BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Hesse Helmut

Pastor

1916 - 1943

Am 14. Oktober 1935 reichte der junge Helmut Hesse, geboren am 11. Mai 1916 in Bremen, der SA-Führung ein Entlassungsgesuch ein, das sich auf das Gebot „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" berief. Mit unzweideutigem Hinweis auf Hitler heißt es da: „Jeder Anspruch, der diese Grenzen (der von Gott verordneten Obrigkeit) nicht anerkennt, ist Götzendienst.
Wer sich zum Herrn über Glauben und Gewissen
aufwirft, handelt wider die christlichen Bekenntnisse und ist antichristlich." Der Schreiber dieses mutigen Briefes, zum Pastor ordiniert, schloß sich wie sein Vater, Pastor Hermann Hesse, der Bekenntniskirche an und diente dem Worte Gottes in furchtlosem Widerspruch, zu der ungöttlichen nationalsozialistischen Umwelt.
Vater und Sohn wurden am 8. Juni 1943
verhaftet und am 12. November nach Dachau übergeführt. „Was wird, dürfen wir dem getrost überlassen, der uns bis heute jeden Tag bewiesen hat seine väterliche Güte und göttliche Allmacht.
Er sei geloht allein!" notierte Helmut Hesse auf
einem aus Dachau gesandten Zettel. In der Nacht vom 23. zum 24. November erlag er den Härten der Lagerhaft.
Sein Dienst
am Wort, für den er sein Leben opferte, sei durch einen Abschnitt aus seiner am 1. Sonntag nach Trinitas gehaltenen Predigt veranschaulicht.

Text Jona I

 

... Mache  dich  auf und gehe in die  große   Stadt Ninive und predige wider sie. Denn ihre Bosheit ist heraufgekommen vor mich! Da liegt fern am Tigris in Mesopotamien das Herz des assyrischen   Weltreiches,   die   große   Ninive:   der   Staat,   der bereits  drei  Weltstädte   eingemeindet hat,   Kalah,  Resen und Rehoboth - Ir. 

Schon  das  erste  Buch  Moses berichtet uns  von dem großen Städtebauer Nimrod, der um Groß-Ninive undurchdringliche   Wälle   gezogen   hat,   deren  Reste   noch   heute   wie Gebirge  in  der Ebene  liegen:   das  war  Groß-Ninive,   „Groß" nennen wir Menschen die Mächtigen auf der Erde und 1. Mose 10 nannte den Erbauer dieser ersten Weltstadt „groß", weil er von unerreichter politischer Bedeutung  war.

Aber was heißt es,  daß   Gott im Jonabüchlein  nun  auch  Ninive  zweimal  die „große Stadt" nennt? Groß heißt Ninive hier doch nicht, weil ihr Umfang über 120 Kilometer beträgt, sondern weil aus aller ihrer Weltmacht nur Hochmut und große Bosheit gekommen ist. Um ihrer Sünde willen nennt Gott Ninive groß, Andererseits spricht er am Ende des Jonabüchleins von dieser großen Stadt,   weil   sich   an  ihr   seine   Gnade   noch   viel   großer   und mächtiger erweisen soll.

Aber hier heißt es nun: predige wider siel Es lohnt sich, wider sie zu predigen, da ihre Sünde groß ist; es lohnt sich beinahe so, wie die Predigt wider das halsstarrige Israel, wider die Gemeinde Gottes, deren Sünde noch viel größer ist. Predige wider sie!  Was steckt nicht alles in  dem hebräischen Wörtchen   „aläha"? Das  heißt nicht nur: predige darinnen, sondern laß  das Wort des Herrn über sie kommen,    belagere,    blockiere    Groß-Ninive.    Womit?  

Armer, kleiner Jude Jona! Wahrlich, womit willst du Groß-Ninive belagern?  Mit Waffen, mit  Geld,  mit  deinem  Mund?  Dann  gehe lieber wieder beim nach Gath-Hepher in deine Kelterstadt und presse  Weintrauben.  Aber Jona  bekommt  eine   Waffe   gegen Groß-Ninive,   davor   alle   Heere   der   Welt   zusammenbrechen: das Wort Ja, kleiner Jona aus der Kelterstadl, nun sollst du der großen Ninive das Gericht des Herrn predigen; des Herrn, der der Keltertreter heißt,   der  die  Völker keltert in seinem Zorn und sie zertritt mit seinem Grimm, denn er hat einen Tag der Rache sich vorgenommen — das Jahr, die Seinen zu erlösen, ist gekommen.

Und du, Gemeinde Christi, meinst du nun, dieses Reden der Kirche zur Weltmacht sei eine einmalige Angelegenheit des Alten Testamentes und ginge dich weiter nichts an? Hast du denn die Predigt Johannes des Täufers wider die Sünde seiner Obrigkeit und den Bußruf des Paulus an Felix vergessen?
— Ja, fragst du, aber Christus selber stimmt doch nicht ein in diese Predigt wider Groß-Ninive?
Allerdings schweigt Christus vor Herodes und Pilatus, aber sind nicht beide durch das Schweigen des fleischgewordenen Wortes gerichtet?

Die Herrscher dieser Welt wünschen ja gerade, daß das Wort Gottes zu ihnen und für sie spricht.
Sie haben ja nichts lieber, als daß die Kirche ihnen die Schleppe trägt und all ihr Handeln als gottgewollt bezeichnet.

Darum schweigt Christus, — aber er wird einmal reden an dem Tage, an dem er alle Großen und Kleinen der Erde richtet. Aber hast du deswegen ein Recht solange auch zu schweigen? Ist es nicht auch heute Sache der Kirche Christi, die Sünden Groß-Ninives Sünden zu nennen? Kennst du nicht das 11. Kap. der Offenbarung, daß sich Christus auch am Ende der Tage noch Zeugen erwählt wider die Sünde Groß-Ninives?
Darum bitte Gott, daß dich nicht Angst und Menschenfurcht zum stummen Hunde machen, wo dir die Sünde Groß-Ninives begegnet.

Und wir wollen danken für jedes geschenkte, offene Bekenntnis. Predige auch du wider Groß-Ninive zum Zeugnis über sie. Oder willst du dich durch stillschweigendes Zusehen beteiligen an dem Mißbrauch, den man mit dem Namen des „Allmächtigen" treibt, an Gotteslästerung und Sabbatschändung, an dem Mord wehrloser Geschöpfe des lebendigen Gottes? Siehst du nicht, wie alle Gebote Gottes verlacht werden? Predige wider Ninive: „Siehe, ich will an dich, spricht der Herr Zehaoth, und deine Wagen im Rauch anzünden und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen und will deines Raubens ein Ende machen auf Erden, daß man deiner Boten Stimme nicht mehr hören soll."

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider