BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

 

JÄGERSTÄTTER FRANZ

1907 - 1943

 

 

Am 26. Oktober 2007 wurde Franz Jägerstätter im Linzer Mariendom seliggesprochen.
In seinem vorletzten Brief an seine Frau, den er am 8. August 1943 schreiben konnte, spricht er noch einmal über die Beweggründe seines Handelns. Da seine Mutter untröstlich war, betont er, dass seine Entscheidung nicht gegen sie gerichtet sei und er nicht gegen das vierte Gebot, die Eltern zu ehren, verstoßen wolle:

 


Liebste Gattin und alle meine Lieben!


[...] Liebste Gattin, im letzten Monat hast du wieder große Opfer für mich bringen müssen und morgen werden es schon wieder vier Wochen, dass wir uns wiedersahen. Es hätte euch bis jetzt noch viel Schmerz erspart bleiben können, wenn euch mein Verteidiger nicht geschrieben hätte, denn ich habe bis heute noch keine Nachricht erhalten, dass das Urteil bestätigt ist, musst halt diese Strapazen und schweren Unkosten Gott aufopfern, damit sie nicht umsonst gewesen sind. Das Wiedersehen brachte
mir zwar Freude, aber nicht der Zweck, dessen ihr so große Opfer auf euch genommen. Es tat mir schon leid, dass ich so wenig mit dir sprechen konnte. |...| Ich  wollte, ich  könnte euch all dieses Leid, dass ihr jetzt  um meinerwegen zu ertragen habt, ersparen.

Aber ihr wisst doch was Christus gesagt hat: „Wer Vater, Mutter, Gattin und Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Wie wehe wird es Christus getan haben, als er seiner Mutter durch seine Leiden solche Schmerzen bereiten musste, die mit unseren Leiden gar nicht zu vergleichen sind.

Und dies alles litt Jesus nur aus Liebe für uns Sünder. Glaubt ihr vielleicht, euch könnte dann kein Leid mein treffen, wenn ich jetzt durch eine Lüge mir das Leben noch zu verlängern suchen würde? Wenn ihr das wirklich  glaubt, wie ich nach euren Reden vernehmen konnte, dass ich mich dadurch gegen das vierte Gebot versündige, dann habt ihr freilich Schweres durchzumachen. Wie unsre letzte Stunde sein wird, wissen wir nicht, auch nicht, welche Kämpfe wir dort noch durchzumachen haben, aber dass ich ein so großes Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit habe, dass mich mein lieber Heiland auch in der letzten Stunde nicht verlassen wird, der mich bisher nicht verlassen hat, das könnt ihr mir glauben |... |.

 Ich verzeihe euch sowie auch allen anderen von Herzen, wenn auch so manches Wort nicht gerade wohltut, das einem zu Ohren kommt, was hat man nicht unsren lieben Heiland alles geheißen? Und unsereins soll von solchen Worten verschont bleiben. Für mich werden die Verdienste für die Ewigkeit ja nicht geringer, wenn ich auch von vielen geschmäht werde, die Hauptsache ist nur, wenn der Herr mich in der Ewigkeit nicht zuschanden werden lässt. Gott, der Herr, er möge uns alle in der letzten Stunde zu Hilfe kommen und uns nicht Richter, sondern Erlöser sein.

 

[...] [Ohne Unterschrift]

 

 

 

 

 

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Mit gefesselten Händen Kurzporträts und Briefe von Verfolgten des NS -Regimes

Verlag Neue Stadt München 2017