BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

RUPERT MAYER

1870 - 1945

 S. J. Pater

Pater Rupert Mayer, geboren am 23. Januar 1870 in Stuttgart trat den nationalsozialistischen Glaubensfeinden mit unbeugsamer Kühnheit entgegen. Allen Zugeständnissen war abhold. Er gehörte nicht zu einem „heimlichen" Deutschland: solche Tarnung war ihm fremd. Bereits in seinem ersten Prozeß verteidigt er sich mit den Worten: „Mir kommt es viel ehrlicher vor, klar zu sagen, was los ist, als mich durch viele  Phrasen durchzuwinden. Bei mir wissen die Leute: So ist es und so bleibt es!" Vom 5. bis 10. Juni 1937 ist er in Polizeihaft im Gefängniß dor Geheimen Staatspolizei im Wittelsbacher Palais zu Münchon und daran anschließend bis 22. Juli im Strafvollstreckunggefängnis in Stadelheim. Hier seine Eindrücke über den dortigen Aufenthalt: „Ich habe jetzt die schönste Zeit meines Lebens verbracht. Das sollte man nicht für möglich halten. Ich war so glücklich, so restlos glücklich wie noch nie im Leben. — Dor liebe Gott hat mir zu erkennen gegeben — und ich bin ein Verstandesmensch  - in diesen Wochen, daß Er mit mir zufrieden ist. Das macht mich so glücklich; alles andere kann mich nicht beunruhigen. — Das Gefängnis ist für mich  besser als tausend  Vorträge für das katholische Volk, für die Apologie), für das Evangelium, viel besser, als wenn ich Wunder was vortragen würde... Vorgestern habe ich einen wunderschönen Satz  Paulus im Philipper- Brief gelesen: „Ihr sollt wissen daß meine  Lage mehr zum Fortschritt des Evangeliums beigetragen hat als alles was ich bis  bisher getan. Im ganzen Lande wird bekannt, daß ich meine Fesseln um Christi willen trage. Die Mehrzahl der Brüder im Herrn faßte Vertrauen durch meine Bande und wagte es nun, ohne Furcht das Wort Gottes zu verkünden. ... Ist das nicht wunderbar?" -

Am 22. Juni schreibt er an einen Gestapobeamten:

„Sehr verehrter Herr Inspektor!
Als Sie einmal in meiner Bude in St. Michael mich besuchten, lächelten Sie, als ich Ihnen sagte, daß ich ins Gefängnis kommen werde — und heute? Und als ich Ihnen einmal sagte, daß ich im Gefängnis mein Leben beschließen werde — da wollten Sie es nicht glauben, wenigstens äußerten Sie sich so. Und doch wird es so kommen — es sei denn, daß ich länger lebe als das heutige System, was Sie wohl sicher nicht glauben. Aber ich bin darüber keineswegs unglücklich.
Ich fühle mich sogar seelisch sehr wohl und zufrieden. Ich habe mich vollständig damit abgefunden. Wenn doch die Menschen das verstehen möchten, wie wenig dazu gehört, innerlich wahrhaft glücklich zu werden! Daß Gott gut ist, das habe ich immer gewußt, aber daß Er so gut ist, wie ich es in den letzten 14 Tagen erleben durfte, das hätte ich nicht für möglich gehalten."

 

Am 5. Januar 1938 wird er erneut verhaftet und auf Anordnung der Gestapo nach Landsberg/Lech gebracht, weil es ihm in Stadelheim „zu gut" gegangen wäre. In der zweiten Woche seines Dortseins ersucht er um die Erlaubnis, an den Reichsführer Himmler einen Brief zu schreiben:

„Sehr verehrter Herr Reichsführer!
Seit dem 5. Januar 1938 bin ich neuerdings in Haft, zuerst im Wittelsbacher Palais; am 15. kam ich nach Stadelheim, am 17, nach Landsberg a. L., um bis zum 3. Juni hier zu bleiben. Es heißt nun, ich sei nach Landsberg gekommen, weil es mir seiner Zeit in Untersuchungshaft in Stadelheim „zu gut gegangen sei". So habe sich die politische Polizei zu meinem Fall geäußert.
Ich war über dieses Gerede sehr empört, weil es unwahr ist. Ich wollte es nie besser haben als andere Gefangene, die arme Teufel sind. Ich habe in sämtlichen Gefängnissen nur Gefangenenkost genossen.
Ich habe alles, was mir gute Menschen an Eß-, Trink- und Rauchwaren geschickt haben, durch den Arzt und den Oberwachtmeister an arme Kranke abgegeben und nur einige Äpfel täglich selbst zu mir genommen. Wie soll es mir denn so gut gegangen sein? Nur die große Ausnahme  wurde im Untersuchungsgefängnis zugebilligt, daß ich abends länger Licht  haben dürfte.
Sonst habe ich alles mitgemacht wie die anderen, obgleich mitunter unter großen Beschwerden. Wahr ist, daß ich anständig behandelt wurde, und zwar mich im Wittelsbacher Palais, ich war im dortigen Gefängnis bereits zweimal, man kann sich dort nach meiner Lebensart genau erkundigen. Ich habe sogar das Recht, auch als Gefangener eine anständige Behandlung zu verlangen, solange ich mich anständig benehme. Wenn ich anständig behandelt wurde, so hat man doch kein Recht zu behaupten: es sei mir in Stadelheim zu gut gegangen.
Ich bitte daher Herrn Reichsführer, meine angegriffene Ehre  bei der Polit. Polizei in München und bei der dortigen Staatsanwaltschaft wiederherzustellen. Wenn es Herrn Reichsführer interessieren sollte, so teile ich Ihnen mit, daß ich hier in Landsberg wunschlos glücklich bin. Schon die Alten sagen, süß ist es fürs Vaterland zu sterben, auch zu leiden; das letztere durfte ich in reichem Maße erfahren, und ich möchte es in meinem Leben nicht missen, aber noch süßer ist es für den hl. Glauben zu leiden und auch zu sterben. Das macht mich hier im Gefängnis so glücklich, und so viele Tausende junge Leute in Deutschland stärkt dien wieder im katholischen Glauben. Auch das macht mich so glücklich. Ach, wenn doch die maßgebenden Kreise den Kampf gegen die Kirche einstellten. Wie ganz anders würde sich  alles schöner und ruhiger entwickeln!

Mit deutschem Gruß

Ruppert Mayor S. J.'

Aufschlußreich sind seine Eintragungen in den Erhebungsbogen, den er bei seinem Eintritt ins Gefängnis Landsberg auszufüllen hatte. Hier der Schlußsatz seines Lebenslaufes: „Nach einem Leben reich an Erfolgen, aber auch reich an Enttäuschungen und Undank, landete ich nun glücklich im Gefängnis.
Ich bin mit diesem Los aber keineswegs unzufrieden; ich empfinde es nicht als Schande, sondern als die Krönung meines Lebens."
Der Gefängnispfarrer schreibt: „P. R. Mayer hat als Gefangener der Strafanstalt Landsberg a. Lech heiligmäßig gelebt. Möge die Stunde kommen, in der wir sein Bild aufhängen dürfen in den Zellen, in denen er gelebt und in der wir ihn anrufen dürfen als Patron der Gefangenen."

Am 3. November 1939 wird er wiederum verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg gebracht. Von dort erzählt er Folgendes: „Ich habe in jener Zeit einmal geträumt, daß ich erschossen würde. In demselben Augenblick wurde es in dem Gefängnis sehr laut. Ich war noch ganz in dem Traum befangen und dachte nicht anders, als daß ich nun geholt würde. Nun überkam mich plötzlich eine nie erlebte Seligkeit.
Ich konnte es gar nicht fassen, daß ich dazu ausersehen sei, als Märtyrer zu sterben. Ich hatte mich bereits erhoben, um gleich fertig zu sein — da entfernten sich die Schritte wieder von meinem Zimmer. Das war eine sehr große Enttäuschung, aber der ganze Vorgang hat mir oft Mut gemacht, da ich tatsächlich gern für den Glauben gestorben wäre. Doch noch ein Gutes hatte dieses Erlebnis; ich hatte es nun an mir selbst erfahren, wie leicht es der liebe Gott durch Seine allmächtige Gnade denen machen kann, die für den hl. Glauben sterben müssen oder besser sterben dürfen."

Brief an seine Mutter vom 16. Januar 1940

Deinen Brief vom 22. Dezember habe ich am vergangenen Sonntag erhalten.
Das war eine Sonntagsfreude! Gottlob habe ich mich mit meinem Los völlig abgefunden. Ich bin froh, daß ich meine Lebensbedürfnisse schon immer freiwillig auf das Mindestmaß zurückgeschraubt habe.
Das kommt mir jetzt unendlich zustatten. Was ich durchaus notwendig brauche, das bekomme ich und mehr will ich nicht. Ein einsamer Mensch war ich trotz des äußeren riesigen Umtriebs mehr oder weniger immer; auch das kommt mir zustatten. Jetzt habe ich wirklich nichts und niemand mehr als den lieben Gott. Und das ist genug, ja übergenug. Wenn das die Menschen doch einsehen wollten! Es gäbe viel mehr Glückliche auf Erden. Ich suche jeden Gedanken  an Vergangenheit  und Zukunft  auszuschlagen und mich ganz auf mein Tagewerk zu konzentrieren; dann  habe ich meine Ruhe.
So geht ein Tag nach dem anderen vorbei — unglaublich schnell! So hoffe ich bereit zu sein, wenn der Herr ruft. —
Ich bin von allen und allem abgeschlossen und höre nichts mehr von der Welt. Das ist gut so, denn ich kann ja doch nicht  helfen und nichts ändern. Ich suche zu beten und zu opfern. Mehr verlangt jetzt Gott nicht von mir; sonst hätte Er anders  gefügt. Ich sah das seit längerer Zeit auf mich  zukommen; in St. Michael habe ich öfters davon gesprochen. Keiner  hat' geglaubt.
Nun ist es so gekommen. Gott weiß warum!

(Ohne Datum )

Liebe Mutter!

Du wirst verstehen, daß ich über das, was mich wieder ins Gefängnis gebracht hat, nichts schreiben kann. Ich bin nur froh, daß ich seit Jahren selbst mit den nächsten Familienangehörigen keinen Kontakt mehr hatte. So kann meinetwegen  auf keines derselben auch nur der leiseste Schatten fallen.
Das  eine Gute haben die Verhältnisse jedenfalls mit sich gebracht, daß ich dem lieben Gott in den letzten stillen Wochen innerlich um ein gutes Stück näher gekommen zu sein glaube und daß ich in demselben Ausmaß von allen irdischen Dingen seelisch abgerückt bin.
Ich kann Gott dem Herrn dafür nicht dankbar genug sein. Und so mache ich mir um meine Zukunft nicht die geringste Sorge. Ich lege alles in Gottes Hand. So bin ich innerlich restlos ruhig und zufrieden. Ich  glaube, Dir und allen Lieben dies zur Beruhigung mitteilen zu müssen. Täglich denke ich an Vaterle.
Du hast mir nach seinem Tod seinen besten Mantel geschickt. Derselbe hat mir seitdem unsägliche Dienste geleistet. Zuerst zum Ausgehen, dann im Beichtstuhl und dann ist er mein steter treuer Begleiter ins Gefängnis. Da dient er regelmäßig dazu, den harten Stuhl etwas zu polstern und für mich gebrauchsfertig zu machen. Ist das nicht rührend? Wie freue ich mich, den guten Papa bald wiederzusehen.
Da man befürchtete, Pater Mayer würde als Märtyrer im KZ sterben, wurde ihm plötzlich am 8. August 1940 angekündigt, daß er in einer halben Stunde abtransportiert würde. Er machte sich darauf gefaßt erschossen zu werden und bat Gott um Seine Hilfe. Es kam anders. Man lieferte P. Mayer im Kloster Ettal ab, um ihn dort verschwinden zu lassen. Unter dem Druck der Gestapo verpflichtete sich das Ordinariat, daß P. Mayer in keiner Weise mit der Außenwelt in Berührung kommen und keine gottesdienstlichen Handlungen im Kloster vornehmen würde. Damit begann eine harte Zeit für ihn - hier folgen seine eigenen Äußerungen:

„Seitdem bin ich lebend ein Toter, ja, dieser Tod ist für mich, der ich noch so voller Leben bin, viel schlimmer als der wirkliche Tod.

Der Gestapo und der ganzen Bewegung konnte und kann ich keinen größeren Gefallen erweisen, als hier ruhig abzusterben . . . Wenn ich nicht schon längst auf und davon gegangen bin — sie könnten mich dann ruhig einsperren oder um einen Kopf kürzer machen -, so hält mich die Rücksicht auf das Kloster, das für mich verantwortlich ist, hier fest, ferner die Rücksicht auf meinen Orden, dem ich durch mein Entweichen von Ettal manche Ungelegenheit bereitet hätte.
Die Rücksicht auf manche gute, liebe Menschen, denen ich durch erneute Einlieferung in ein Gefängnis oder ein KZ oder gar durch meinen dadurch herbeigeführten Tod großes Herzeleid zugefügt hatte. Die Rücksicht auf den lieben Gott, dem ich durch meinen jahrelangen Kreuzweg und die dadurch allmählich erfolgte Loslösung von allem Irdischen und Zeitlichen entschieden näher gekommen bin, wie wohl nie in meinem Leben.
Sollte ich diese gerade Linie, die ich seit Jahr und Tag eingehalten habe mit der Gnade Gottes, nun durch eigenmächtiges Vorgehen  gewaltsam unterbrechen?  Vom Standpunkt des Glaubens  aus betrachtet, glaube ich diese Frage glatt verneinen zu müssen.  
So will ich das Kreuz weitertragen und büßen  und sühnen  für meine eigenen Fehler und Schwachem, bis der liebe Gott  durch  sein Eingreifen dieses Kreuz wieder abnimmt .
Auch  für die kommende Zeit soll mein Losungswort heißen:  „Näher mein Gott, zu Dir!"

Er war zu einem großen Einsiedler geworden. Nur über  Brücke des Gebetes gingen seine Wege zu der Menschen Leid und Not. So wurde er reif für den Himmel auf jener letzten  Station des Leidensweges. Er selber sagte damals „Alles vergeht, nichts bleibt uns; nur in Gott liegt unser Glück. 
Der liebe Gott geht dem Menschen auch nach, bis er sich nur noch an Ihn allein klammert." Und er schreibt aus Etta an Bekannte  „Meine Zukunft liegt in der Hand Gottes und das genügt." I
mmer wieder gedenkt er des Wortes des hl. Augustinus : „Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Gott!" Sein Lieblingsgebet lautet:

Herr, wie Du willst, soll mir geschehen,
und wie Du willst, so will ich geh'n;
Hilf Deinen Willen nur versteh'n!

Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit;
und wann Du willst, bin ich bereit,
Heut und in alle Ewigkeit.

Herr, was Du willst, das nehm' ich hin
und was Du willst, ist mir Gewinn,
Genug, daß ich Dein Eigen bin.

Herr, weil Du's willst, drum ist es gut;
und weil Du's willst, drum hab' ich Mut.
Mein Herz in Deinen Händen ruht!

 

Nach   dem   Einmarsch   der   amerikanischen   Truppen   in   Südbayern Anfang Mai 1945 war die Rückkehr P. Rupert Mayers nach München eine Selbstverständlichkeit.
Wieder sollte er Beichtvater und Prediger, Präses und Caritasapostel sein. Am Allerheiligentag 1945 vor dem Altar der Kreuzkapelle von St. Michael stehend, sprach er predigend seine letzten Worte, und gab damit sein am Rande des Bewußtseins schwebendes Tun unmittelbar in die Hände Gottes.
Er hatte die Messe begonnen mit dem Introitus: „Gaudeamus omnes in Domino - wir wollen alle froh werden im Herrn."
Mit seiner Predigt war er ungefähr ans Ende gekommen und er wollte noch einen Satz sagen. Der fing an mit den Worten: „Der Herr —" weiter ist er nicht gekommen — den Satz, den er auf Erden angefangen, hat er im Himmel vollendet. Und die Vollendung hat geheißen — ohne Zweifel: „ist gut!"

Der Herr — ist gut —! Ja:
Der Herr ist gut!
Amen!

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider