BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 


LETZTE BRIEFE AUS STALINGRAD


 



Diese Briefe wurden im Januar 1943 mit der letzten Frachtmaschine aus dem Kessel von Stalingrad nach Nowotscherkassk befördert. Auf Befehl wurden sie beschlagnahmt. Die Anschriften und Absender unkenntlich gemacht und nach Inhalt und Tendenz geordnet. Darnach dem Oberkommando der Wehrmacht übergeben. Goebels plante mit diesen Briefen eine Sammlung des heroischen Durchhaltewillens zu veröffentlichen. Die Statistik zeigte nun, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Schreiber positiv zum Krieg standen. 57,1 Prozent lehnten den Krieg ab. Goebbels entschloss sich diese Briefe der Öffentlichkeit zu entziehen und sie wurden im Heeresarchiv Potsdam gelagert und so gerettet.



Brief I

unbekannt


... Dieses ist für lange Zeit, vielleicht für immer, mein letzter Brief, und von einem Kameraden, der zum Flugplatz muß, wird er mitgenommen, denn morgen soll die letzte Maschine aus dem Kessel fliegen. Die Lage ist unhaltbar geworden, der Russe steht drei Kilometer vor der letzten Flugbasis, und wenn diese verloren ist, kommt keine Maus mehr heraus und ich auch nicht. Gewiß, Hunderttausende andere auch nicht, aber es ist ein schwacher Trost, den eigenen Untergang mit anderen geteilt zu haben. Wenn es einen Gott gibt. Drüben auf der anderen Seite sagen es auch viele, in England und in Frankreich sicherlich Millionen. Ich glaube nicht mehr, daß Gott gütig sein kann, denn sonst würde er ein so großes Unrecht nicht mehr zulassen. Ich glaube nicht mehr daran, denn sonst hätte Gott die Hirne der Menschen erleuchtet, die diesen Krieg begannen und immer vom Frieden und vom Allmächtigen in drei Sprachen redeten. Ich glaube nicht mehr an Gott, weil er uns verraten hat. Ich glaube nicht mehr, und Du mußt sehen, wie Du mit Deinem Glauben fertig wirst.


Brief II

unbekannt


... Am Morgen wurde gesagt, daß wir schreiben können. Nur noch einmal, sage ich, denn ich weiß es genau, daß es das letzte Mal sein wird. Du weißt, daß ich immer an zwei Menschen, an zwei Frauen geschrieben habe, an die »Andere« und Dich. Am wenigsten aber an Dich. Ich war weit entfernt von Dir, und Carola stand mir näher als Du in den letzten Jahren. Wir wollen das nicht alles wiederholen, wie es kam und warum es so kommen mußte. Heute jedoch, wo ich vom Schicksal vor die Wahl gestellt werde, nur noch an einen Menschen schreiben zu dürfen, geht mein Brief an Dich, die seit sechs Jahren meine Frau ist.
Es wird Dir wohltun, wenn Du erfährst, daß der letzte Brief des Mannes, den Du liebtest, an Dich gerichtet ist, und ich habe es nicht fertiggebracht, an Carola zu schreiben und sie zu bitten, Dir Grüße von mir auszurichten. So bitte ich Dich denn, liebe Erna, in dieser Stunde, die meinen letzten Willen enthält, sei großmütig und verzeih, was ich Dir im Leben Unrechtes tat, und gehe zu ihr (sie wohnt bei ihren Eltern) und sage ihr, daß ich ihr viel verdanke und sie durch Dich, also durch meine Frau, grüßen lasse. Sage ihr, daß sie mir viel in dieser letzten Zeit gewesen, und ich hätte oft daran gedacht, was einmal werden sollte, wenn ich heimkehrte. Aber sage ihr auch, daß Du mir mehr gewesen seiest und daß ich eigentlich, obwohl tieftraurig, daß es nun keine Heimkehr mehr geben wird, froh bin, diesen Weg diktiert bekommen zu haben, der uns zu dreien eine entsetzliche Quälerei erspart hat.
Ob Gott wohl größer als das Schicksal ist? Ich bin ganz ruhig, aber Du weißt nicht, wie schwer das ist, in einer Stunde alles, was man noch zu sagen hat, auszusprechen. So viel wäre noch zu schreiben, so unendlich viel, aber weil es so viel ist, darum muß man verstehen, die Feder nicht zu lange auf dem Papier zu lassen und den richtigen Zeitpunkt zu finden, sie aus der Hand zu legen. So wie ich mein Leben jetzt aus der Hand lege. Von meiner Kompanie sind noch fünf Mann dabei. Wilmsen auch noch. Die anderen sind schon alle ..., alle zu müde geworden. Ist das nicht ein schöner Ausdruck für das Grauen? Aber was interessiert das alles jetzt und was nützt es, wenn Du es weißt! So behalte mich denn als den Menschen in der Erinnerung, der sich fast ganz am Ende darauf besonnen hat, Dein Mann zu sein und Dich um Verzeihung zu bitten, und noch mehr, Dich zu bitten, allen, die Du kennst, auch Carola, zu sagen, daß ich zu Dir in dem Augenblick zurückgefunden habe, der Dich mir für immer nimmt.


Brief III
Unbekannt


... So nun weißt Du es, daß ich nicht wiederkomme. Bringe es unseren Eltern schonend bei. Ich bin schwer erschüttert und zweifle sehr an allem. Einst war ich gläubig und stark, jetzt bin ich klein und ungläubig. Vieles, was hier vor sich geht, werde ich nicht erfahren; aber das wenige, das ich mitmache, ist schon so viel, daß ich es nicht schlucken kann. Mir kann man nicht einreden, daß die Kameraden mit dem Worte »Deutschland« oder »Heil Hitler« auf den Lippen starben. Gestorben wird, das läßt sich nicht leugnen; aber das letzte Wort gilt der Mutter oder dem Menschen, den man am liebsten hat, oder nur dem Ruf nach Hilfe. Ich habe schon Hunderte fallen und sterben gesehen und viele gehörten wie ich der HJ an, aber sie haben alle, wenn sie noch konnten, um Hilfe gerufen oder nach einem Namen, der ihnen doch nicht helfen konnte.

Der Führer hat fest versprochen, uns hier herauszuhauen, das ist uns vorgelesen worden, und wir glaubten auch fest daran. Ich glaube es heute noch, weil ich doch an etwas glauben muß. Wenn das nicht wahr ist, woran sollte ich dann noch glauben? Dann brauchte ich keinen Frühling und keinen Sommer mehr und nichts mehr, was Freude macht. Laß mir diesen Glauben, liebe Greta, ich habe mein ganzes Leben oder wenigstens acht Jahre davon immer an den Führer und sein Wort geglaubt Es ist entsetzlich, wie sie hier am Zweifeln sind, und beschämend, die Worte zu hören, gegen die man nichts sagen kann, denn die Tatsachen sprechen für sie.

Wenn es nicht wahr ist, was man uns versprach, dann wird Deutschland verloren sein, denn in diesem Fall kann kein Wort mehr gehalten werden. Oh, diese Zweifel, diese furchtbaren Zweifel, wenn sie doch bald behoben wären!


Brief IV
unbekannt


... Sechsundzwanzigmal habe ich Dir schon aus dieser verfluchten Stadt geschrieben, und Du hast mir mit siebzehn Briefen geantwortet. Nun schreibe ich noch einmal, und dann nicht mehr. So, da steht es, ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich diesen inhaltsschweren Satz formulieren sollte, um alles in ihm zu sagen und doch nicht so weh zu tun.


Ich nehme Abschied von Dir, weil die Entscheidung seit heute morgen gefallen ist. Ich will in meinem Brief die militärische Seite gänzlich unberücksichtigt lassen, sie ist eine eindeutige Angelegenheit der Russen, und die Frage geht nur dahin, wie lange wir noch dabei sind.
Es kann noch ein paar Tage dauern oder ein paar Stunden. Unser persönliches Leben liegt vor uns. Wir haben uns geachtet und geliebt und zwei Jahre gewartet.
Es ist schon richtig gewesen, daß die Zeit dazwischen liegt, sie hat zwar die Spannung auf das Wiedersehen erhöht, aber auch in starkem Maße die Entfremdung gefördert. Die Zeit ist es, die auch die Wunden meiner Nichtwiederkehr schließen muß. Du wirst im Januar 28 Jahre alt, das ist noch sehr jung für eine so hübsche Frau, und ich freue mich, daß ich Dir dieses Kompliment immer wieder machen durfte.
Du wirst mich sehr vermissen, aber schließe Dich trotzdem nicht ab von den Menschen. Laß ein paar Monate dazwischen liegen, aber nicht länger. Denn Gertrud und Claus brauchen einen Vater. Vergiß nicht, daß Du für die Kinder leben mußt, und mach um ihren Vater nicht viel Wesens. Kinder vergessen sehr schnell und in dem Alter noch leichter. Sieh Dir den Mann, auf den Deine Wahl fällt, genau an und achte auf seine Augen und seinen Händedruck, so wie das bei uns der Fall gewesen ist, und Du wirst Dich nicht täuschen. Vor allem eins, erzieh die Kinder zu aufrechten Menschen, die den Kopf hoch tragen und jedem frei ins Angesicht blicken können.
Ich schreibe mit schwerem Herzen diese Zeilen, Du würdest es mir auch nicht glauben, wenn ich schrieb, daß es mir leicht fiele, aber mach Dir keine Sorgen, ich habe keine Angst vor dem, was kommt. Sage es Dir immer wieder, und den Kindern auch, wenn sie älter geworden sind, daß ihr Vater nie feige gewesen ist und daß sie es nie sein sollen.


... Sechsundzwanzigmal habe ich Dir schon aus dieser verfluchten Stadt geschrieben, und Du hast mir mit siebzehn Briefen geantwortet. Nun schreibe ich noch einmal, und dann nicht mehr. So, da steht es, ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich diesen inhaltsschweren Satz formulieren sollte, um alles in ihm zu sagen und doch nicht so weh zu tun.

Ich nehme Abschied von Dir, weil die Entscheidung seit heute morgen gefallen ist. Ich will in meinem Brief die militärische Seite gänzlich unberücksichtigt lassen, sie ist eine eindeutige Angelegenheit der Russen, und die Frage geht nur dahin, wie lange wir noch dabei sind.
Es kann noch ein paar Tage dauern oder ein paar Stunden. Unser persönliches Leben liegt vor uns. Wir haben uns geachtet und geliebt und zwei Jahre gewartet.
Es ist schon richtig gewesen, daß die Zeit dazwischen liegt, sie hat zwar die Spannung auf das Wiedersehen erhöht, aber auch in starkem Maße die Entfremdung gefördert. Die Zeit ist es, die auch die Wunden meiner Nichtwiederkehr schließen muß. Du wirst im Januar 28 Jahre alt, das ist noch sehr jung für eine so hübsche Frau, und ich freue mich, daß ich Dir dieses Kompliment immer wieder machen durfte.
Du wirst mich sehr vermissen, aber schließe Dich trotzdem nicht ab von den Menschen. Laß ein paar Monate dazwischen liegen, aber nicht länger. Denn Gertrud und Claus brauchen einen Vater. Vergiß nicht, daß Du für die Kinder leben mußt, und mach um ihren Vater nicht viel Wesens. Kinder vergessen sehr schnell und in dem Alter noch leichter. Sieh Dir den Mann, auf den Deine Wahl fällt, genau an und achte auf seine Augen und seinen Händedruck, so wie das bei uns der Fall gewesen ist, und Du wirst Dich nicht täuschen. Vor allem eins, erzieh die Kinder zu aufrechten Menschen, die den Kopf hoch tragen und jedem frei ins Angesicht blicken können.
Ich schreibe mit schwerem Herzen diese Zeilen, Du würdest es mir auch nicht glauben, wenn ich schrieb, daß es mir leicht fiele, aber mach Dir keine Sorgen, ich habe keine Angst vor dem, was kommt. Sage es Dir immer wieder, und den Kindern auch, wenn sie älter geworden sind, daß ihr Vater nie feige gewesen ist und daß sie es nie sein sollen.


Brief V
unbekannt

... Ich habe Deine Antwort in Händen. Einen Dank wirst Du wohl nicht erwarten.
Dieser Brief wird kurz sein. Ich hätte es mir denken können, als ich Dich bat, mir zu helfen. Du warst und bleibst ein ewig »Gerechter«. Mama und mir war das nicht unbekannt. Aber man konnte ja nicht annehmen, daß Du Deinen Sohn der »Gerechtigkeit« zum Opfer bringen würdest.
Ich bat Dich, mich herauszuholen, weil dieser strategische Unsinn nicht Wert ist, für ihn ins Gras zu beißen. Es wäre Dir ein leichtes gewesen, ein Wort für mich einzulegen, und ein entsprechender Befehl hätte mich erreicht. Du bist über die Lage nicht im klaren.
In Ordnung, Vater.

Dieser Brief ist nicht nur kurz, sondern auch der letzte, den ich Dir schreibe. Ich werde keine Gelegenheit mehr zum Briefschreiben haben, selbst dann nicht, wenn ich wollte. Es wäre auch nicht auszudenken, daß ich Dir noch einmal gegenüberstehen sollte und Dir sagen müßte, was ich denke. Und weil weder ich noch ein weiterer Brief zu Dir sprechen werden, rufe ich Dir Deine Worte vom 26. Dezember noch einmal ins Gedächtnis zurück: »Du wurdest freiwillig Soldat, es war leicht, im Frieden unter der Fahne zu stehen, aber schwer, sie im Kriege hochzuhalten. Du wirst dieser Fahne treu bleiben und mit ihr siegen.
« Diese Worte haben klarer gesprochen als Deine Gesamthaltung der letzten Jahre. Du wirst Dich an sie noch erinnern müssen, denn es kommt für jeden einsichtigen Menschen in Deutschland die Zeit, in der er den Wahnsinn dieses Krieges verflucht, und Du wirst einsehen, wie hohl die Worte von der Fahne sind, mit der ich siegen sollte.

Es gibt keinen Sieg, Herr General, es gibt nur noch Fahnen und Männer, die fallen, und am Ende wird es weder Fahnen noch Männer geben. Stalingrad ist keine militärische Notwendigkeit, sondern ein politisches Wagnis. Und dieses Experiment macht Ihr Sohn nicht mit, Herr General! Sie versperrten ihm den Weg ins Leben, er wird den zweiten Weg in der entgegengesetzten Richtung wählen, der auch ins Leben führt, aber auf der anderen Seite der Front. Denken Sie an Ihre Worte und hoffentlich werden Sie, wenn der Kram zusammenbricht, sich der Fahne erinnern und zu ihr stehen.


 

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Das Buch der deutschen Briefe herausgegeben von Walter Heynen Insel Verlag 1957