BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

RICHARD KUENZER

1875  - 1945

Wirkl.   Legationsrat

Dr. Richard Kuenzer, geboren am 6. Dezember 1875 zu Freiburg im Breisgau, Wirklicher Legationsrat im Auswärtigen Amt, wurde durch seine Vaterlandsliebe und intellektuelle Redlichkeit bereits sehr früh in das Lager der Gegner des Hitler-Regimes geführt. Wie viele der hervorragendsten Mitglieder des Widerstands gehörte er dem Freundeskreis an, der sich im Haus der Witwe des Botschafters Solf, Frau Hannah Solf, und ihrer Tochter Lagi Gräfin Ballestrem zu treffen pflegte. Als die Gestapo gegen den Solf- Kreis vorging, wurde auch Kuenzer am 5. Juli 1943 verhaftet und unter Anklage gestellt. In der Nacht vom 22. auf 23. April 1945 fiel er mit zahlreichen gleichgesinnten Mitgefangenen einem von der Gestapo auf dem Ausstellungsgelände am Lehrter Bahnhof verübten Massaker zum Opfer.

 

Aus dem Gefängnis schreibt er an sein zwölfjähriges Töchterchen

Donnerstag, 18. Mai 1944

Auf diesen Tag, an dem ich Dir endlich wieder schreiben kann, habe ich mich schon lange gefreut, und heute, da Christi Himmelfahrt ist, ist es endlich soweit. Es trifft sich gut, daß mir vor einigen Tagen Dein allerliebstes Brieflein vom 27. April ausgehändigt worden ist, für das ich Dir von Herzen danke.
Ja, mein liebes Kind, wäre es nur soweit, daß ich die Küsse, die Du mir auf dem Briefpapier übermittelst, leibhaftig empfangen und genießen könnte! In dem Schicksal, das über uns gekommen ist, ist es ein großes Glück, für das wir nicht dankbar genug sein können, daß wir eine so fürtreffliche Mamai haben.
Täglich denke ich dankerfüllten Herzens daran.
Und wie oft am Tage stelle ich mir vor, was Du jetzt gerade tun wirst. Ich sehe Dich des Morgens zur Schule wandern, „eilen" wahrscheinlich. Ich vermisse während der Schulstunden Deinen hochgehaltenen Zeigefinger. Wie hieß es immer in den Berliner Schulzeugnissen, wenn man die Passivität bemängelte?
Dann leiste ich Euch im Geiste Gesellschaft bei Euren Mahlzeiten. Und des Abends denke ich: jetzt legt sich Mönkie zur wohlverdienten Nachtruhe ins Bett.
Ich hoffe in der Tat, daß Euer Schulbetrieb jetzt etwas ernsthafter wird, damit Du Dir doch einen gründlichen Schulsack aneignen kannst, d. h. Kenntnisse, die die Grundlage für alles Spätere bilden sollen. Es ist mir ein großes Anliegen, daß Du namentlich fremde Sprachen tüchtig lernst, auch darin kannst Du Dir Mamai zum Vorbild nehmen.
Vor allem denke ich an Französisch, das Du ja in der Schule noch nicht hast. Ich treibe täglich tüchtig Französisch und würde mich freuen, Dir darin behilflich sein zu können. Mein liebes Kind, schweren Herzens muß ich wieder Abschied von Dir nehmen.
Du weißt, briefliche Nachrichten von Dir bereiten mir stets große Freude, die nur durch ein Wiedersehen übertroffen würde.
Gebe Gott es uns bald! Bis dahin möge Er Dir Seinen Schutz gewähren!
Dich umarme ich in Liebe und Sehnsucht.
Dein Papai

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider