beheben sich.  -  Ja,  und   dann  die   Menschen,   die   eben  zurück bleiben. Ganz ehrlich gesagt, ich glaube noch nicht an den Galgen.  Ich weiß nicht, was das ist. Vielleicht eine große Gnade und Hilfe des väterlichen Gottes, der mich so die Wüste bestehen läßt, ohne in ihr verdursten zu müssen. Während der ganzen Verhandlung,   auch   als   ich bemerkte,   das   „Wunder"   bleibt aus, war ich weit oben drüber und unberührbar durch all die Vorgänge und Aussichten. Ist das das Wunder oder was ist das? Ich bin Gott gegenüber wirklich in Verlegenheit und muß mir darüber  klar werden. Die ganzen bitteren Monate der Reife und des Unglücks stehen unter einem ganz eigenartigen Gesetz. Von der ersten Minute an war ich innerlich sicher, es würde alles gut gehen. Gott hat mich in dieser Sicherheit immer wieder bestärkt. Ich  habe  in diesen letzten Tagen gezweifelt und überlegt, ob ich Selbsttäuschungen zum Opfer gefallen bin, ob sich mein Lebenswille in religiöse Einbildungen sublimiert hat oder was das war. Aber diese vielen spürbaren Erhebungen mitten im Unglück ; diese Sicherheit und Unberührtheit in allen Schlägen; dieser gewisse „Trotz", der mich immer wissen ließ, es wird ihnen die Vernichtung nicht gelingen; diese Tröstungen bei Gebet und beim Opfer; diese Gnadenstunden vor dem Tabernakel; diese erbetenen und immer wieder gegebenen und gewährten Zeichen: ich weiß nicht, ob ich das alles jetzt weg tun darf. Soll ich weiter hoffen? Will der Herrgott das Opfer, das ich ihm nicht versagen will, oder will er die Bewährung des Glaubens und Vertrauens bis zum äußersten Punkt der Möglichkeit? Und dies ist das zweite Gesetz, unter dem diese Wochen stehen: es ging alles schief, was ich unternahm, um mir zu helfen. Ja, nicht nur schief, es war eigentlich immer zum Unheil. Der ganze äußere Verlauf war Scheitern und Schiffbruch  Ohnmacht über Ohnmacht. Und dazwischen wieder die ganze eigenartige Art unseres Unglücks: daß wir in Tegel bleiben; daß  wir heute noch leben. Was will der Herrgott mit alledem? Ist es Erziehung zur ganzen Freiheit und vollen Hingabe? Will er den ganzen Kelch bis zum letzten Tropfen und gehören dazu diese Stunden des Wartens und eigenartigen Advents? Oder will er die Glaubensprobe? Die Atmosphäre hier ist so verdorben für mich, daß auch Gnadengesuch keine Aussicht hat. Ist es Torheit, noch zu hoffen, oder Einbildung oder Feigheit oder Gnade? Ich sitze da vor dem Herrn und schaue Ihn nur fragend an. Auf jeden Fall muß ich mich innerlich gehörig loslassen und mich hergeben. Es ist Zeit der Aussaat, nicht der Ernte. Gott sät; einmal wird er auch wieder ernten. Um das eine will mich bemühen; wenigstens als fruchtbares und  gesundes   Saatkorn  in die Erde zu fallen. Und in des Herrgotts Hand. Wenn der  Herrgott  diesen Weg  will — und   alles   Sichtbare   deute darauf hin —, dann muß ich ihn freiwillig und ohne Erbitterung gehen.
Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind. Ich bitte auch die Freunde, nicht zu trauern, sondern für mich zu beten, solange ich der Hilfe bedarf. Und sich nachher darauf zu verlassen, daß ich geopfert wurde, nicht erschlagen. .  . Ehrlich und gerade: ich würde gern noch weiterleben und gern und jetzt erst recht weiterschaffen und viele neue Worte und Werte verkünden, die ich jetzt erst entdeckt habe. Es ist anders gekommen. Gott halte mich in der Kraft, Ihm und Seiner Fü­gung und Zulassung gewachsen zu sein. Es bleibt mir noch, vielen Menschen für ihre Treue und Güte und Liebe zu danken. Dem Orden und den Mitbrüdern, die mir einen schönen und echten geistigen Lebensraum schenkten. Und den vielen echten Menschen, denen ich begegnen durfte. Wer gemeint ist, weiß es schon. Ach, Freunde, daß die Stunde nicht mehr schlug und der Tag nicht mehr aufging, da wir uns offen und frei gesellen durften zu dem Wort und Werk, dem wir innerlich entgegenwuchsen. Bleibt dem stillen Befehl treu, der uns innerlich immer wieder rief. Behaltet dieses Volk lieb, das in seiner Seele so verlassen und so verraten und so hilflos geworden ist. Und im Grunde so einsam und ratlos, trotz all der marschierenden und deklamierenden Sicherheit. Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Liebe und Güte, ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war, hat sein Leben einen Sinn gehabt. Auch die will ich nicht vergessen, denen ich Schuldner bleiben muß. Ich bin vielen vieles schuldig geblieben. Denen ich wehe getan, sie mögen mir verzeihen. Ich habe gebüßt. Zu denen ich unwahr und unecht war, sie mögen mir verzeihen. Ich habe gebüßt. Zu denen ich anmaßend und stolz war, sie mögen mir verzeihen. Ich habe gebüßt. O ja, in den Kellerstunden, in den Stunden der gefesselten Hände, des Körpers und des Geistes, da ist vieles zerbrochen. Da ist vieles ausgebrannt, was nicht würdig und wertig genug war. So lebt denn wohl. Mein Verbrechen ist, daß ich an Deutschland glaubte auch über eine mögliche Not- und Nachtstunde hinaus. Daß ich an jene simple und anmaßende Drei-Einigkeit des Stolzes  und der Gewalt nicht glaube. Und daß ich dies tat als katholischer Christ und als Jesuit. Und so will ich zum Schluß tun, was ich so oft tat mit meinen gefesselten Händen und was ich tun werde, solange ich noch atmen darf: segnen. Segnen Land und Volk, segnen dieses liebe, deutsche Reich in seiner Not und inneren Qual; segnen die Kirche, daß die Quellen in ihr wieder reiner und heller fließen; segnen den Orden, daß er echt und geprägt und frei sich selbst treu bleibt durch die selbstlose Treue an alles Echte und an alle Sendung; segnen die Menschen, die mir geglaubt und vertraut haben; segnen die Menschen, denen ich Unrecht tat; segnen alle, die mir gut waren, oft zu gut. Ich aber will hier ehrlich warten auf des Herrgotts Fügung und Führung. Ich werde auf Ihn vertrauen, bis ich abgeholt werde. Und ich werde mich mühen, daß mich auch diese Lösung und Losung nicht klein und verzagt findet.

Letzter Brief an die Mitbrüder

2. Februar 1945

Liebe Mitbrüder, nun muß ich doch den anderen Weg nehmen. Das Todesurteil ist beantragt, die Atmosphäre ist so voll Haß und Feindseligkeit, daß heute mit seiner Verkündigung und Vollstreckung zu rechnen ist. — Ich danke der Gesellschaft Jesu und den Mitbrüdern für alle Güte und Treue und Hilfe, auch und gerade in diesen schweren Wochen. Ich bitte um Verzeihung für vieles, was falsch und unrecht war, und ich bitte um etwas Hilfe und Sorge für meine alten, kranken Eltern. — Der eigentliche Grund der Verurteilung ist der, daß ich Jesuit bin und geblieben bin. Eine Beziehung zum 20. Juli war nicht nachzuweisen. Auch die Stauffenberg-Belastung ist nicht aufrechterhalten worden. Andere Strafanträge, die wirklich Kenntnis des 20. Juli betrafen, waren viel milder und sachlicher. Die Atmosphäre war so voll Haß und Feindseligkeit. Grundthese: ein Jesuit ist a priori der Feind und Widersacher des Reiches. So ist das Ganze von der einen Seite eine Komödie gewesen, auf der anderen aber ein Thema geworden. Das war kein Gericht, sondern eine Funktion des Vernichtungswillens. Behüt Sie alle der Herrgott!  Ich bitte um ihr Gebet. Und ich werde mir Mühe geben, von drüben aus das nachzuholen, was ich ich hier schuldig geblieben bin.
Gegen Mittag werde ich noch zelebrieren und dann in Gottes Namen den Weg Seiner Fügung und Führung gehen. Ihnen Gottes Segen und Schutz!


Ihr dankbarer

Alfred Delp, S. J.

Alfred Delp S. J.

 

Lampertheim1907 bis 1945 Berlin Plötzensee bis 1945

An sein Patenkind

Zum Kreisauer Kreis, in dem Graf Helmuth James Moltke auf seinem schlesischen Besitz Gleichgesinnte vereinte, um gemeinsam Mittel und Wege zu finden, die Deutschland doch noch vor dem Zusammenbruch zu bewahren vermöchten, gehörte der junge Jesuitenpater, der nach dem mißglückten Attentat des Grafen Stauffenberg vom 20. Juli 1944 verhaftet und ins Gefängnis Tegel gebracht wurde. Am g. Januar 1945 wurde er u. a. mit Moltke zum Tode am Galgen verurteilt.

Sein Zellennachbar Engen Gerstenmaier, der spätere Präsident des Bundestags, hat das überdimensionale Duell geschildert, in dem Pater Delp gegen Freister, den blutdurstigen Präsidenten des Deutschen Volksgerichtshofes, unerschrocken das Christentum verteidigte, der Gefängnisseelsorger Buchholz Delps Fassung und Ruhe gerühmt, daß er lieber zu ihm als für ihn beten mochte.

 

 

23. Januar Lieber Alfred Sebastian,

als große Freude und Ermunterung erhielt ich heute die Nachricht von Deiner Geburt. Ich habe Dir gleich mit meinen gebundenen Händen einen kräftigen Segen geschickt, und da ich nicht weiß, ob ich Dich im Leben je sehen werde, will ich Dir diesen Brief schreiben, von dem ich aber auch nicht weiß, ob er je zu Dir kommen wird. Du hast Dir für den Anfang Deines Lebens eine harte Zeit ausgesucht . Aber das macht nichts. Ein guter Kerl wird mit allem, fertig. Du hast gute Eltern, die werden Dich schon lehren, wie man die Dinge anpackt und meistert.

Und Du hast Dir zwei gute Namen geben lassen. Alfred, das war ein König, der für sein Volk viel betete, viel arbeitete und viele harte  Kämpfe gewann, die Menschen haben ihn nicht immer verstanden und ihn oft arg bekämpft. Später haben sie erkannt, was er für sein Volk getan hat und haben ihn den Großen geheißen. Das Volk Gottes  aber nannte ihn den Heiligen. Vor Gott und vor den Menschen hat n sich bewährt. Sebastian, das war ein tapferer Offizier des Kaisers und des Herrgotts, da aber der Kaiser von Gott nichts wissen wollte, machte er aus seiner Torheit spitze Pfeile des Hasses und des Mißtrauens und ließ damit seinen Offizier zusammenschießen. Sebastian, kam noch einmal zu sich, mit zerschundenem Körper und ungebrochenem Geist. Er hielt dem Kaiser seine Torheit vor, der ihn für seinen Freimut erschlagen ließ. Das aber kannst Du ja überall lesen, und Deine Eltern werden es Dir längst erzählt haben, liebes kleines Patenkind. Ich will Dich nur daran erinnern, daß in Deinen Namen eine hohe Pflicht liegt, man trägt seinen Namen würdig und ehrenhaft, mutig und zäh und standhaft mußt Du werden, wenn Deine Namen Wahrheit werden sollen in deinem Leben.

Ja, mein Lieber, ich möchte Deinem Namen auch noch eine Last, ein Erbe zufügen. Du trägst ja auch meinen Namen. Und ich möchte, daß Du das verstehst, was ich gewollt habe, wenn wir uns nicht richtig kennenlernen sollten in diesem Leben; das war der Sinn, den ich meinem Leben setzte, besser, der ihm gesetzt wurde: die Rühmung und Anbetung Gottes vermehren; helfen, daß die Menschen nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit leben und Menschen sein können. Ich wollte helfen und will helfen einen Ausweg zu finden aus der großen Not, in die wir Menschen geraten sind, und in der wir das Recht verloren, Menschen zu sein. Nur der Anbetende, der Liebende, der nach Gottes Ordnung Lebende ist Mensch und ist frei und lebensfähig. Damit habe ich Dir etwas gesagt, was ich Dir an Einsicht und Aufgabe und Auftrag wünsche.

Lieber Alfred Sebastian, es ist viel, was ein Mensch in seinem Leben leisten muß. Fleisch und Blut allein schaffen es nicht. Wenn ich jetzt in München wäre, würde ich Dich in diesen Tagen taufen, das heißt: ich würde Dich teilhaft machen der göttlichen Würde, zu der wir berufen sind. Die Liebe Gottes, einmal in uns, adelt und wandelt uns. Wir sind von da an mehr als Menschen, die Kraft Gottes steht uns zur Verfügung, Gott selbst lebt unser Leben mit, das soll so bleiben und immer mehr werden, Kind. Daran hängt es auch, ob ein Mensch einen endgültigen Wert hat oder nicht. Und er wird ein wertvoller Mensch werden.

Ich lebe hier auf einem sehr hohen Berg, lieber Alfred Sebastian. Was man so leben nennt, das ist weit unten, in verschwommener und verworrener Schwärze. Hier oben treffen, sich die menschliche und gött-

liehe Einsamkeit zu ernster Zwiesprache. Man muß helle Augen haben, sonst hält man das Licht hier nicht aus. Man muß gute Lungen haben, sonst bekommt man keinen Atem mehr. Man muß schwindelfrei sein., der einsamen, schmalen Höhe fähig, sonst stürzt man ab und wird ein Opfer der Kleinheit und Tücke. Das sind meine Wünsche für Dein Leben, Alfred Sebastian: helle Augen, gute Lungen und die Fälligkeit, die freie Höhe zu gewinnen und auszuhalten. Das wünsche ich nicht nur Deinem Körper und Deinen äußeren Entwicklungen und Schicksalen, das wünsche ich viel mehr Deinem innersten Selbst, daß Du Dein Leben mit Gott lebst als Mensch in der Anbetung, in der Liebe, im freien Dienst.

Es segne und führe Dich der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Dein Patenonkel Alfred Delp

Das habe ich mit gefesselten Händen geschrieben; diese gefesselten Hände vermach' ich Dir nicht, aber die Freiheit, die die Fesseln trägt und in ihnen sich selbst treu bleibt, die sei Dir schöner und zarter und geborgener geschenkt.

 

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider