BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

CÄSAR VON  HOFACKER

1896 - 1944

 

Oberstleutnant

Dr. Cäsar von Hofacker, geboren 1896, geboren  1896, gehörte dem Stab des  deutschen Befehlshabers in Paris an und wurde dort das eigentliche Haupt der Widerstandsbewegung im Westen. Nachdem alle Versuche, ihm nach seiner Verhaftung Informationen über die Verschwörung vom 20. Juli 1944 zu entlocken, gescheitert waren, erfolgte am 22. Dezember 1944 seine Hinrichtung.

Aus einem Brief, geschrieben zu der Konfirmation seiner beiden ältesten Kinder, die am 2. April 1944 stattfand.

Liebe Konfirmanden!

Warum haben wir gerade in der heutigen Zeit Anlaß, uns mit besonderer Inbrunst zum christlichen Glauben zu bekennen?  Weil wir mehr denn je fühlen, daß jeder von uns in Gottes  Hand ist, daß Er die Menschen und Völker lenkt und daß wir daher tief demütig sein müssen; daß die Menschen die Demut, die   Ehrfurcht   vor   etwas   Höherem,   Reinerem,   Größerem als sie  selbst brauchen, wenn sie nicht dem Übermut, dem Größenwahn, dem Verbrechen verfallen wollen.

Weil wir fühlen, daß das es bestimmte ewige Gesetze des Gut- Seins des Edelmuts, der Gerechtigkeit gibt, die man nicht ungestraft verletzen darf, und die die Menschen nur dann einhalten, wenn sie - anstatt nur  an die Möglichkeit dieser Gesetze - an Gott glauben, der das Gute will und das Schlechte bekämpft.
Weil wir fühlen, daß Gott in der einmaligen  großen Persönlichkeit  von Jesus Christus,  unserem Heiland  den Menschen ein Geschenk gemacht, eine Offenbarung gespendet hat, für die wir gar nicht tief genug dankbar sein können.
Durch seinen Mund, durch sein Leben und Wirken und Leiden hat uns Gott jene großen ewigen Lehren und Grundsätze verkündet, die wir Menschen einhalten, nach denen wir leben und streben müssen, wenn wir besser, reiner, glücklicher werden wollen.

Die Lehre Christi ist das größte und tiefste Vermächtnis, das Gott uns Menschen bisher gegeben hat. Beinahe 2000 Jahre hat sie die Entwicklung der Menschen, insbesonders in Europa, bestimmt und gerade die Besten und Edelsten unter ihnen immer wieder veranlaßt und angespornt, zu versuchen, die Menschen auf eine höhere Stufe der Sittlichkeit emporzuheben. Immer wieder haben sich Menschen gefunden, die — wie z. B. Martin Luther — dann, wenn die Lehre Christi von kleinen Geistern verfälscht oder zu irdischen Zwecken mißbraucht wurde, sie von künstlichen Schlacken befreit und wieder auf ihren reinen Kern zurückgeführt haben.

Und immer hat es dann schwere Rückschläge und Katastrophen gegeben, wenn die Menschen glaubten, ohne Religion, d. h. ohne innere Bindung an Gott, ohne Erfurcht vor einer höheren Macht auskommen zu können.
Es gibt nun einmal in der ganzen bisherigen Geschichte keine geistige Macht, die so wie das Christentum es verstanden hat, die Menschen dazu zu bringen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen, das Gute zu wollen und dem Schlechten zu widerstehen.

Und einem solchen Glauben, der soviel Gutes zustande gebracht hat, dem alle unsere Vorfahren angehangen haben, dem nichts Gleichwertiges gegenübergestellt werden kann, sollten wir unsere Ehrfurcht versagen, sollten nicht auch wir überzeugt und freudig angehören? Gerade heute, wo es so bitter notwendig ist, Millionen verzweifelter Menschen wieder inneren Halt, Zuversicht, ruhige Stärke zu geben.
Man kann ein guter Christ und trotzdem ein guter Deutscher sein. Beides widerspricht sich nicht, sondern im Gegenteil ergänzt und steigert sich. Wir Deutschen werden uns um so mehr die Achtung der fremden Völker erwerben, wenn das, was wir tun, nicht gegen diejenigen christlichen Gesetze verstößt, die auch sie hochhalten. Sich zum Christentum bekennen, ein guter und starker Christ sein, die großen ewigen Lehren und Mahnungen des Heilands im Neuen Testament sich zur Richtschnur des eigenen Handelns zu machen, steht nicht im Gegensatz zu den Pflichten, die Du, Eberhard, einstmals als deutscher Mann und Kämpfer und Du, Annele, einst als deutsche Frau und Mutter zu erfüllen haben werdet, sondern enthält in heutiger Zeit mehr denn je alles das, was notwendig ist, um durch das eigene Beispiel unser armes, aus tausend Wunden blutendes deutsches Volk wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
Der heutige Tag ist für Euch eine neue Grundlage für Euer ganzes künftiges Leben. Möget Ihr Euch gleich der langen Kette Euerer Vorfahren stets mit Mut und Stolz dazu bekennen!

In Liebe und Vertrauen umarmt Euch Euer

Vater

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider