BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Walter Husemann

1909 - 1942

 


33 Jahre alt  - Mechaniker und Journalist - geboren in Berlin am 2. Dezember 1909.
Während vielen Jahren Mitarbeiter der «Roten Fahne» - verhaftet und
bis 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen - nach der Entlassung verband er sich  mit den früheren Redakteuren der «Roten Fahne» J. Sieg und W, Guddorf, mit denen er in der Gruppe «Rote Kapelle» zusammenarbeitete und geheime Druckschriften redigierte. • Mit allen führenden Mitgliedern der Gruppe -im Herbst 1942 verhaftet - in den Kerker in Berlin-Plötzensee gebracht. - Zusammen mit Erika van Brockdorf  und sieben anderen Patrioten am 13. Mai 1945 daselbst enthauptet.
 


Mein lieber Vater!
Sei stark! Ich sterbe, als was ich gelebt habe: als Klassenkämpfer!

Es ist leicht, sich Kommunist zu nennen, solange man nicht dafür zu bluten hat. Ob man wirklich einer war, beweist man erst, wenn die Stunde der Bewährung gekommen ist.
Ich bin es, Vater! Ich  habe alles getan um mich zu retten, ja, ich habe meine Vergangenheit in gewisser Weise verleugnet, um mich zu retten und vor allem auch, um andere nicht in diese Geschichte hineinzuziehen. Es hat mir zwar nichts genutzt, aber den anderen, für die ich verantwortlich war. Das ist mir ein Trost.

Ich leide nicht, Vater, glaube mir das! Ich gönne keinem, mich schwach zu sehen. Anständig aus dem Leben zu gehen, das ist die letzte Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Erweise Dich Deines Sohnes würdig!
Ueberwinde den Schmerz! Du hast noch Deine Aufgabe zu erfüllen. Du hast sie doppelt und dreifach zu erfüllen, denn Deine Söhne sind nicht mehr.
Armer Vater, aber auch glücklicher Vater, der seiner Idee das Beste opfern muste, das er zu geben hatte. Der Krieg wird nicht mehr lange dauern — und dann ist Eure Stunde gekommen!

Denkt an alle, die den Weg schon gegangen sind und ihn noch gehen werden, den ich heute gehen muss — und lernt eines von den Nazis: jede Schwäche wird mit Hekatomben von Blut bezahlt werden. Deshalb seid unerbittlich! Bleibe hart!'
Ich habe nichts zu bereuen im Leben, höchstens, nicht genug getan zu haben! Mein Tod wird aber wohl auch die versöhnen, die mit mir nicht immer einverstanden waren! Ach Vater, Vater, Du Lieber, Guter!
Wenn ich nicht fürchten müsste, dass Du unter meinem Tod zusammenbrichst! Hart bleiben, hart, hart.


Beweise jetzt, dass Du aus innerstem Herzen Dein Leben lang Klassenkämpfer warst!
Helfe ihm, Frieda, richte ihn auf! Er darf nicht zugrunde gehen! Sein Leben gehört nicht ihm, sondern der Bewegung! fetzt tausendmal mehr als bisher. Jetzt muss er beweisen, dass seine Ueberzeugung 
nicht in einem romantischen Ideal,  sondern in unerbittlicher Notwendigkeit wurzelt!

Sorge für Martha! Sie ist Eure Tochter. Sie wird es Euch leichter ertragen lassen, dass ich nicht mehr bin, Grüsst alle Bekannten und Freunde. Ich will sie nicht mit Namen nennen. Aber ich drücke noch jedem einzeln in Gedanken die Hand und danke für alle Liebe und alles Gute.
Ich sterbe leicht, weil ich weiss, warum ich sterben muss. Die mich töten, werden in  nicht so langer Zeit einen schwereren Tod haben.
 Das ist meine Ueberzeugung. Hart bleiben, Vetter! Hart! Nicht nachgeben! Denke in jeder schwachen Stunde an diese letzte Forderung Deines Sohnes


Walter
 

 

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" Und die Flamme soll euch nicht versengen" / 1955 Steinberg Verlag Zürich 1955