BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

PETER HABERNOLL

1924 - 1944

Schüler

 

 

Geboren 1924. Eingezogen als Siebzehnjähriger.
Am 27. März 1944 auf Grund der Anzeige eines Kameraden, mit dem er sich im Dezember 1943 unterhalten hatte, verhaftet. Am 14. Juli 1944 zum Tode verurteilt. Am 20. September 1944 erschossen.

Untersuchungsgefängnis Litzmannstadt,  12. Mai 1944

Liebe, kleine Mutti! Hab Dank für Deinen traurig - freudigen Frühlingsbrief.
Und ich will Dir auch gleich, wenn auch nur kurz, darauf antworten. Das geht nicht immer so schnell, wie sich das so kleine Muttis vorstellen. Es besteht dann nicht gleich Anlaß zum Sorgen machen und Traurigsein. Abgesehen davon, daß mir nicht immer zum Schreiben zumute ist.
Ohne daß ich immer gleich tieftraurig zu sein brauche, bin ich doch abhängig von dem, was man so „Stimmung" nennt und von der allgemeinen Atmosphäre in so einem Bau wie diesem und in so einer Zelle. An manchen Tagen auch starren einen diese glatt-grauen Wände so blöd an, daß man gar nichts mehr zu sagen weiß. Das Morgenstern-Bändchen, den Schüler und „West-Östliche Begegnung" und die herrlichen van Gogh- und Gauguin-Karten habe ich erhalten.
Meine Freude kann ich gar nicht so ausdrücken. Und ich glaube fast, man wird der Worte schon zu sehr entwöhnt durch dieses lange Schweigen. Im Augenblick bin ich beim Schiller. Die Leseatmosphäre ist gerade günstig in letzter Zeit, und diese Zeit muß man ja nützen.
Übrigens das einstündige Erlebnis der täglichen „Freistunde" mit Maienluft, Frühlingssonnenstrahlen und einem von kleinen weißen Sommerwölkchen betupften Himmel — und der Duft von jungen grünen Bäumen, brachten mich letztens ganz vom Thema ab.
Bei aller Geduld, die ich gefunden habe, ließ sich ein kleines Herzklopfen doch nicht ganz unterdrücken. So ein bißchen Frühling geht mir dann immer durch Mark und Bein. 
Nun hast Du wieder ein bißchen von mir gehört und weißt, daß ich noch wohl und ganz lebe.
Seid alle herzlichst gegrüßt!

Untersuchungsgefängnis  Berlin-Tegel,  6. Juni 1944

Liebe, kleine Mutti! Verzeih mein langes Schweigen — es lag diesmal nicht an mir.
Und auch jetzt nur einen „kurzgefaßten, gut leserlichen" Brief als Lebenszeichen von mir, das für vier Wochen reichen muß!.
Ja, damit müssen wir uns jetzt schon abfinden. Seit dem 27. Mai bin ich nun schon hier — nach einer Reise, die mir dank einer vernünftigen Begleitung zu einer erholsamen Abwechslung wurde — und beginne mich an die gegenüber Litzmannstadt doch sehr anderen Verhältnisse zu gewöhnen.
Für mein seelisches Wohl mit Büchern usw. zu sorgen brauchst Du leider nun auch nicht mehr. Mit Eßwaren ist das hier auch nicht so wie in Litzmannstadt.
Bitte, bitte denkt daran. Mehr Worte kann ich über dieses Thema nicht verlieren. Kummer brauchst Du Dir um mich nicht zu machen, ganz gleich, wie's kommt. Der Satz vom „Geist — der nicht sterben kann — unter keinen Qualen" . . . von Franz Marc, steht über allem und bleibt in mir lebendig. Richtig schlecht kann's mir da doch nicht gehen. In diesem Sinne . . .
Zu einem Besuch hier würde ich nicht unbedingt raten. Es ist hier auch kein schöner Eindruck für sorgengeplagte Muttis.
Ich überlasse das jedoch ganz Dir. Laß es Dir so gut gehen, wie, irgend möglich und bleib so tapfer, gleich was kommen mag — ich will es auch sein.

Untersuchungsgefängnis Berlin-Tegel, 7. Juli 1944

Kleine Mutti!. . . . ja, ja — man hat's nicht leicht, aber man hält' s doch aus" — möchte ich wie der alte Hiddenseer Fischer ausrufen. Dies zur geistigen Untätigkeit verdammt zu sein ist nicht schön. Eine schöne Kunst - und Literaturgeschichte brauchte ich —und mir wäre wohler. Adolf Hitler schrieb in seiner Landsberger Festungshaft einen „Kampf".
Ich würde es auch tun — aber wofür? wogegen?! Dies nicht zu wissen, eben so gar keinen Vorwand für sein Leiden zu haben, macht die Sache etwas quälerisch. - Jedoch so kleine Sonnenstrahlen gibt's ja immer, wie auch Deinen Brief vom 27., den ich, als Du mich hier besuchtest, natürlich noch nicht bekommen hatte. Mit den zwei Gauguin-Karten und dem selten schönen, wunderschönen Nietzschesatz vom „Jasagenden". Mir kommt dabei vieles in den Sinn, was ich Dir jetzt in einem großen Brief sagen müßte.
In so einem „kurzgefaßten" läßt sich das nicht ausdrücken. Ich. kann Dir also nur raten, wenn Du wieder einmal eine ruhige Stunde hast, den „Großinquisitor", ein Kapitel in den Brüdern Karamasow, zu lesen. Eine ganz ruhige Stunde müßte es sein. — Und wenn Du Sehnsucht hast, mit mir ein bißchen zu sprechen und meinen Geist beschwören willst, dann spiele vor allen Dingen den langsamen Satz aus dem „Italienischen Konzert" Bachs.
Dann bin ich ganz bei Dir! Tu's!
Dank noch für Deinen Besuch. Es hat Dir hoffentlich nicht noch mehr Kummer bereitet, mich in dieser Umgebung zu erleben. Daß ich im übrigen von meinem „Verbrechertum" nicht durchdrungen bin, wird Dir hoffentlich nicht als ein Zeichen von Unreife und Oberflächlichkeit erschienen sein.
Mir hat Dein Besuch um so mehr Freude gemacht, als ich mich nun wieder auf etwas freuen kann.
In 14 Tagen schon kann ich doch mit Deinem Besuch rechnen.
Das Mitgebrachte ward mir übrigens zu einem Genuß, den ich gar nicht beschreiben und den Ihr Euch gar nicht vorstellen könnt!  Seid alle herzlichst gegrüßt. Dir eine große Umarmung!

Nach der Verurteilung

 

Berlin - Spandau, 2. August 1944

Ihr Lieben - liebe kleine Mutti! - Ich komme zu wenig aus einem sorglos schönen Leben, als daß das Unglück nun restlos niederschmetternd für mich wäre.
Es kommt nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern in ein Leben, das voller Widerstände und seelischer und körperlicher Qual für mich war. Ich habe nicht so sorglos-oberflächlich dahingelebt, sondern das Schicksal hat mich meinen Gott zur rechten Zeit suchen gelehrt.
Ich habe Ihn gefunden, soweit Ihn ein Mensch finden und erkennen kann - und Er ist mir nahe und hilft mir. Ich fürchte den Tod, so wie ich Gott fürchte. Ich liebe das Leben, wie man es als Neunzehnjähriger lieben kann — aber ich weiß, daß der Tod für mich keine Strafe sein kann.
Es ist schwer, sein Leben nicht mehr verteidigen — nicht mehr darum kämpfen zu können. Das mögt Ihr nun, soweit es irgend möglich ist, tun. — Nein, ich bin nicht mehr so hoffnungsfroh wie ich war, aber ich bin fern der Verzweiflung und ruhig.
Und solange die Sonne noch scheint und ich den Himmel über mir sehe, will ich an das Leben, an mein Leben, glauben. Die äußeren Verhältnisse haben sich denen gegenüber, wie sie zuletzt in Tegel waren, etwas gebessert. Ich habe Gelegenheit, zusammen mit einem Kameraden eifrig französisch zu treiben.
Meine Lektüre besteht abwechselnd aus „Faust", Grillparzers Meisterwerken und dem Alten und Neuen Testament.
Nebenbei klebe ich ein bißchen Tüten. Tut nun, was sich zur Milderung meiner Lage und zur Abwendung des drohenden Geschickes für mich tun läßt und bleibt im übrigen stark, fest und gläubig — ich will es auch sein. Alle die mit mir sind, grüße ich, und umarme meine arme kleine Mutti!

Spandau, 7. September 1944

Meine liebe kleine Mutti! Habe Dank für Deinen lieben, langen, trostreichen Brief - so voller Optimismus und Lebens­mut. - Und eigentlich weiß ich Dir nicht zu antworten. So grau und schwer ist doch der Himmel über mir und nur allzuschwach scheint die Sonne in diese Atmosphäre und diesen Erlebnissen, unter denen man hier leben muß.
 — Und doch, ich lebe noch, mit aller Kraft, die ich noch habe, unter Zusammenfassung allen Willens. Nicht beten und flehen will ich; der Wille zum Leben ist mein Gottvertrauen. Und meine Gedanken sind bei Euch, bei denen, die diesen Willen mit mir haben.
— Ganz tief steht die Sonne jetzt am Himmel und scheint ganz blutig-rot als wie von einer fernen, anderen Welt in meine Zelle. Bei Sprecherlaubnis bitte nur D u - über kahl geschorenen Schädel bitte nicht zu erschrecken.

 

Spandau, 20. September 1944

Ihr Lieben - meine liebe kleine Mutti! Es ist so weit - und ich bin ruhig wie  noch nie in meinem Lehen und zuversichtlich.

Ich wußte es seit Tagen und Wochen, wenn ich es auch vor Euch und mir nicht wahr haben durfte. Der Herrgott ist mir nahe und hat mir Seine Hand gereicht - und hat mir Kraft gegeben.
Er wird sie meiner armen, kleinen Mutti nicht versagen. Ihr dürft den Mut nicht verlieren, Ihr müßt weiterleben, jetzt wie noch nie.
Daß ich heute erschossen bin, soll niemandem verheimlicht werden. Bleibt getrost wie ich es bin. Ich umarme und küsse meine kleine Mutti.

Peter

Berlin-Gatow, 25. September 1944

Sehr geehrte Frau Karen Habernoll!

Ihr Sohn Peter hat es gewünscht, daß ich Ihnen über seinen letzten Gang etwas schreibe. Er starb sehr gefaßt, tapfer und ruhig. Sie sollen nicht trauern, er sei gern gestorben, so hat er gesprochen. Als ich ihm einige Minuten vorher sagte, das Leben ist ein Jammertal und das eigentliche Leben nach dem Tode, sagte er, für ihn wäre das Leben nicht ein Jammertal gewesen. Etwa um 4 Uhr 50 ist er in die Ewigkeit gegangen, 4 Uhr 30 wurde ihm das Urteil vorgelesen.
Einige Sekunden vor dem Tode verabschiedete ich mich von ihm und sagte ihm leise, er solle beten. Da sagte er mir: „Gott ist bei mir!" In den Himmel schauend, aufrecht und gefaßt, brach er zusammen. Es war, als ob der Atem Gottes ihn umwehte! Sein Wunsch war: Sie sollen nicht trauern. Möge er in Gott die Erfüllung seines jungen Lebens finden. Gott möge ihn in Seine ewige Wohnung aufnehmen.

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider