BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

BERNHARD LICHTENBERG

 1875 - 1943

 

Fürchte dich nicht vor dem, was dir an Leiden noch bevorsteht. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis bringen, damit ihr geprüft werdet. Ihr werdet  eine Bedrängnis von zehn Tagen zu bestehen haben. Sei treu bis zum Tode, so will  ich dir das Leben als Siegeskranz geben.,    Apokalypse 2,10

 

Dompropst

Bernhard Lichtenberg, zu Ohlau in Schlesien am 3. Dezember 1875 geboren, seit 1938 Dompropst von St. Hedwig zu Berlin, war, als die große Prüfung seines Lebens an ihn herantrat, ein würdiger, betagter Priester, dessen Körper, in langen Jahren aufopfernder Seelsorge verbraucht, seinen Dienst nur noch verrichtete, weil ihn ein feuriger Wille dazu zwang. In ihm verband sich die Zartheit des glühenden Beters mit der Derbheit des Kämpfers für das beleidigte Recht.
Er gehörte zu denen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. So war der Konflikt mit dem Nationalsozialismus unausbleiblich.
Als Pazifist wurde er schon vor der Machtergreifung zum Gegenstand des Hasses für die braunen Kohorten.
Als dann der Terror in Deutschland zur Staatsform erhoben wurde, konnte und wollte Pater Lichtenberg nicht schweigen, denn für den Priester war Schweigen Komplizität. In Antwort auf die Mitte Oktober 1941 von der Partei verteilten Hetzblätter ließ er folgende Kanzelvermeldung in allen Kirchen der Diözese verlesen:

Vermeldung.

In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, daß jeder Deutsche, der aus angeblicher falscher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch nur durch ein freundliches   Entgegenkommen,   Verrat  an  seinem  Volke   übt.

Laßt  euch durch diese unchristliche  Gesinnung nicht  beirren, sondern handelt nach dem strengen Gebot Jesu Christi:  „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."
" Niemand hat ihn je die Hand zum Hitlergruß heben sehen. "
Auf die Frage, wie er zum Führer stehe, antwortete er dem Gestapo-Kommissar: „Ich habe nur einen Führer: Jesus Christus." Wegen seiner öffentlichen Gebete für KZ-Gefangene und Juden angezeigt, wurde er am 23.  Oktober 1941 verhaftet, vor ein Gericht gestellt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. „Ich wußte von den vielen Verhaftungen von Priestern", bekennt er bei der Hauptversammlung, „und ahnte schon damals, was ich heute weiß, weil ich  es selbst nun seit sieben Monaten durchkosten muß und am eigenen Leib zu spüren bekam: wie schwer auch für einen Priester das Los der Gefangenschaft ist und wie sehr auch er in dieser Not der Kraft und des Trostes durch Gott bedarf."

Am 17.1.1943 im Strafgefängnis Tegel schreibt „der Strafgefangene Dornpropst B. L., Karthäusermönch", in einer Briefbeilage nieder:

Ich will nichts anderes haben Als was mein Heiland will, Drum hält der Strafgefangene Bis an das Ende still. Und was der Heiland will, Das steht schon lange fest: Apokalypse Zwei Vom 10. Vers den Rest.
Die Freiheitsstrafe war gleichbedeutend mit einem Todesurteil.
Propst Lichtenberg starb am 5. November 1943 in Hof auf dem Wege nach Dachau, wohin ihn die Gestapo nach seiner Entlassung aus dem Strafgefängnis Tegel wegen „Gefährdung der Öffentlichkeit" überführen wollte. Seinem letzten Brief, den wir hier folgen lassen, sei das Gebetswort vorangestellt,, dem er einst ein Buch hatte widmen wollen:

Deus, Deus meus, ad te de luce vigilo.

Gefangentagebuch Nr.  717 Strafgefängnis Tegel in Berlin

Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen. Ehrwürdige Schwester Oberin! Der liebe Gott hat mich zum dritten Mal ins Lazarett des Gefängnisses geschickt. 
So muß ich meinen wahrscheinlich letzten Gefängnisbrief im Bett schreiben.
Wenn ich von hier aus die letzten zwei Jahre überblicke, so will und muß ich Gott, aus ganzer Seele danken, auch allen, die Seinen heiligen Willen an mir zur Ausführung brachten. Es ist mein fester Entschluß, die Exerzitienvorsätze mit Gottes Hilfe zur Ausführung zu bringen, die ich vor Ihm nach den dreißigtägigen Exerzitien gefaßt habe, nämlich: ich will alles, was mir widerfährt, Freudiges und Schmerzliches, Erhebendes und Niederdrückendes, im Lichte der Ewigkeit ansehen, ich will meine Seele besitzen in meiner Geduld, in keinem Worte und in keinem Werk sündigen und alles aus Liebe tun und alles aus Liebe leiden. Lebensmut habe ich noch für zwanzig Jahre, aber wenn der liebe Gott will, daß ich noch heute sterbe, so soll Sein heiliger Wille geschehen.
1000 Grüße meinem hochwürdigen Bischof, dem Domkapitel, dem Pfarrhaus, der Pfarrwohnung, der St. Hedwigsgemeinde, allen, die für mich gebetet und mir geschrieben und mich dadurch getröstet haben.
Es geschehe, werde gelobt und in Ewigkeit hochgepriesen der süßeste, heiligste und gerechteste Wille Gottes, unerforschlich in seinen Höhen und Tiefen, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

Der Gefangene im Herrn

Bernhard Lichtenberg Dornpropst von St. Hedwig

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider