BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

HELMUT KLOTZ

1894 - 1943

Marineoffizier



Geboren am 30. Oktober 1894 in Freiburg/Breisgau; zum Tode verurteilt am 27. November 1942; hingerichtet am 3. Februar 1943 in Berlin - Plötzensee.

Dr. Helmut Klotz war zunächst ein begeisterter Anhänger Hitlers und gab damals seiner politischen Überzeugung in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die weiße Fahne" Ausdruck. Es wird berichtet, daß Klotz es war, der dem seelisch zusammengebrochenen Hitler nach dem mißglückten Münchener Putsch seine Selbstmordgedanken ausredete.
Bei einer Eisenbahnfahrt begegnete er Wilhelm Sollmann, und das Gespräch mit diesem klugen Sozialisten und früheren Reichsminister brachte eine vollständige Sinneswandlung in Klotz hervor. Er wurde zu einem leidenschaftlichen Gegner des Naziregimes, und bereits im Jahre 1933 fand sich sein Name auf einer Ausbürgerungsliste. Er flüchtete nach Frankreich, wo er als Schriftsteller seinen Kampf gegen den Naziterror fortsetzte. Zusammen mit anderen Mitgliedern der politischen Emigration wurde er nach der Besetzung Frankreichs an die Gestapo ausgeliefert, vor ein Volksgericht gestellt und von Freißler zum Tode verurteilt.



Abschieds Brief an die Mutter

Berlin - Plötzensee, 3. Februar 1943 (nachts)

Liebe, liebe Mutter, der ewige Gott hat es anders bestimmt, als wir alle es bis zuletzt hofften und von Ihm erbaten. Er weiß, warum Er mich heißt, diesen Weg zu gehen; wir aber werden es wissen. Und wir beugen uns in Demut, ja, in Dankbarkeit vor Ihm, denn Sein Weg wird auch für uns der beste sein. Ich gehe Dir und Maria und allen unseren Lieben voran, in die Ewigkeit.
Ich werde beten für Dich und Maria und Euch alle, ich werde die Stätte, die uns wieder vereinigen wird, vorbereiten.
Was soll ich Dir sagen in dieser letzten irdischen Stunde? Es kann nur Dank sein; Dank für alles, was Du mir je gabst, Dank vor allem für den Glauben, den Du Deinem kleinen Jungen einst ins Herz legtest und den der Mann in schweren Kämpfen wieder hob und zur Vollendung zu führen redlich bemüht war.Und es muß sein, die Bitte um Verzeihung: vergib mir alles, woran ich es je Dir gegenüber habe fehlen lassen. Und ich weiß es selbst am besten, es ist vieles, vieles, was Du mir nachzulassen hast.
Doch ich weiß, Du hast mir längst vergeben, ja, Deine Mutterliebe hat ein Wort der Anklage nie aufkommen lassen. Ich danke Dir, Mutter, ich danke Dir so. Ich lasse Dir Maria und meine Jungens zurück. All die Liebe, die Du bisher in so reichem Maße mir zuteil werden ließest, bitte ich Dich Maria zu schenken.
Sie ist, neben meinem Glauben, das Edelste, was ich hinterlasse; von ganzem Herzen wünsche ich, daß sie in ihrem Leben Erfüllung und Freude finden möge. . . .

Gedenket an mich im Bewußtsein, daß ich Gutes erstrebt habe. ... Das beiliegende Bild von Maria, das während der letzten Nacht vor mir stand, sei mein letztes irdisches Geschenk an Dich.
Dein Bild soll Maria erhalten. Die Zeit drängt. ... Bitte grüße auch Du Pfarrer Lemke von mir und danke ihm für die mir gewährte Hilfe. Ich konnte ihn nicht mehr sehen. Die Vollstreckung des Urteils wurde zu plötzlich angeordnet, als daß er noch benachrichtigt werden konnte.
Leb wohl, meine liebe gute Mutter; nochmals Dank, Dank. Mit dem Gebet für Dich, für Maria, für meine Jungens, für unsere Lieben — auch für meine Feinde, werde ich scheiden. Und mein erstes Gebet in jener anderen Welt, in deren Gewißheit ich lebe — und sterbe, wird Dir und Maria und Euch gewidmet sein.
Und nun zum letzten Male, Gott segne Dich und behüte Dich.

Ich küsse Deine treuen Mutterhände. In ewiger Dankbarkeit, in tiefem Glauben, sage ich. Dir lebe wohl, und werde ich Dir dereinst entgegenrufen:

Helmut
 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider