BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Graf WILHELM

 1918 - 1943

Student

 
 

Geboren am 2. Januar 1918 in Kuchenhein/Elsaß.
Als Mitglied der Widerstandsgruppe an der Münchner Universität am 12. Oktober 1943 in München hingerichtet.

Gerichtsgefängnis  Neudeck

München, den 11. April 1943

Meine lieben Eltern und liebe  Mathilde, ich bin nun schon die dritte Woche hier.
Große Sorge mache ich mir um Euch — immer und immer warte ich auf eine Nachricht. Macht Euch nicht zu viel Gedanken über mich; die Hauptsache ist doch, wenn es Euch Allen gut geht.
Ich muß mein Geschick tragen und erleiden, wie es mich treffen wird. Ich bitte darum, ein starkes Herz zu haben und vertraue auf Gott.
In seiner Hand liegt mein Leben . . . Vorläufig weiß ich noch gar nicht, was die nächsten Wochen bringen werden.
Mit Geduld und Gottvertrauen muß ich einfach abwarten. ... In Gedanken sind wir verbunden, ich wünsche Euch eine gesegnete Zeit.

Von Herzen   
Euer Willi


 

München, den 2. Juli 1943

Meine lieben Eltern, liebe Mathilde und liebe Anneliese, ich bin froh darüber und dankbar, daß Ihr mich besucht habt, jetzt weiß ich wenigstens ein bißchen, wie es Euch Allen geht. In den paar Minuten konnten wir nur wenig erzählen, aber die Hauptsache ist, daß wir uns gesehen haben. Ich weiß nun, daß Ihr alle an die Sinnhaftigkeit dieser Ereignisse glaubt, an die  Fügung Gottes. Nur im Glauben vermögen wir es zu ertragen, in Seiner Hand liegt unser Schicksal . . .

In Liebe
Euer Willi

München, den 1. August 1943

.  . Meine Gedanken sind bei Euch, immer wieder empfehle ich Euch dem Schütze Gottes, von dem alles abhängt, und in dessen Händen unsere Schicksale ruhen. Dieses Bewußtsein allein vermag uns hier einen starken Mut zu geben, alles andere daneben wird unwichtig und bedeutungslos. Man kann das mit jedem Tag tiefer spüren. In diesem Gedanken sind wir vereint .

 .

15. August 1943

... So gehen die Dinge auch im Leid ihren Gang, obwohl man manchmal glauben möchte, die Zeit müsse stehen bleiben. Aber dann wird besonders deutlich, daß in jedem noch so schweren Geschick ein bestimmter Sinn liegt, der uns in dieser Welt wohl nicht mehr erklärt wird. Je härter die Zeit, um so näher sind wir bei Gott . . ,

10. September 1943

... Ich danke Euch ganz besonders für Eure Post, die mir soviel Freude macht und zur Beruhigung dient, wenn ich erfahre, daß es Euch daheim gut geht und auch Ihr alles Leid in Geduld und Gottvertrauen tragt. Dürfen wir nicht fast froh sein, daß wir in dieser Welt ein Kreuz auf uns nehmen können, das manchmal über menschliches Maß hinauszugehen scheint? In gewissem Sinn ist es eine „wörtliche" Nachfolge Christi. Wir wollen versuchen, dieses Kreuz nicht nur einfach zu tragen, sondern zu lieben und vollkommener zu leben im Vertrauen auf Gottes Ratschluß. Dann erfüllt sich der ganze Sinn in diesem schmerzvollen Leiden. Für uns ist der Tod nicht das Ende, sondern ein Durchgang, das Tor zum wahren Leben. Ich versuche mir diese Wirklichkeiten ganz bewußt werden zu lassen und bitte um Kraft und Segen dafür. So berühren einen die alltäglichen Dinge nicht mehr so stark, wie sie auch ausschauen mögen. Die Erfüllung des Lebens liegt nicht in ihnen. Aber die Liebe zu Deutschland wächst von Tag zu Tag, und ich nehme schmerzvollen Anteil an seinem Geschick und seinen großen Wunden . . .

12. Oktober 1943

Meine geliebten Eltern, meine liebe Mathilde und Anneliese! An diesem Tage werde ich aus dem Leben scheiden und in die Ewigkeit gehen. Vor allem schmerzt es mich, daß ich Euch diesen Schmerz bereiten muß. Trost und Stärke findet Ihr bei Gott, darum werde ich bis zum letzten Augenblick beten, denn ich weiß, daß es für Euch schwerer sein wird als für mich. Ich bitte Euch, Vater und Mutter, von Herzen mir zu verzeihen was ich Euch an Leid und Enttäuschung zugefügt habe. Verzeiht und betet immer wieder für mich! Seid stark und gefaßt - vertraut auf Gottes Hand, der Alles zum Besten lenkt, wenn es auch im Augenblick bitteren Schmerz bereitet. Wie sehr ich Euch geliebt habe, konnte ich Euch im Leben nicht sagen, nun aber, in den letzten Stunden sage ich Euch, daß ich Euch Alle von Herzen liebe und Euch verehrt habe.  . .
Die Liebe Gottes hält uns umfaßt, und wir vertrauen Seiner Gnade. Möge Er uns ein gütiger Richter sein. Mein letzter Gruß Euch Allen . . . Gottes Segen über uns, in Ihm sind wir und leben wir. Lebt wohl und seid stark und voller Gottvertrauen! Ich bin in Liebe immer

Euer Willi

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider