BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

MAX-ULRICH GRAF VON DRECHSEL

Hauptmann

1911 - 1944

 

Geboren am 3. Oktober 1911 in Schloß Karlstein/Oberpfalz.
Hingerichtet am 4. September 1944 in Plötzensee im Zusammenhang mit den Ereignissen des 20. Juli 1944.
 

" Er war geliebt von Gott und den Menschen; sein Andenken  bleibt gesegnet."

 

 

Berlin, den 3. September 1944

Liebe Eltern!

 

Heute kann ich Euch nochmal schreiben; am 16. 8. habe ich Euch schon von hier aus geschrieben; eine Antwort oder Besuch von Euch habe ich nicht erhalten, weiß aber, daß beides erfolgt wäre, wenn Ihr die Möglichkeit gehabt hättet. Liebe Eltern, in Gedanken und im Gebet waren wir diese letzten drei Wochen unendlich oft vereinigt; denn so oft meine Gedanken zu Euch, den geliebten Geschwistern und dem guten Karlstein gingen, war ich mir bewußt, daß wir uns auf dieser geistigen Verbindungslinie begegnet sind. Morgen findet meine Verhandlung statt; ich sehe dem Tod ruhig und gefaßt entgegen.
Eine große Gnade war es für mich, diese lange Vorbereitungszeit von drei Wochen zu haben, während der ich im Gebet viel Trost, Stärkung und Erleuchtung erfahren habe. Der liebe Gott hat mir oft wunderbar geholfen. Ich bin Ihm viel näher gekommen, und Er hat mir namentlich die Gnade geschenkt, Ihn recht von Herzen lieben zu lernen
 ... Ich habe ja ein so schönes Leben gehabt! In erster Linie verdanke ich das Euch, Ihr lieben Eltern! Vom Anfang bis zum Ende meines Lebens wart Ihr, unser Heim Karlstein der Dreh- und Angelpunkt meiner ganzen Gedanken; nirgends habe ich mich so wohl gefühlt wie dort; wie schön noch zum Abschluß der letzte Urlaub! Dieser heißen Heimatliebe ist im Ursprung auch meine Tat entsprungen, wenn sie auch in Ausführung und Folgen ganz andere Wege ging...
Heute, Sonntag, hat es ein gutes Essen gegeben; da bin ich ganz guter Laune und möchte „Schwarze Katze" spielen; überhaupt dürft Ihr nicht glauben, daß ich meinen Humor verloren habe. Wie gesagt, ich habe es im Leben schön gehabt, jetzt freue ich mich auf den Himmel; ich habe das feste Gottvertrauen, daß ich hineinkomme. Hoffentlich dauert das Fegefeuer nicht zu lange; Ihr werdet mir schon helfen! Wen wird man da alles wiedersehen!
.... Aber man weiß ja gar nicht, wie alles werden wird; aber sicher sehr, sehr schön. Oft habe ich schon solche Sehnsucht danach und freue mich wirklich darauf! Ich bin überall so vielen lieben, netten, aufmerksamen Menschen auf meinem Lebensweg begegnet und so viele Freundschaften auf allen Etappen meines Erdenlebens gehabt. Allen Dank und Erinnerung! Besonders schön war als letzte Lektüre Walter Flex, Der Wanderer zwischen zwei Welten. Ein schöner Gedanke daraus: „Klagt nicht, daß ich allein, freudlos gestorben bin.
Ich bin bei dir, so spricht der Herr, daß Ich dir helfe." Und „Was ihr Lebenden Sterben nennt, das nennen wir Tote Geborenwerden". Zuletzt noch ein einfacher Vers, der mir in Gedanken an die Kapelle zu Hause eingefallen ist:

Heilige Muttergottes von Karlstein,
Wollest stets unsere Beschirmerin sein,
Beschütze Eltern, Geschwister, Heimat mein,
Führ mich zu Dir in den Himmel hinein,
Will für und für Dein Kind sein.

Amen.

Nun flehe ich noch um die Gnade, einen Priester und die Sterbesakramente zu bekommen. Wenn nicht, so weiß ich als Katholik ja, was ich zu tun habe und habe es auch schon wiederholt getan. Seid nicht traurig; auf Wiedersehen im Himmel!

In heißer Liebe umfängt Euch

Euer dankbarer Maxi

 

4. September 1944

Liebe Eltern! Das Urteil ist gesprochen, nur kurze Zeit trennt mich noch von der Vollstreckung.
Seid nicht traurig, wenn Ihr an mich denkt, sondern fröhlich.
Fröhlich sollt Ihr mit den Menschen und mit meinen Freunden über mich sprechen, dann werde auch ich  gern, gern geistig bei Euch sein, der ich im Leben stets froh war.
Ach, ich vergesse schon auf alles Irdische und sehe schon  Gott vor mir, wie er liebreich die Arme ausbreitet, um mich aufzunehmen. Er hat mir die Gnade der vollkommenen Reue gegeben; voll Vertrauen zu Ihm, dem allgütigen Richter, trete ich nun den Weg an.
Möge Er Euch allezeit beschirmen und Euch Euer wahrhaft christliches Leben, mit dem Ihr Euern Kindern das Wichtigste und Schönste fürs Leben als Vorbilder vorgelebt habt, auf Erden und im Himmel vergelten. Es sei Euch ein friedlicher Lebensabend beschieden, ein gutes Sterben und dann die ewige Glückseligkeit. Dort werden wir uns dann nach Gottes Willen wiedersehen. Nun betet noch für meine arme Seele, verzeiht mir den Kummer und die vielen Sorgen, die ich Euch bereitet habe.

Grüßt nochmals Alles, die heißgeliebte Heimat;

seid innigst umarmt von Eurem dankbarsten Sohne Maxi

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider