BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

MARIE   KUDERIKOVA

1921 - 1943

 

Marie Kuderikova, geboren am 24. März 1921 in Vnorovy in Mähren, ging nach dem Abitur als Arbeiterin in eine Fabrik bei Brunn. Sie arbeitete in einer illegalen Organisation, wurde im Dezember 1941 verraten, verhaftet und am 26. März 1943 in Breslau hingerichtet.

Breslau, 26. März 1943

Meine teuren Eltern, mein geliebtes Mütterchen und Väterchen, meine einzige Schwester und kleiner Bruder. Teuerste Großmutter und Tante, meine Freunde, liebe, teure Bekannte. Meine Familie. Ihr alle teuer in dem, was in meinem Herzen das Liebste ist.
Ich nehme Abschied von Euch, ich grüße Euch, ich liebe Euch. Weint nicht, ich weine nicht. Ohne Klagen, ohne Angstbeben, ohne Schmerz gehe ich fort, schon, schon gelange ich zu dem, was doch nur Ziel, nicht Mittel sein sollte. Zum Scheiden von Euch, und doch nur zur völligen Annäherung, zum Einswerden mit Euch.
So wenig kann ich von meiner Liebe geben, nur die ernsteste Versicherung ihrer Tiefe und Innigkeit. Innigsten Dank. Heute, am 26. III. 43, um halb sieben Uhr abends, zwei Tage, nachdem ich mein 22. Lebensjahr erreicht habe, atme ich zum letzten Male.
Und doch, bis zum letzten Augenblick: leben und glauben. Ich hatte immer den Mut zu leben — ich verliere ihn auch nicht im Angesichte dessen, was die menschliche Sprache Tod nennt.
 Ich möchte Eure ganze Trauer, Euren ganzen Schmerz auf mich nehmen. Ich fühle die Kraft, ihn auch für Euch zu tragen, und den Wunsch, ihn mit mir zu nehmen. Bitte, bitte, habt sie auch, leidet nicht, weint nicht.
Ich liebe Euch, ich schätze Euch so. Wenn ich Eure Worte las, wuchsen mir immer Flügel. Ihr tatet alles, was nur in menschlichen und liebenden Kräften stand. Werft Euch nichts vor, alles weiß ich, alles fühle ich, alles lese ich in Euren Herzen.
Heute ist ein schöner Tag. Ihr seid irgendwo auf dem Feld oder im Gärtchen. Fühlt Ihr wie ich diesen Duft und diese Schönheit? Als ob ich es heute geahnt hätte. Ich war spazieren, ich war an der Luft, die das Fluidum des Frühlings, das Fluidum der Wärme trug, das Leuchten des Duftes und der Erinnerung.
Der nakte Nerv der Seele wurde warm von der Poesie des Alltags berührt. Der Duft gekochter Kartoffeln, Rauch und Löffelklappern, Vögel, Himmel, Leben. Der alltägliche Pulsschlag des Lebens.
Liebt es, liebt einander, lernt die Liebe, verteidigt die Liebe, verbreitet Liebe. Damit Ihr die Schönheit der selbstverständlichen Gaben des Lebens empfindet wie ich, das wünsche ich mir. Damit Ihr empfangen und geben könnt. Auch der heutige Nachmittag ist schön, ich fühle soviel Glut und Liebe, soviel Glauben, soviel Entschlossenheit, daß ich die Arme ausbreite und die Hände ausstrecke, damit Ihr es fühlt, damit Ihr es empfangt. Ich fürchte mich nicht vor dem Kommenden. Auch wenn ich fehlte und anderen weh tat, immer fühlte ich den Drang zum Guten, Hohen, Menschlichen.
Mein ganzes Leben war schön. Brennend, glaubend, kämpfend und siegend. Ihr wart sein Segen. Du, mein Mütterchen, mein Lämmchen,   mein  Vater,   meine   Schwester und  Jozinek,  mein Großmütterchen und Tante. Ihr alle, die ich geliebt habe und die mich gern hatten. Geliebte Menschen, liebes Leben und liebe Welt. Ich kniee vor Euch, Ihr Teuersten meines Lebens, und bitte um Liebe und Verzeihung.
Ich bitte um Verzeihung für alles und alle, die ich je verletzt habe. Auf dem Wege nach dem Menschenideal habe ich mich oft verirrt — nur im Herzen blieb der Glaube und in den Augen die Sehnsucht. Ich küsse Eure Hände und danke Euch mit ganzem Herzen, mit meiner ganzen Seele, in der ernstesten Stunde meines Lebens.
Ich trübe sie nicht mit Tränen, nein, ich begieße sie mit dem Lächeln der Liebe, des Dankes und der Versöhnung und bitte auch um ein Lächeln. Einen Kuß auf Deine Lippen, Dir, Mütterchen und Väterchen, Dir, geliebtes Mädelchen und Bübchen, Euch, mein Großmütterlein und Tante.
Freut Euch, liebt Euch. Seid gegrüßt. Ich grüße alle und wünsche allen tief und aufrichtig menschliches Glück.
„Dank Euch, und Liebe Euch, ach, klängen sie wie Glocken."

Eure Euch liebende Tochter Marie Kuderikova

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider