BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Harmen van der Leek

1895 - 1941

 



Holländischer Widerstandskämpfer/ Letzter Brief vor der Erschießung /Amsterdam, 17. November 1941



Geliebter Pastor und Freund!


Wir haben wir wieder erlebt! Am Freitag wurden wir erst zu viert im Auto nach Amsterdam gebracht und waren sehr aufgeräumt. Einem von uns war gesagt worden, daß wir noch einmal verhört würden und das konnte eine günstige Wendung sein, nachdem das Todesurteil schon verkündet war. Aber der Schlag, der dann kam, war um so härter. Wir hatten noch drei Stunden zu leben und wir konnten unsern letzten Brief schreiben. Das habe ich getan und wartete dann auf ihr Kommen.

Pfr. Ferwerda sprach ich noch einen Augenblick und konnte Ihm vorsichern, daß alles gut mit mir stünde. Ich konnte auch nichts anderes sagen, denn ich war unaussprechlich ruhig und voll Mut. Wie hätte ich auch sonst so heiter sein können. Ich konnte von allen und von allem Abschied nehmen — und damit war das letzte Band, das mich noch an die Erde gebunden, gelöst. Dann aber, eine viertel Stunde vor der festgesetzten Zeit, kam der Bericht: Aufschub. Das hat mich vollkommen niedergeschlagen. Den Tod vor meinen Augen, geriet ich keine Minute in Anfechtung, mein Gottvertrauen blieb stark. Als ich in die furchtbare, schwer vergitterte Todeszelle eingeschlossen wurde, bekam ich im ich sogar einen Augenblick eine Anwandlung laut zu singen. Ich betrachtete mit einem Lächeln das viele Eisen. Als dann die Türe sich hinter mir schloß, dachte ich: Nun fällt für mich die Türe zum Leben für immer zu. Aber sogleich kam mir der helle und feste Gedanke: Auch hieraus kann Gott, wenn im will, noch befreien! Aber ich hatte nicht den geringsten Schmerz und keine Enttäuschung, nicht das geringste Verlangen, daß Er es tun möge. Doch aus der Gewißheit des Todes wieder in Angst und Zweifel und neue Erwartung geworfen, wurde ich innerlich schwach. Wohl blieb ich Gottes unaussprechlicher Güte in Jesus Christus gewiß, und gewiß, daß Er es besser weiß als ich, aber ich mußte doch schreiend und schluchzend Seine besondere Hilfe anrufen, um diesen neuen Schreck auszuhalten.
Zwei Tage hatte ich mit meinem Zellengenossen darunter gelitten, zuweilen haben wir über Gottes reiche Gnade miteinander sprechen können, aber die Gewißheit, daß ich gerettet würde, ist vorbei. Ich bin dadurch nicht in Aufruhr gegen Gott geraten — ich habe in der ersten schlaflosen Nacht von Freitag auf Samstag den letzten Kampf durchgekämpft und aufs neue bitten gelernt: Dein Wille geschehe! Ich habe gesagt: Herr, nun kann ich nicht mehr, hier hast Du mich ganz, ohnmächtig und erschlagen. Ich erwarte jetzt nichts mehr als Deine Gnade. Aber mein Glaube war nicht erschüttert - ich bin nur zu diesem Ergebnis gekommen, daß Gottes Plan für diese Zeit oder für die Ewigkeit mit mir noch nicht fertig war. Über Nacht wurde ich wach und fühlte, daß mein ganzer Glaube zurückgekehrt war. Noch fühle ich Schmerz und Angst, denn nun weiß ich, was mir wahrscheinlich bevorsteht und das beruhigt mich auch, weil es nicht mehr unerwartet kommt, aber ich bin gewiß, daß Gott uns auch da hindurchhelfen wird. Wir stehen nun in der letzten Bereitschaft. Dabei besitze ich noch meinem vollen Glauben an Gottes Wundermacht; auch jetzt kann er uns noch retten und die letzten Bemühungen für uns in Berlin segnen.
Aber ich fühle, daß ich nach dieser Möglichkeit nicht mehr greifen mag, sondern nur still wie ein Kind die Entschuldigung meines Vaters abwarten will. Ich muß leiden, aber nicht als einer, der ohne Hoffnung ist. Was kommt, ist immer gut, wird sogar von ungeahnter Herrlichkeit sein. Wir bitten, daß wir hier noch leben dürfen als kräftige Zeugen des Heilands; mehr verlangen wir nicht. Sie sehen, eine klare und reine Haltung ist mir nicht gegeben, aber ich warte auf den Herrn...

Ihr zugeneigter Harmen van der Leek
 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider