BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

HEINRICH FEURSTEIN

1878 - 1942


Priester

Dr. Heinrich Feurstein, geboren 1876, wirkte 36 Jahre hindurch als Pfarrer in Donaueschingen, ein sich ganz seinem Beruf hingebender Priester und ein Wohltäter für die Armen seiner Gemeinde. Als der Nationalsozialismus seine Herrschaft in Deutschland aufrichtete, legte Feuerstein furchtlos , in Treue gegenüber seinen priesterlichen Pflichten und seinem Gewissen, Zeugnis für die christliche Wahrheit gegen ihre mächtigen Verderber ab.
Er wußte, daß er damit sein Leben zum Opfer darbrachte. Seine Predigten erweckten das Mißfallen der Behörden. Nachdem er in seiner Neujahrspredigt des Jahres 1942 kühne Worte gegen das Widerchristentum  gesprochen hatte, wurde er seiner Erwartung gemäß verhaftet.  Am 31. Juli 1942 erlag sein durch Krankheit geschwächter Körper den Grausamkeiten der Haft im KZ in Dachau. In seinem Tode verwirklichte er die ahnungsvollen Worte seiner Predigt vom Seelensonntag 1941: „Der Tod ist nur scheinbar ein Verlust, in Wirklichkeit ein Gewinn, weil im Tode die hemmenden Schranken des Fleisches fallen und die Seele ungehindert hineinflammt in jenes andere Leben am Herzen Gottes, dessen kein Ende ist.  Der Tod ist daher höchster Gewinn. So gesehen, verblassen alle Schrecken des Todes, und das Rätsel des Sterbens ist gelöst: der Tod ist nicht mehr Grausamkeit der Natur, sondern eine der ganz großen Erbarmungen Gottes — Hingang zum Vater."
 

Predigt vom Stefanstag 1941
 

Der heilige Stephanus!
Selten, daß uns ein Heiliger der kirchlichen Frühzeit so an  die Seele greift wie diese liebenswürdige Gestalt.
Er war Märtyrer, Blutzeuge für seinen heiligen Glauben. Der erste Märtyrer, die erste reife Frucht am Baum der jungen Kirche. Wir müssen uns über die Größe des Märtyrers klar sein; das Martyrium ist etwas Großes als freiwillige Tat.
Mancher Kranke leidet vielleicht mehr als ein Märtyrer litt, aber die Krankheit kommt über ihn als Verhängnis, ohne seinen Willen, und er hat Stunden, wo er sein Joch abschütteln möchte. Andere tragen schwer unter der Last ihres Berufes, an Vermögensverlusten, an den Folgen des Krieges, an dem Verlust lieber Menschen.
Das ist Schicksal, Verhängnis, höhere Fügung, der man sich nicht entziehen kann. Aber der Märtyrer konnte anders: Er geht mit freier Entscheidung in den harten Tod, er weiß, daß seine Predigt, seine Lehre, sein Verhalten, sein offenes Bekenntnis zu Christus ihm das Leben kostet, und trotzdem setzt er die Tat, in vollem Bewußtsein der Tragweite seines Handelns.

Gewiß nicht ohne Bangen, ohne den Reiz der Welt zu verspüren, ohne die Versuchung, irgendwie sein Leben zu retten. Aber er ringt sich durch, und während rechts und links die Feigen sich ducken und fallen, bleibt er fest wie ein Fels. Er gehört zu den Gesiebten, die die Probe des Satans aushalten.
Märtyrer sein, heißt sich selbst in den Glutofen des Leidens stürzen, den Sturm kommen fühlen und ihn über sich ergehen lassen, als Ruf der Pflicht, um Christi willen und zur Ehre seiner heiligen Kirche.
Und noch ein Zweites.  Das Martyrium ist uns groß, weil es ein öffentlich schmachvolles Sterben ist, begleitet von dem wilden Triumph eines gehässigen Pöbels. Wenn wir Schmerzen haben, können wir sie friedlich zu Hause austragen, gehegt und gepflegt von liebenden Menschen, und wenn es zum Sterben kommt, wird irgend ein guter Mensch uns die Augen zudrücken.
Anders der Märtyrer. Er stirbt als Gegenstand des Hasses, er verfällt der allgemeinen Verachtung. Während selbst der Verbrecher manchmal Mitleid erntet, ist sein Ende verflucht. Aber das alles dauert nur einen Augenblick: in der kurzen Spanne seines heiligen Todes besitzt er die Krone des Lebens, und nach kurzen Jahren und Jahrzehnten, wenn der Allmächtige die Verfolger mit dem Hauche seines Mundes getötet hat, beginnt sein Nachruhm auf ewige Zeiten, indes die Feigen, die ihre Seele verkauften, der Vergessenheit anheim fallen.
Die langen Friedensjahre haben bei uns die Meinung hochkommen lassen, als ob der Märtyrer der Vergangenheit angehört.
Nichts ist falscher als das. Das Martyrium als Bekenntnis, als gefahrvolles Bekenntnis, ist mit jeder gesunden Entwicklungsspanne unserer heiligen Kirche naturnotwendig verbunden. Das muß so sein, weil das Christentum dem Geiste der Welt entgegengesetzt ist, weil sich seine Auseinandersetzung mit der Welt dauernd in polaren Gegensätzen, in ewigen Spannungen vollzieht.
Die Zeugenschaft, das Martyrium, das blutige und unblutige, gehört daher zu den Baugesetzen der Kirche und ist keine Ausnahme sondern die Regel. Selig die Zeiten, in denen dieser Gegensatz lebendig ist, wo sich die großen Entscheidungen vollziehen, wo in mutigem Bekenntnis oder in feiger Verleumdung sich die Geister scheiden, wo die Spreu vom Weizen sich trennt, und die Kirche als die treue Braut Christi sich darstellt ohne Makel und Runzel. Auch unsere Zeit ist von dieser Art. Auch wir erleben eine Wiederkehr des Märtyrertums in blutiger und unblutiger Form.

Wir grüßen sie, alle die Märtyrer unserer Tage, auch die unblutigen Zeugen ihres heiligen Glaubens, die wegen ihrer heiligen Überzeugung aus ihrer Stellung verdrängten Priester und Laien, alle die Abgesetzten, die Strafversetzten, die im Gefängnis und Konzentrationslager schmachtenden und bekenntnistreuen Laien. Vielleicht schlägt ihnen rascher die Stunde der Befreiung als es den Anschein hat. Auf alle Fälle werden sie in der Geschichte unserer Kirche fortleben als Confessores Christi, als Bekenner Christi.Beten wir heute wieder um den Geist des heiligen Stephanus, daß wir im Ernstfall als katholische Christen das tun, was die Stunde von uns verlangt.
Amen.

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider