BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Lange Hermann
 
1912 - 1943


Pastor

 

 

Leben ward  den Märtyrern . . . daß sie nicht, das Leben liebend das Leben verleugneten, und, das Leben verleugnend das Leben verlören. Und so geschah es, daß sie, die für das Leben die Wahrheit nicht verlassen wollten,  durch ihr Sterben für die Wahrheil lebten.     

St. Augustinus in Ps. 118

 

 

WO   SEINE   ZEUGEN   STERBEN IST   SEIN   REICH

Am 10. November 1943 wurden vier Lübecker Geistliche — die drei katholischen Kapläne Johannes Prassek (geb. 1911 in Hamburg), Hermann Lange (geb. 1912 zu Leer in Ostfriesland), Eduard Müller (geb. 1911 in Neumünster) und der evangelisch-lutherische Pastor Karl Friedrich Stellbrink (geb. 1894 in Münster] - in Hamburg durch das Fallbeil hingerichtet. Sie hatten den Brand von Lübeck von der Kanzel her als Gottesgericht bezeichnet.

Hermann Lange schrieb aus dem Hamburger Gefängnis am 11. Juli 1943: Ich persönlich bin ganz ruhig und sehe fest dem Kommenden entgegen. Wenn man wirklich die ganze Hingabe an den Willen Gottes vollzogen hat, dann gibt das eine wunderbare Ruhe und das Bewußtsein unbedingter Geborgenheit.... Menschen sind doch nur Werkzeuge in Gottes Hand. Wenn Gott also meinen Tod will — es geschehe Sein Wille. Für mich ist dann eben das Leben in diesem Jammertal beendet und es nimmt dasjenige seinen Anfang, von dem der Apostel sagt: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben." Der Tod bedeutet doch Heimkehr! Das, was uns dann geschenkt wird, ist so unvorstellbar groß, daß alle menschlichen  Freuden dagegen verblassen, und das Bittere des Todes als solchen — was er auch für unsere menschliche Natur im Dunklem an sich hat — dadurch gänzlich überwunden wird ...

 Aus dem Abschiedsbrief an die Eltern am 10. November 1943

Wenn Ihr diesen Brief in Händen habt, weile ich nicht mehr unter den Lebenden! Das, was nun seit vielen Monaten unsere Gedanken immer wieder beschäftigte und nicht mehr loslassen wollte, wird nun eintreffen. Wenn Ihr mich fragt, wie mir zu Mute ist, kann ich Euch nur antworten: Ich bin 1. froh bewegt, 2. voll großer Spannung! 
Zu 1. Für mich ist mit dem heutigen Tage alles Leid, aller Erdenjammer vorbei - und „Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen!"
Welcher Trost, welch wunderbare Kraft geht doch aus vom Glauben an Christus, der uns im Tod vorangegangen ist. An Ihn habe ich geglaubt und gerade heute glaube ich fester an Ihn und ich werde nicht zuschanden werden. Wie schon so oft möchte ich Euch auch jetzt noch einmal hinweisen auf Paulus.
Schlagt die folgenden Stellen einmal auf: 1. Kor, 15, 43 f., 551 Rom. 14, 8.   Ach,  schaut doch hin, wo immer Ihr wollt, überall begegnet uns der Jubel über die Gnade der Gotteskindschaft. Was kann einem Gotteskinde schon geschehen? Wovor sollte ich mich denn wohl fürchten? Im Gegenteil: Freuet Euch, nochmals sage ich Euch, freuet Euch! Und 2.
Heute kommt die größte Stunde meines Lebens! Alles, was ich bis jetzt getan, erstrebt und gewirkt habe, es war letztlich doch alles hinbezogen auf dieses eine Ziel, dessen Band   heute  durchrissen wird.  
 „Was    kein   Auge    gesehen, was kein Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gedrungen ist, hat Gott denen bereitet, die Ihn lieben" (1. Kor. 2, 9).
Jetzt wird für mich der Glaube übergehen in Schauen, die Hoffnung in Besitz und für immer werde ich Anteil haben an dem, der die Liebe ist! Da sollte ich nicht voller Spannung sein?

Wie mag alles sein? Das, worüber ich bisher predigen durfte, darf ich dann schauen! Da gibt es keine Geheimnisse und quälenden Rätsel mehr. Heute ist die große Heimkehr ins Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller Spannung sein?
Und dann werde ich auch all die wiedersehen, die mir hier auf Erden lieb waren und nahe standen! Ich habe von Anfang an alles in Gottes Hand gelegt. Wenn Er nun dieses Ende von mir fordert — gut, es geschehe Sein Wille.

Ganz der Wille Gottes
 

Wenn der Tag sich neigt,
wenn des Lebens Sonne
nur noch mattes Glänzen zeigt,
wenn sie tiefer sinkend,

nah' dem Untergehn,
ganz der Wille Gottes
soll auch dann geschehn!

Ganz der Wille Gottes!
Ob nach kurzem Pfad'
ob nach langem Wandern
diese Stunde naht,

Freunde oder Feinde
mich dann sterben sehen,
ganz der Wille Gottes
soll auch da geschehen!
 

Auf Wiedersehen oben beim Vater des Lichtes!

Euer glücklicher Hermann

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider