BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

 

Adam Kuckhoff

1887 - 1943

 


55 Jahre all - Schriftsteller - geboren in Aachen am 30. August 1887. - Studierte Mathematik, die Rechte, Nationalökonomie und Philosophie - betätigte sich all Schriftsteller, Dramaturg und Theaterkritiker - als Redaktor der Zeitschrift «Die Tat» förderte er das Studium und die Verbreitung des sozialistischen Gedankengutes - bis zur Machtergreifung Hitlers entfaltete er, zusammen mit seiner Frau Grete und dem Schwager Hans Otto, eine Tätigkeit in der Opposition, die 1938 von der Gestapo unterdrückt wurde • schloss sich 1941 der Gruppe «Rote Kaelle» an.,in der er sich besonders der Geheimpresse widmete. - Anfangs September 1942 in Berlin von der Gestapo verhaftet - in das Gefängnis an der Prinz Albrecht-Strasse übergeführt - gefoltert. - Vom 15. bis 19, Dezember 1942 Prozess gegen ihn und zwölf führende Mitglieder seiner Gruppe vor dem Reichskriegsgericht «Senat II in Berlin-Charlottenburg. - Am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee gehängt, zusammen mit Cato Bontjes van Beek, Hilde Coppi und acht anderen Patrioten!.*

 


Mein lieber, kleiner, grosser Sohn!


Ja, mein Grosser bist Du und verstehst schon so viel mit Deinem klugen Herzen, das hab ich gespürt, als Du mich hier besuchtest, und darum weisst  Du auch and sollst es auch wissen, dass Dein Vater traurig ist, weil er an Deinem Geburtstag nicht bei Dir sein kann. Wie gern würde ich in Frankfurt mit Dir vors Haus gehen, wenn es dunkel ist, oder noch lieber in Berlin auf den grossen Dachgarten und mit Dir nach den Sternen sehen, die Du immer schon als ganz kleiner Krott so liebgehabt hast,
Ich habe hier viel in dem grossen Buch gelesen, in dem alles über die Sterne steht (erinnerst Du Dich?) und habe oft dabei an
Dich  gedacht, wie Du sie noch einmal sehen wolltest nach dem Luftalarm, und da, waren die zwei schönen hellen, die immer zusammenstanden, und dann der grosse, und Du wolltest wissen, wie er hiess. Weisst Du es noch, nein, sicher nicht: Der König der Sterne Jupiter, Denke Dir, er hat acht Monde, wie unser Mond, und er ist  nur so weit weg, dass man sie nicht sehen kann.

Aber in Berlin gibt es ein Haus, eine Sternwarte mit Fernrohren, und wenn man hindurchschaut, sieht man die Monde um den Jupiter, und unseren  eigenen Mond sieht man ganz gross mit Bergen, so hoch wir die in Traunkirchen. Es tut mir leid, dass wir nicht einmal hingegangen sind, und dann hätten wir auch den Saturn gesehen, der grossen hellen Ring um sich hat.

Das geht nun nicht. Aber weisst  Du was? Weil wir beide die Sterne so gern haben, wollen wir in der Stunde Deiner Geburt, so zwischen halb fünf und fünf, aus dem Fenster zum Himmel hinaufsehen und ganz besonders lieb aneinander und an Mutter denken. Und wenn der Himmel voll Wolken ist, so denke, dass es so ist wie damals, als sie Dich geboren hat und fast dabei gestorben wäre, und wenn es klar ist, dass das dieselben  Sterne sind, die damals hinter den dunklen Wolken gestanden  haben.
Und  nun wünsche ich Dir einen schönen Tag mit den Grossetern und sicher  mit Harald, Karin und Tante Käthe, die Du alle von Herzen von mir grüssen sollst. Und sag ihnen, dass Mutter mir geschrieben  hat und ich ihr, und dass wir sehr froh darüber sind.

Auch die süssen  Puppen, die sie Dir gemacht hat, habe ich sehen dürfen, die musst  Du, weil in jedem Stich ein sehnsüchtiger, liebevoller Gedanke  an Dich ist, ganz besonders in Ehren halten.
Geliebtes  Kind, ich nehme Dich in meine Arme und küsse Dich. Schreib  mir einmal.
Dein Vater

 


Für Ule
Mein lieber Sohn, du grosses, spätes Glück,
so lasse ich dich -vaterlos zurück?
Ein ganzes Volk — nein, das ist viel zu klein,
das Menschenvolk wird dir dem Vater sein! ..
 

* Grete Kuckhoff hat eine Biographie ihres Gatten veröffenticht: Adam Kuckhoff zum Gedenken Aufbau Verag Berlin
 

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" Und die Flamme soll euch nicht versengen" / 1955 Steinberg Verlag Zürich 1955