BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 


Hans Herrmann von Katte
1704 -1730

 



Hans Hermann von Katte (* 28. Februar 1704 in Berlin; † 6. November 1730 in Küstrin) war ein Leutnant der preußischen Armee und Jugendfreund Friedrichs II.

Friedrichs II. Vater, König Friedrich Wilhelm I., drohte, beide wegen Fahnenflucht hinrichten zu lassen. Beide wurden vor ein Kriegsgericht im Schloss Köpenick gestellt und Katte zu lebenslanger Festungshaft verurteilt (hinsichtlich des Kronprinzen erklärte sich das Gericht für nicht zuständig). Friedrich Wilhelm I. verschärfte die Verurteilung v. Kattes zu einem Todesurteil und ordnete die Exekution durch Enthauptung an. Auch Friedrichs Schwester Wilhelmine wurde wegen Mitwisserschaft angeklagt und beide über ein Jahr streng isoliert festgehalten.

Katte verfasste an seinen Vater einen Abschiedsbrief:



[Küstrin, 2.-3. November 1730]



In Tränen möchte ich zerrinnen, wenn ich daran gedenke, mein Vater! daß dieses Blatt Ihnen die größte Betrübnis, so ein treues Vaterherz empfinden kann, verursachen soll, daß die gehabte Hoffnung meiner zeitlichen Wohlfahrt und Ihres Trostes im Alter mit einem Mal ver­schwinden muß, daß Ihre angewandte Mühe und Fleiß in meiner Erziehung zu der Reife des mir gewünschten Glückes sogar umsonst ge­wesen, ja! daß ich schon in der Blüte meiner Jahre mich neigen muß, ohne vorher Ihnen und der Welt die Pflichten Ihrer Vermahnungen und meiner erlangten Wissenschaften zeigen zu können. Wie dachte ich nicht in der Welt mich empor zu bringen und Ihrer gefaßten Hoff­nung ein Genüge zu tun! wie glaubte ich nicht, daß es mir an meinem zeitlichen Glück und Wohlfahrt nicht fehlen könnte, wie war ich nicht eingenommen von der Gewißheit eines großen Ansehens! aber alles umsonst.

Wie nichtig sind nicht der Menschen Gedanken, mit einem Mal fällt alles über einen Haufen, und wie traurig ändert sich nicht die Scene meines Lebens.

Wie gar unterschieden ist mein jetziger Stand mit dem, womit ich in meinen Gedanken schwanger ging. Ich muß anstatt den Weg zur Ehre und Ansehen, den Weg der Schmach und eines schändlichen Todes wandern, aber wie unbegreiflich o Herr! sind Deine Wege und unerforschlich Deine Gerichte. Wohl recht heißet es, Gottes Wege sind nicht der Menschen Wege, und der Men­schen Wege sind nicht Gottes Wege. Würde ich nicht etwan in der Sicherheit fortgegangen, und bei alle dem Glücke und Wohlleben Gott vergessen und ihn hintangesetzt haben: würde ich nicht vielmehr bei denen guten Tagen den Weg des Fleisches, der Sünden und der Wollust dem Wege Gottes vorgezogen haben? Ja gewiß, es hätte mich solches vielmehr von Gott ab, als ihm zu geführet. Die verdammte Am­bition, die einem von der Kindheit an, ohne den rechten Begriff davon zu haben, eingeflößet wird, würde immer weiter gegangen sein, und zuletzt dem eiteln Verstande zugeschrieben haben, was doch einzig und allein von Gott kömmt.
Solchem hat der gerechte und gütige Gott wollen zuvorkommen, und da seinen öfteren und vielfältigen Regungen nicht Gehör gegeben, auf solche Art mich fassen müssen, um daß ich nicht weiter ins Verderben stürzete und gar die ewige Ver­dammnis mir zuzöge. Dafür sei er auch von mir gelobet!
Fassen Sie sich demnach, mein Vater! und glauben sicherlich, daß Gott mit im Spiel, ohne dessen Willen kann ja nichts geschehen, auch nicht einmal ein Sperling auf die Erde fallen. Er ist es ja, der alles regieret und leitet durch sein heiliges Wort, darum kommt auch dieses mein Verhängnis von ihm her. Ist gleich die Art und Weise meines Todes bitter und herbe, so ist die Hoffnung und die Gewißheit der künftigen Seligkeit desto süßer und angenehmer, ist er gleich mit Schimpf und Schmach verknüpfet, ist es doch nichts im Vergleich der künftigen Herrlichkeit.
Trösten Sie sich mein Vater! hat Ihnen doch Gott mehr Söhne be­scheret, denen er vielleicht mehr Glück in der Welt geben wird, um Ihnen, mein Vater, die Freude an denenselben erleben zu lassen, die Sie vergeblich an mir gehoffet, welches ich Ihnen von Grund meiner Seele wünsche.
Unterdessen danke ich mit kindlichem Respect für alle mir erwiesene Vatertreue von meiner Kindheit an bis zu jetziger Stunde. Gott der Allerhöchste vergelte Ihnen tausendfach die mir er­zeigte Liebe und ersetze Ihnen durch meine Brüder, was bei mir rück­ständig geblieben. Er erhalte und bewahre Sie bis in Ihr hohes und graues Alter. Er speise Sie mit Wohlergehen und tränke Sie mit der Gnade seines Christus.
Für alle Ihnen jemals erwiesenen Ungehorsam, Unwillen und Wider­spenstigkeit, bitte ich in aller Unterthänigkeit um Vergebung, und da es das letzte ist, was ich Sie, mein Vater, in diesem Leben bitten werde, so hoffe ich, Sie werden mir solches nicht versagen, da ich auch dieses von Gott gewiß versichert bin.
Nun ist nichts mehr übrig, als daß ich mit diesem Trost schließe: Haben Sie gleich, mein Vater, nichts Hohes und Vornehmes in dieser Welt an mir erlebet, o! so sein Sie versichert, daß Sie desto höher im

Himmel finden werden

Ihren

bis im Tode getreuen Sohn


Was soll ich Ihnen aber sagen, liebwertheste Mama! die ich so sehr, als hätte uns das Band der Natur verbunden, geliebet - und Euch, liebste Geschwister! wie soll ich mein Andenken bei Euch stiften; Mein Zustand läßt nicht zu, alles, was ich auf dem Herzen habe, Euch vorzustellen.

Ich stehe vor der Pforte des Todes, muß also bedacht sein, mit einer gereinigten und geheiligten Seele einzugehen, kann also keine Zeit versäumen, und laß Euch nur den Spruch zum Andenken 1. Buch Moses Kap. 17, v. i. da Gott zu Abraham sprach: Wandle vor mir und sei fromm.



 

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Das Buch deutscher Briefe im Insel Verlag 1957