BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

„Ein System ohne Demut und Güte ist zum Scheitern verurteilt."

 

 HARNACK ERNST VON

1888 - 1945

 

Regierungspräsident

Geboren am 15. Juli 1888 in Marburg; hingerichtet am 5. März 1945 in Berlin. Den Sohn des großen Theologen Adolf von Harnack und Urenkel Justus Liebigs führte ein tiefes und verantwortungsbewußtes Mitfühlen mit den Armen und Enterbten in das Lager der Sozialisten. Im Dritten Reich half er die Verbindung zwischen den sozialdemokratischen Führern und dem militärischen Widerstand herstellen und bezahlte dafür mit seinem Leben. Er starb als Sieger, nicht als Besiegter. Er wollte — so lautete seine Bitte an den Zellennachbarn, der eine Geige besaß — mit einem christlichen Triumphlied im Ohr scheiden: vexilla regis prodeunt. ..

Aus einem Brief an seine Schwester Anna Frucht von Harnack, die vor einer Katechetenprüfung stand

Berlin-Moabit, den 7. Dezember 1944

... Bei Deiner Prüfung legst Du gewiß Ehre ein — geprüft wird unsere Generation schon recht lange, und härter, als wir es uns träumen ließen „als die Tage heiter glänzten".
Meine Prüfung meistere ich, indem ich den — nicht geringen — Spielraum, der dem Untersuchungsgefangenen überlassen ist, bis zum Rande ausfülle mit Film-Gestaltung, Bastelarbeiten zu Weihnachten für hiesige praktische Zwecke, Schreiben und Lesen, ja, Studieren. Aber alles ohne Krampf, so daß ich doch immer einmal ruhig die Augen erheben und ohne Grauen der Zukunft entgegenblicken kann.
Zwischen dem Leben draußen und mir liegt infolge der Langsamkeit der Verbindungen eine Art von Isolierschicht, mit der ich mich aber abgefunden habe. .

An seine Frau

28. Oktober 1944

Ich möchte diesen Brief mit der beruhigenden Erklärung beginnen,  daß  Dir,  den   Kindern   oder   sonstigen   Angehörigen durch meine  Inhaftierung  keinerlei  Gefahren  drohen  ... 
Es steht ernst um mich,  aber es  ging um  Großes,  und ich bin nicht aus Leichtsinn in meine jetzige Lage geraten. Die äußeren Umstände  meines  Lebens   sind  tragbar  —  einschließlich  der Alarme in der verschlossenen Zelle. 
Sie  sind ein Nichts im Vergleich  zu  den  seelischen  Belastungen  und  Anfechtungen. Sie zu tragen und zu überwinden ist ein schweres, schweres Werk, dessen Leistung alle Kräfte der Seele, des Charakters und des Geistes  erfordert. 
Gott hat mir bisher diese Kräfte geschenkt,  und Ihr,  meine Lieben,  habt sie mir  durch Eure Wünsche   und  Fürbitten,  Euere   Gänge  und   Gaben  gestärkt.
Nun nehmt mir noch eine große Last vom Herzen, indem Ihr mir  versichert,  daß  Ihr Euch nicht um mich  sorgt mit jener zermürbenden  Sorge,  die Jesus  Christus  uns  für immer hat nehmen wollen...
Ihr habt alle  schwer zu tragen,  und  die kommenden Zeiten werden neue Prüfungen bringen. Da wäre es mein Herzenswunsch, daß der Gedanke an mich nicht zur Verdunklung  Eures  Lebens  beiträgt,   sondern   daß  von  meiner stillen Zelle ein Strom der Beruhigung und der Kraft ausgeht, auf Euch und alle,  die mir nahestehen. 
Nicht,  daß  ich die Welt schon überwunden hätte. Dieser große Abschluß wird noch manch bittere Arbeit und  manche  Geduld kosten.
Auch mag es wohl sein, daß mir der Todesengel, der mich schon oft streifte, auch diesmal noch Zeit gibt. Aber es wäre töricht und   unmännlich,   alle   Hoffnungen   auf   den  Eintritt  irdischer Wunder zu setzen.
Das Wunder der Gnade ist es,  dem ich zustrebe. Ich habe schon einen Strahl von ihm verspürt — sonst könnte ich diesen Brief nicht schreiben — und hoffe zu Gott, daß mich Seine Gnade über alles Bangen über mein äußeres Schicksal hinwegtragen wird.
Apokalyptische Zeiten wie diese mit ihren ständigen Gefährdungen und Verlusten lassen den Wert des Lebens gering erscheinen, den der Seele aber hell aufleuchten. Wir wollen uns seelisch in einer Sphäre vereinen, in der es keine eisernen Gitter und Tore gibt...

  

Berlin-Moabit, den 25. Dezember 1944 1. Weihnachtsfeiertag

Aus vollem Herzen danke ich Dir und den Töchtern für die schönen  Weihnachtsfeiertage,   die  Ihr mir  bereitet  habt  und noch  bereitet. 
Eure  Sendungen haben  dazu  beigetragen,  daß ich wie mit Adlersflügeln über die seelischen Klippen dieser erinnerungsreichen Zeit hinweggetragen wurde.
Nicht zuletzt, weil ich meinen Mithäftlingen mit den  23   Gewinnen  aus  23 Losen  meiner   „Moabiter   Weihnachtslotterie"   eine   wirkliche Freude bereiten konnte. Eure Brieflein, Briefpapier, die schön gemalten Karten der Töchter und einiges, was ich aufgespart hatte, lag säuberlich verpackt  und mit  getuschten Nummern versehen   auf  meinem   Tablett   (hergestellt   aus   Aktendeckel, Pappe und Goldpapier), bedeckt mit der weißen Spitzendecke und  einem  „Ziehungsplan",  der den  durch  ein Zellenfenster scheinenden   Weihnachtsstern   als   Emblem   trug.  
Nachmittags putzte  ich mein  Edeltännchen,  für dessen  Erstehung  ich  R. nicht genug  danken kann,  verfertigte  ihm noch  einen guten Spitzenstern und befestigte Eueren Adventsengel daran. 
Der kleine Arbeitstisch daneben, dessen ich mich seit einiger Zeit erfreue, wurde mit der blütenweißen Papierdecke zum Gabentisch.  Kuchenschachteln  und  Stollen gruppierten  sich um  die vertraute   Schnitzkrippe. 
Und  Bücher!   .  .  .   die  immer  herzerfreuenden  Mozartbriefe,   den  betulichen,  gemütvollen  Timmermanns und die Gedanken zur Kunst von Carus, dem hochbedeutenden Arzt, Maler und Schriftsteller der Romantik, von dem ich schon immer etwas lesen wollte. Abends hatte ich die Kerzen  entzündet und  nur  die  Wandlampe   hinter R's  vollendeter Transparent-Krippe brennen lassen.
Es war schön, vielleicht zu schön, denn als ich die Familienbilder betrachten wollte, kam mir immer etwas in die Augen, was sie trübte . . .
Da krachte die Zellentür, und es erschien der Kommandant des Gefängnisses,  ein ritterlicher Mann,  schüttelte mir die  Hand und sagte, er habe sich über meine Betreuungsarbeit gefreut und  wollte  mich  mal  kennenlernen.   „Theo",   den  wackersten der Kalfaktoren, hatte er mit meinem Lotterie-Tablett gleich mitgebracht, und nun erhielt ich die Erlaubnis, die Verlosung in  einer  Zelle  des  Souterrains,  wo  fünf  Kalfaktoren liegen, selbst vorzunehmen.
Da blieb  ich nun  ausgiebig und werde diesen  Abend  ebensowenig  vergessen  wie  den  Weihnachtsabend  vor  einem  Menschenalter,  im  dunklen  Zuge   von   der Westfront nach Luxemburg, und den vor einem Jahr auf der Orgelempore der Fieberbrunner Kirche.
„Schicksale gebündelt" taten sich da auf, und ich mußte an Papas derbes, aber wahres Wort denken: „Der Mensch ist ein zähes Luder!" Und wieviel anständige  Gesinnung, wieviel Herzenskultur hatte all' diese Schicksale überdauert!

So wurde ich über meine eigenen Sorgen und Nöte hinweggetragen, und als ich wieder in der Zelle war, da konnte ich jene Bilder mit ungetrübten Augen vor mir ausbreiten und die Zeiten wieder erwecken, in denen sie entstanden waren.
Dank stieg in mir auf und überstrahlte jede Anwandlung der Wehmut....  

In herzlicher Verbundenheit

Dein Ernst

 

Frau von Harnack an Frau v. S.

Zehlendorf, den 10. März 1945

Meine liebe A.!
Nun ist das Furchtbare doch geschehen, vor dem wir so große Angst hatten, das wir aber doch nie wirklich glauben konnten. Mutig und aufrecht ging er seinen Weg bis zum Ende und blieb seiner Überzeugung treu.
Er ist für seinen Glauben gestorben. Er sagte: „Es ist nicht entscheidend, daß man das Ziel erreicht, sondern daß man den richtigen Weg geht."
Für uns Zurückbleibende ist es nun traurig und leer . . . Nun müssen wir unsere Herzen fest machen, das Schwere zu tragen . . .

 

 

 

zurück ;
Startseite
Verzeichnis
___________________________

Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider