BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

 Priester Clemens August Graf von Galen

 (1878  - 1946)

 

Der katholische Priester Clemens August Graf von Galen (1878 --‐ 1946) war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster in Westfalen. Er kritisierte öffentlich die Kirchen--‐ und  menschenfeindliche Politik der Nazis. In seiner Predigt am 3. August 1941 prangerte Er die Euthanasie als Mord an.

 

 

Auszug aus der „Euthanasiepredigt“ von Bischof Clemens--  August

Graf von Galen am 3. August 1941 in Münster

 

Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig  erhalten dann die  Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei  verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche  könne abgeliefert  werden.  Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden, dass man  dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe so genannt lebensunwertes Leben vernichten,  also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für  Volk und Staat nichts mehr wert.
Eine furchtbare Lehre, die, die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt! ... Deutsche Männer  und Frauen!
Noch hat Gesetzeskraft der §211 des Reichsstrafgesetzbuches, der bestimmt: ,«Wer einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.» Wohl um diejenigen, die jene armen Menschen, Angehörige unserer Familien, vorsätzlich töten, vor dieser gesetzlichen Bestrafung zu bewahren, werden die zur Tötung bestimmten Kranken aus der Heimat abtransportiert in eine entfernte Anstalt.
Als Todesursache wird dann irgendeine Krankheit angegeben. Da die Leiche Sofort verbrannt wird, können die Angehörigen und auch die Kriminalpolizei Hinterher nicht mehr feststellen, ob die Krankheit wirklich vorgelegen hat und Welche Todesursache  vorlag. Es ist mir versichert worden, dass man im  Reichsministerium des Innern und auf der Dienststelle des Reichsärzteführers Dr. Conti gar keinen Hehl daraus mache, dass tatsächlich schon eine grosse Zahl von Geisteskranken in  Deutschland  vorsätzlich getötet  worden ist und in Zukunft getötet werden soll.

...So müssen wir damit rechnen, dass Die armen, wehrlosen Kranken über kurz oder lang umgebracht werden. Warum? Nicht, weil sie ein todeswürdiges  Verbrechen begangen haben! Nicht etwa, weil sie ihren Wärter oder Pfleger angegriffen haben ... Nein, nicht aus solchen Gründen müssen jene unglücklichen Kranken sterben, sondern darum, weil sie nach dem Urteil irgendeines Amtes, nach dem Gutachten irgendeiner  Kommission lebensunwert geworden sind, ... Arme Menschen, kranke  Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen. Aber  haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als Produktiv anerkannt werden? Wenn man den Grundsatz  aufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe  uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüßt haben! 
 

Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invalide in die Heimat zurückkehren. Wenn einmal  zugegeben wird, dass Menschen das  Recht haben, unproduktive Mitmenschen zu töten, ...dann  ist der Mord an uns allen, wenn wir alt  und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben. Dann ist keiner Von uns seines Lebens mehr sicher.

 

 

STARTSEITE

VERZEICHNIS
___________________________

Auszug aus der „Euthanasiepredigt“ von Bischof Clemens--  August Graf von Galen am 3. August 1941 in Münster