BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

KURT HUBER

1893 - 1943

Professor für Philosophie und Psychologie. - Kurt Huber, geboren am 24. Oktober 1893 in Chur/Graubünden, lehrte seit 1926 an der Universität München. Ihm, dem begeisterten und fesselnden Lehrer, war es unmöglich, seinen tiefen Abscheu vor dem Nationalsozialismus zu verbergen. Er wurde zum Mittelpunkt und Berater jener Gruppe von Studenten, die durch Flugblätter zum Widerstand gegen das Regime aufriefen und deren Namen - vor allem Probst, Schmorell, Geschwister Scholl, Graf - zusammen mit dem von Huber im Gedächtnis bleiben werden. Nach dem Abwurf von Flugblättern im Lichthof der Münchner Universität durch die Geschwister Scholl am 18. Februar 1943 griff die Gestapo zu. Am 20. April wurde Huber zum Tode verurteilt. Forschend, meditierend und betend wartete er auf die Vollstreckung, die am 13. Juli erfolgte.

Schlußwort des Angeklagten

Als deutscher Staatsbürger, als deutscher Hochschullehrer und als politischer Mensch erachte ich es als Recht nicht nur, sondern als sittliche Pflicht, an der Gestaltung der deutschen Geschichte mitzuarbeiten, offenkundige Schäden aufzudecken und zu bekämpfen...
Was ich bezweckte, war die Weckung der studentischen Kreise nicht durch eine Organisation, sondern durch das schlichte Wort, nicht zu irgendeinem Akt der Gewalt, sondern zur sittlichen Einsicht in bestehende schwere Schäden des politischen Lebens. Rückkehr zu klaren sittlichen Grundsätzen, zum Rechtsstaat, zu gegenseitigem Vertrauen von Mensch zu Mensch, das ist nicht illegal, sondern umgekehrt die Wiederherstellung der Legalität.
Ich habe mich im Sinne von Kants kategorischem Imperativ gefragt, was geschähe, wenn diese subjektive Maxime meines Handelns ein allgemeines Gesetz würde.
Darauf kann es nur eine Antwort geben: Dann würde Ordnung, Sicherheit, Vertrauen in unser Staatswesen zurückkehren. Jeder sittlich Verantwortliche würde mit uns seine Stimme erheben gegen die drohende Herrschaft der bloßen Macht über das Recht, der bloßen Willkür über den Willen des sittlich Guten. Die Forderung der freien Selbstbestimmung auch des kleinsten Volksteils ist in ganz Europa vergewaltigt, nicht minder die Forderung der Wahrung der rassischen und völkischen Eigenart. Die grundlegende Forderung wahrer Volksgemeinschaft ist durch die systematische Untergrabung des Vertrauens von Mensch zu Mensch zunichte gemacht. Es gibt kein furchtbareres Urteil über eine Volksgemeinschaft als das Eingeständnis, das wir alle machen müssen, daß keiner sich vor seinem Nachbarn, der Vater nicht mehr vor seinen Söhnen sicher fühlt.   Das war es, was ich wollte, mußte.  Es gibt für alle äußere Legalität eine letzte Grenze, wo sie unwahrhaftig und unsittlich wird.
Dann nämlich, wenn sie zum Deckmantel einer Feigheit wird, die sich nicht getraut, gegen offenkundige Rechtsverletzung aufzutreten.
Ein Staat, der jegliche freie Meinungsäußerung unterbindet und jede sittlich berechtigte Kritik, jeden Verbesserungsvorschlag als »Vorbereitung zum Hochverrat« unter die furchtbarsten Strafen stellt, bricht ein ungeschriebenes Recht, das »im gesunden Volksempfinden« noch immer lebendig war und lebendig bleiben muß.
Ich habe das eine Ziel erreicht, diese Warnung und Mahnung nicht in einem privaten, kleinen Diskutierklub sondern an verantwortlicher, an höchster richterlicher Stelle vorzubringen. Ich setze für diese Mahnung, für diese beschwörende Bitte zur Rückkehr, mein Leben ein.
Ich fordere die Freiheit für unser deutsches Volk zurück.
Wir wollen nicht an Sklavenketten unser kurzes Leben dahinfristen, und wären es goldene Ketten eines materiellen Überflusses. Sie haben mir den Rang und die Rechte des Professors und den «summa cum laude» erarbeiteten Doktorhut genommen und mich dem niedrigsten Verbrecher gleichgestellt.
Die innere Würde des Hochschullehrers, des offenen, mutigen Bekenners seiner Welt- und Staatsanschauung, kann mir kein Hochverratsverfahren rauben. Mein Handeln und Wollen wird der eherne Gang der Geschichte rechtfertigen; darauf vertraue ich felsenfest.
Ich hoffe zu Gott, daß die geistigen Kräfte, die es rechtfertigen, rechtzeitig aus meinem eigenen Volke sich entbinden mögen. Ich habe gehandelt, wie ich aus einer inneren Stimme heraus handeln mußte. Ich nehme die Folgen auf mich nach dem schönen Wort Johann Gottlieb Fichtes:

Und handeln sollst du so,
Als hinge von dir und deinem Tun allein
Das Schicksal ab der  deutschen  Dinge,
und die Verantwortung wäre  dein.

 
Abschiedsbrief an die Seinen

13. Juli 1943

Mitten in der Arbeit für Euch hat mich heute die Nachricht ereilt, die ich längst erwartete.
Liebste! Freut Euch mit mir! Ich darf für mein Vaterland, für ein gerechtes und schöneres Vaterland, das bestimmt aus diesem Krieg hervorgehen wird (das Wort »sterben« vergaß er oder wollte es nicht schreiben)... Ich bin bei Dir und den geliebten Kinderlein alle Tage,  bis Ihr mir dahin nachfolgt, wo es keine Trennung mehr gibt.

In Deine liebe, sorgende Hand lege ich das Schicksal und die Erziehung unserer geliebten Kinder. Ich weiß, daß sie an den Vater denken und ihrer geliebten Mami alle Freude machen werden, die sie ihr an den Augen absehen können. Geliebte Clara!
Denke an die herrlichen Stunden, an unser Zusammensein mit den Kinderlein und vergiß alles Leid! Stell Dich mit den Kinderlein unter das Kreuz, alles andere wird Euch hundert- und tausendfach werden. Und seid stolz, daß Ihr Euren Anteil tragt im Kampf um ein neues Deutschland!
Ihr seid Helden wie die Frauen und Kinder, die den Vater an der Front verloren.
- Du hast mir, geliebte Clara, in diesen schweren Monaten so unendlich viel Liebe erwiesen und mir die Leidenszeit so verschönt, daß ich nicht weiß, wie ich Dir danken kann.
Wenn ich nicht wüßte, daß ich Dir drüben in einem besseren Jenseits zur Seite stehen darf, wäre ich ein Bettler. So aber bleibe ich Dir ewig verbunden.

Liebste Birgit! Dein Lebensweg ist ernst und dunkel im Anfang, aber hell in der Zukunft. Ich weiß, Du bleibst der Mutter Stütze und rechte Hand. Dein Vater vergißt Dich nicht und betet für Euch.
Der liebe Gott hat Dir reiche Gaben geschenkt.
Nütze sie, freue Dich an Musik und Dichtung und bleibe weiter der liebe, gute Engel, der Du uns warst Liebster tapferer kleiner Wolfi!
Vor Dir liegt noch das ganze schöne Leben offen. Du wirst ein braver Bub und ein tüchtiger Mann, Mutters Beschützer und Stolz! Und denke immer, wenn es Dir einmal schwer wird im Leben, an den Vadder, der für seinen lieben Buben weiter sorgt.
Ihr Liebsten! weint nicht um mich - ich bin glücklich und geborgen. Die Alpenrosen, Euer letzter lieber Gruß aus den geliebten Bergen, stehen verblüht vor mir. Ich gehe in zwei Stunden in die wahre Bergfreiheit ein, um die ich ein Leben gekämpft habe. Geliebte!
Noch eine kleine Stunde! Mein letzter Wunsch!
Herr, o Herr, ich bin bereit, Reis' an Deiner Freundeshand Fröhlich in die Ewigkeit!
Segne unser deutsches Land, Segne Frau und Kinder mein, Tröste sie in aller Pein, Schenk den Liebsten Du hienieden Deiner Liebe Gottesfrieden!
Es segne Euch der allmächtige Gott und nehme Euch in seinen Schutz! Euer Euch liebender Vater

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider