BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

LEBER JULIUS


1891 - 1945

]ulius Leber, geboren am 16. November 1891 zu Biesheim im Oberelsaß, war Chefredakteur des „Lübecker Volksboten" und sozialdemokratischer Abgeordneter im Deutschen Reichstag. Seine Bedeutung als Politiker machte ihn zum Gegenstand nationalsozialistischer Verfolgung, und er erlitt jahrelange Haft im Konzentrationslager. Er nahm eine führende Stellung in der Widerstandsbewegung ein, wurde wegen seines Zusammenhangs mit der Erhebung vom 20. Juli zum Tode ver­rteilt und starb am 5. Januar 1945.


 

Briefe aus der Haft

Lübeck, den 24. Juni 1933 Untersuchungsgefängnis

...Manchmal kommt mir ein Gedanke: Wer weiß, vielleicht ist das Schicksal weiser als wir heute ahnen. Vielleicht werden wir es einmal doch als gut empfinden, daß mit der Epoche in meinem Leben Schluß gemacht wurde, die an sich keine andere Aufgabe und keine andere Aussicht mehr bot, als einem sonnigen Lebensabend zuzusteuern.
Seit zwei oder drei Jahren hat mich diese Aussicht oft gequält, und ich sah bei der trostlosen Verstockung in unserem Parteiapparat keinen anderen Ausweg. Sicher weißt Du es von mir, irgendwo in meinem Charakter ist es begründet: Der Kampf um ein Ziel ist mir alles, das erreichte Ziel gilt mir wenig.
Für was für ein Ziel sollte man aber noch in den letzten Jahren kämpfen? Hätte mich ein so schweres Schicksal allein und persönlich getroffen, so hätte ich vielleicht die tragische Schuld in meiner eigenen Entwicklung der letzten zwei Jahre suchen müssen.
Was aber ist die Entwicklung einer Person im Vergleich zu der großen geschichtlichen! Was ist auch schon noch die Strafe für mich im Vergleich zu der Tatsache, daß mein Lebenswerk zusammenbricht!

Lübeck,  den  26.  Juli 1933 Untersuchungsgefängnis

... Man kann dem Volke Angst einjagen mit allen möglichen Mitteln. Liebe aber wächst nur durch Menschlichkeit und Gerechtigkeit, und ohne Liebe gibt es eben kein Vaterland. Manchmal zweifle ich, ob ich selbst jemals ein Vaterland der Gerechtigkeit sehen werde.

Lübeck,  den 4. August 1933 Untersuchungsgefängnis

Im Grunde genommen ist das Leben doch nur durch Spannungen  schön. Ich wüßte aus meiner früheren " Schönen Erinnerung" nur wenige und seltene Dinge, die mich mit so angespannter Freude erfüllten, wie jetzt das Erwarten Deines Besuches. Und wenn dann noch die Woche so schnell vorbeigeht wie mir die jetzige, dann ist das Leben beinahe vollkommen.
Als gestern der Inspektor durch die Zelle ging und mich fragte, wie es so geht, da konnte ich ihm nur antworten, daß ich eine glückliche Zeit unter seiner Oberherrschaft verlebe. Er hielt mich zwar für verrückt.
Aber diese innere Sammlung und Konzentration durch die Enge der Zelle schaffen tatsächlich einen Zustand, der mehr inneres Glück in sich birgt als die zerrissene Hast des freien Lebens. Es ist eben so, daß sich hier jeder selber zurechtfinden, hochhalten und stark machen muß. „Hier wird das Herz gewogen, kein anderer tritt für ihn ein", das gilt hier vielmehr als auf dem Schlachtfeld. Weil hier jedes Pathos und jede Leidenschaft fehlt.
Hier wird das Herz gewogen ohne jede Zugabe. Hier  kann man sich nichts vormachen, nichts, nichts, denn man ist immer allein zwischen vier kahlen Wänden, die wie ein Seelenspiegel blank werden in den langen Monaten.

Konzentrationslager Sachsenhausen, den 21. Dezember 1936

Weihnachten steht vor der Tür, das vierte Fest seit unserer Trennung.
Das Schicksal meint es hart mit uns und doch nicht schlecht. Schicksalsschläge, Prüfungen und Notlagen hämmern dein inneren Menschen zurecht und gestalten ihn um. Er lernt sich selbst klarer zu sehen und zu beurteilen. ... Keine Zeit im Leben eines Menschen ist verloren als die, die er gedankenlos und sinnlos an sich vorbeiplätschern läßt.
Gilt eins etwa für die Jahre unserer langen Trennung?
O nein, denn sie haben uns geformt, und wir sind andere geworden als wir waren. Ein Schicksalsweg, der das von uns fordert, schlägt nicht nur Wunden, er beschenkt auch.

Nach dem Attentatsversuch kurz vor seiner Verhaftung

Ich habe nur einen Kopf, und ich kann ihn für keine bessere Suche einsetzen als diese.

Kurz vor seinem Tode

Die Einsamkeit der Zelle ist nicht etwa eine bedrückende Last. Oft denke ich an die mittelalterlichen Mönche, die aus der Welt  ausscheiden, um sich in vier engen Wänden ihren Gedanken hinzugeben. Viele von ihnen fanden darin höchstes Glück  und tiefste Erfüllung.
In einem Buch las ich diesen Spruch von dem alten Mystiker Angelus Silesius:

„Man red't soviel von Zeit und Ort, von Nun und Ewigkeit!
Was ist denn Zeit und Ort und Nun und Ewigkeit?" 

Ich habe mir viele Gedanken gemacht in den letzten Wochen, und ich bin doch zu der Oberzeugung gelangt, daß die Liebe, deren die menschliche Seele fähig ist und die stärker ist als alles andere im Menschen und in der Welt, beweist, daß diese Seele göttlichen Ursprungs sein muß.
Göttlichen Ursprungs bedeutet auch unsterblich.

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider