BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919
 

                           

 

 

 

Moltke Helmut James Graf von 

1907 - 1945

 

Gott braucht zuweilen Menschen, die dem Tag vorauslaufen, um ihn anzumelden! Aber sie müssen sterben, bevor der Tag kommt.  
P. Lippert

Helmuth James von Moltke wurde am 11. März 1907 zu Kreisau in Schlesien geboren. Er war der älteste Sohn eines Großneffen des Feldmarschalls und einer süd-afrikanischen Mutter. Er wurde Jurist und widmete sich außerdem der Bewirtschaftung seines Gutes Kreisau. Wie kein anderer vertrat er gegenüber den nationalsozialistischen Herrschern das „andere Deutschland". Zudem „Kreisauer Kreis", der sich um ihn sammelte, gehörten viele von den hervorragendsten Vertretern des Widerstands aus allen Lagern. Als Christ wie auch als Staatsmann mißbilligte Moltke das Attentat. Er wollte das Wiedererstehen Deutschlands nach der von ihm als unabwendbar vorausgesehenen Katastrophe vorbereiten. Im Januar 1944 wurde er verhaftet, weil er einen Freund vor dessen bevorstehender Verhaftung gewarnt hatte. Im Januar 1945 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tode, und am 23. Januar wurde das Urteil in Plötzensee vollstreckt. Bischof Lilje, der mit Moltke im Gefängnis zusammentraf, berichtet: „Ohne die leiseste Selbsttäuschung über sein wahrscheinliches Ende lebte er in einer heiteren Klarheit der Seele, das leuchtende Beispiel einer ungebeugten Haltung aus Glauben."

 

Aus dem Abschiedsbrief an die Söhne

Ich habe mein ganzes Leben lang, schon in der Schule, gegen einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos Konsequenten  angekämpft, der in dem Deutschen steckt, und der seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat. Ich habe mich auch dafür eingesetzt, daß dieser Geist mit seinen schlimmen Folgeerscheinungen wie Nationalismus im Exzeß, Rassenverfolgung, Glaubenslosigkeit, Materialismus überwunden werde.

Aus letzten Briefen an seine Frau

Tegel, den 10. Januar 1945

Mein liebes Herz, zunächst muß ich sagen, daß ganz offenbar die letzten 24 Stunden eines Lebens gar nicht anders sind als irgendwelche anderen. Ich hatte mir immer eingebildet, man fühle das nur als Schreck, daß man sich sagt: nun geht die Sonne das letztemal für Dich unter, nun geht die Uhr nur noch zweimal bis zwölf, nun gehst Du das letzte Mal zu Bett. Von all dem ist keine Rede. Ob ich wohl ein wenig überkandidelt bin? Denn ich kann nicht leugnen, daß ich mich in geradezu gehobener Stimmung befinde. Ich bitte nur den Herrn im Himmel, daß Er mich darin erhalten möge, denn für das Fleisch ist es sicher leichter, so zu sterben.
Wie gnädig ist der Herr mit mir gewesen! Selbst auf die Gefahr hin, daß das hysterisch klingt: ich bin so voll Dank, eigentlich ist für nichts anderes Platz.
Er hat mich die zwei Tage so fest und klar geführt: der ganze Saal hätte brüllen können wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht; es war wahrlich so wie es in Jesaja 43, 2 heißt: Denn so du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.
- Nämlich Deine Seele. Mir war, als ich zum Schlußwort aufgerufen wurde, so zumute, daß ich beinahe gesagt hätte: Ich habe nur eines zu meiner Verteidigung anzuführen: nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin, sie haben's kein Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben. Aber das hätte doch die anderen nur belastet; so sagte ich nur: Ich habe nicht die Absicht etwas zu sagen, Herr Präsident.
Es ist nun noch ein schweres Stück Weges vor mir, und ich kann nur bitten, daß der Herr mir weiter so gnädig ist, wie er war. Für heute abend hatte Eugen uns aufgeschrieben Lukas 5, 1—11. Er hatte es anders gemeint; aber es bleibt wahr, daß dies für mich ein Tag eines großen Fischzuges war, und daß ich heute abend mit Recht sagen kann: „Herr, gehe von mir hinaus. Ich bin ein sündiger Mensch." Und was haben wir, meine Liebe, gestern Schönes gelesen: „Wir haben aber solchen Schatz in irdenen Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht von uns. Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
Und tragen allezeit das Sterben des Herrn Jesu an unserem Leibe, auf daß auch das Leben des Herrn Jesu an unserem Leibe offenbar werde."
Dank, mein Herz, vor allem dem Herren, Dank mein Herz, Dir für Deine Fürbitte, Dank allen nnderen, die für uns und für mich gebeten haben. Dein Mann, Dein schwacher, feiger, „komplizierter", sehr durchschnittlicher Mann, der hat das erleben dürfen. Wenn ich jetzt gerettet werden  würde — was ja bei Gott nicht wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher ist als vor einer Woche —, so muß ich sagen, daß ich erst einmal mich wieder zurechtfinden müßte, so ungeheuer war die Demonstration von Gottes Gegenwart und Allmacht.
Er vermag sie eben auch zu demonstrieren, und zwar ganz unmißverständlich zu demonstrieren, wenn er genau das tut, was einem nicht paßt. Alles andere ist Quatsch. Darum kann ich nur eines sagen, mein liebes Herz: möge Gott Dir so gnädig sein wie mir, dann macht selbst der tote Ehemann gar nichts. Seine Allmacht vermag er eben auch zu demonstrieren, wenn Du Eierkuchen für die Söhnchen machst oder Puschti beseitigst, obwohl es das hoffentlich nicht mehr gibt.  Ich sollte wohl von Dir Abschied nehmen — ich vermag' s nicht; ich sollte wohl Deinen Alltag bedauern und betrauern  - ich vermag' s nicht. Ich sollte wohl der Lasten gedenken, die jetzt auf Dich fallen - ich vermag' s  nicht. 
Ich kann Dir nur eines sagen: wenn Du das Gefühl absoluter Geborgenheit erhältst, wenn der Herr es Dir schenkt, was Du ohne  diese Zeit und ihren Abschluß nicht hättest, so hinterlasse ich Dir einen  nichtkonfiszierbaren Schatz demgegenüber selbst mein Leben nicht   wiegt. Diese   Römer,   diese   armseligen   Kreaturen   von Schulze  und Freisler und wie das Pack alles heißen mag: nicht einmal begreifen würden sie, wie wenig sie nehmen können! Ich schreibe morgen weiter, aber da man nie weiß, was geschieht, will ich in dem Brief jedenfalls jedes Thema berührt hahen. Ich weiß natürlich nicht, ob ich nun morgen hingerichtet werde. Es mag sein, daß ich noch vernommen, verprügelt oder aufgespeichert werde.  Kratze bitte  an  den Türen;  denn  vielleicht hält sie das doch von zu argen Prügeln ab. Wenn ich auch nach der heutigen Erfahrung weiß, daß  Gott auch diese Prügel zu nichts machen kann, selbst wenn ich keinen heilen Knochen am Leibe behalte, ehe ich gehenkt werde, wenn ich also  im Augenblick  keine Angst  davor habe,  so  möchte  ich das lieber vermeiden.  So,  gute Nacht,  sei getrost und unverzagt.

11. Januar 1945

Meine Liebe, ich habe  nur Lust,  mich ein wenig mit Dir zu unterhalten.   Zu   sagen   habe   ich  eigentlich  nichts.   Die   materiellen Konsequenzen haben wir eingehend erörtert. Du wirst ich da schon irgendwie durchwinden,  und setzt sich ein anderer nach Kreisau, so wirst Du das auch meistern. Laß Dich nur von nichts anfechten. Das lohnt sich wahrhaftig nicht. Ich bin unbedingt  dafür,  daß  Ihr  sorgt,  daß  die   Russen  meinen Tod erfahren.
Vielleicht ermöglicht Dir das in Kreisau zu bleiben.   Das   Rumziehen  fa  dem   Rest - Deutschland   ist auf   Fälle. Bleibt das Dritte Reich über Erwarten doch, was ich mir m meinen kühnsten Phantasien nicht vorstellen kann, so mußt Du sehen, wie Du die Söhnchen dem Gift entziehst. Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn Du dann auch Deutschland verläßt.  Tu, was Du  für richtig hältst und meine  nicht, Du seiest so oder so durch irgendeinen Wunsch von mir ge­bunden. Ich habe Dir immer wieder gesagt: die tote Hand kann nicht regieren ...

Ich denke mit ungetrübter Freude an Dich und die Söhnchen, an Kreisau und all die Menschen da; der Abschied fällt mir im Augenblick gar nicht  schwer. Vielleicht kommt das  noch. Aber im Augenblick ist es mir keine Mühe. Mir ist ganz und gar nicht nach Abschied zumute. Woher das kommt, weiß ich nicht. Aber es ist nicht ein Anflug von dem, was mich nach Deinem  ersten  Besuch  im   Oktober,  nein,  November  war  es wohl, so stark überfiel. Jetzt sagt mein Inneres:
a) Gott kann mich heute genau so dahin zurückführen wie gestern, und
b) und wenn er mich zu sich ruft, so nehme ich es mit.
Ich habe gar nicht das Gefühl, was mich manchmal überkam: ach, nur noch einmal möchte ich das alles sehen. Dabei fühle ich mich gar nicht „jenseitig".
Du siehst ja, daß ich mich lieb mit Dir unterhalte statt mich dem lieben Gott zuzuwenden. In einem Liede — 208, 4 — heißt es: „Denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu Dir hält." Genau so fühle ich mich. Ich muß, da ich heute lebe, mich eben lebend zu ihm halten; mehr will ich gar nicht. Ist das pharisäisch? Ich weiß es nicht. Ich glaube aber zu wissen, daß ich nun in seiner Gnade und Vergebung lebe und nichts von mir habe oder von mir vermag. Ich schwätze, mein Herz, wie es mir in den Sinn kommt; darum kommt jetzt etwas ganz anderes. Das Dramatische an der Verhandlung war letzten Endes folgendes: in der Verhandlung erwiesen sich alle konkreten Vorwürfe  als unhaltbar, und  sie wurden auch fallengelassen.
Nichts davon blieb. Sondern das, wovor das Dritte Reich solche Angst hat, daß es fünf, nachher werden es sieben Leute werden, zu Tode bringen muß, ist letzten Endes nur folgendes: ein Privatmann, nämlich Dein Mann, von dem  feststeht, daß er mit zwei Geistlichen beider Konfessionen, mit einem Jesuitenprovinzial und mit einigen Bischöfen, ohne die   Absicht,   irgend   etwas   Konkretes   zu tun, und  das ist festgestellt,  Dinge besprochen  hat,   „die  zur  aus-schließlichen Zuständigkeit des Führers  gehören". Besprochen war: nicht etwa Organisationsfragen, nicht etwa Reichsaufbau — das alles ist im Laufe der Verhandlung weggefallen, und Schulze hat es in seinem Plädoyer auch ausdrücklich gesagt  („unterscheidet sich völlig von allen sonstigen Fällen, da in der Erörterung  von  keiner  Gewalt und  keiner  Organisation  die  Rede war"), sondern besprochen wurden Fragen der praktisch-ethischen Forderungen des Christentums.
Nichts weiter; dafür allein werden wir verurteilt. Freister sagte zu mir in einer seiner Tiraden: „Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: wir fordern den ganzen Menschen!" Ich weiß nicht, ob die Umsitzenden das alles mitbekommen haben, denn es war eine Art Dialog — ein geistiger zwischen F. und mir, denn Worte konnte ich nicht viele machen —, bei dem wir uns durch und durch erkannten. Von der ganzen Bande hat nur Freisler mich erkannt, und von der ganzen Bande ist er auch der einzige, der weiß, weswegen er mich umbringen muß.

Da war nichts von „komplizierter Mensch" oder „komplizierte Gedanken" oder „Ideologie", sondern: „Das Feigenblatt ist ab." Aber nur für Herrn Freisler.
Wir haben sozusagen im luftleeren Raum miteinander gesprochen. Er hat bei mir keinen einzigen Witz  auf meine Kosten gemacht, wie noch bei Delp und bei Eugen. Nein, hier war es  blutiger Ernst:  „Von wem nehmen  Sie Ihre  Befehle? Vom Jenseits oder von Adolf Hitler!" „Wem gilt Ihre Treue und Ihr Glaube?" Alles rhetorische Fragen natürlich —

... Mein Herz, eben kommt Dein sehr lieber Brief. Der erste Brief, mein Herz, in dem Du meine Stimmung und meine Lage nicht begriffen hast. Nein, ich beschäftige mich gar nicht mit dem lie­ben   Gott  oder  meinem  Tod.  Er  hat die unaussprechliche Gnade, zu mir zu kommen und sich mit mir zu beschäftigen. Ist das hoffärtig? Vielleicht. Aber er wird mir noch so vieles vergeben heute abend, daß ich ihn schließlich um diese letzte Hoffart auch noch um Vergebung bitten darf. Aber ich hoffe ja,  daß  es  nicht hoffärtig ist,  denn  ich rühme  ja  nicht das irdene Gefäß, nein, ich rühme den köstlichen Schatz, der sich dieses  irdenen  Gefäßes,  dieser  ganz  unwürdigen  Behausung bedient hat. Nein, mein Herz, ich lese genau die Stellen der Bibel, die ich heute auch gelesen hätte, wenn keine Verhandlung gewesen wäre, nämlich Josua 19—21, Hiob 10—12, Hesekiel 34-36, Markus 13—15 und unseren zweiten Korintherbrief zu Ende, außerdem die kleinen Stellen, die ich auf den Zettel für Dich geschrieben habe. Bisher habe ich nur den Josua und unsere Korintherbriefstellen gelesen, die mit dem schönen, so vertrauten, von Kind auf gehörten Satz schließt: „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch Allen. Amen."
Ich habe das Gefühl, mein Herz, als wäre ich autorisiert, Dir und den Söhnchen das mit absoluter Autorität zu sagen. Darf ich da nicht den 118. Psalm, der heute morgen dran war, mit vollem Recht lesen? Eugen hat ihn sich zwar für eine andere Lage gedacht, aber er ist viel wahrer geworden als wir es je für möglich hielten.
Mein Herz, darum bekommst Du auch Deinen Brief trotz Deiner Bitte zurück. Ich trage Dich mit hinüber und brauche dafür kein Zeichen, kein Symbol, nichts. Es ist nicht einmal so, daß mir verheißen wäre, ich würde Dich nicht verlieren; nein, es ist viel mehr: ich weiß es.. . .
Der entscheidende Satz jener Verhandlung war: „Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: wir verlangen den ganzen Menschen." Ob er sich klar war, was er damit gesagt hat?
Denk mal, wie wunderbar Gott dies sein unwürdiges Gefäß bereitet hat: in dem Augenblick, in dem die Gefahr bestand, daß ich in aktive Putschvorbereitung hineingezogen wurde — Stauffenberg kam am Abend des 19. zu Peter —, wurde ich rausgenommen, damit ich frei von jedem Zusammenhang mit der Gewaltanwendung bin und bleibe.
— Dann hat er in mich jenen sozialistischen Zug gepflanzt, der mich als Großgrundbesitzer von allem Verdacht einer Interessenvertretung befreit. —
Dann hat er mich so gedemütigt, wie ich noch nie gedemütigt worden bin, so daß ich allen Stolz verlieren muß, so daß ich meine Sündhaftigkeit endlich nach 38 Jahren verstehe, so daß ich um seine Vergebung bitten, mich seiner Gnade anvertrauen lerne.
— Dann läßt er mich hierhin kommen, damit ich Dich gefestigt sehe und frei von Gedanken an Dich und die Söhnchen werde, d. h. von sorgenden Gedanken; er gibt mir die Zeit und Gelegenheit, alles zu ordnen, was geordnet werden kann, so daß alle irdischen Gedanken abfallen, können. - Dann läßt er mich in unerhörter Tiefe den Abschiedsschmerz und die Todesfurcht und die Höllenangst erleben, damit auch das vorüber ist.
 — Dann stattet er mich mit Glaube, Hoffnung und Liebe aus, mit einem Reichtum an diesen Dingen, der wahrlich überschwenglich ist. — Dann läßt er mich mit Eugen und Delp sprechen und klären. — Dann läßt er Rösch*) und König entlaufen, so daß es zu einem Jesuitenprozeß nicht reicht und im letzten Augenblick Delp an uns angehängt wird.
 - Dann läßt er Haubach und Steltzer, deren Fälle fremde Materie hereingebracht hätten, abtrennen und stellt schließlich praktisch Eugen, Delp und mich allein zusammen und dann gibt er Eugen und Delp durch die Hoffnung, die menschliche Hoffnung, die sie haben, jene Schwäche, die dazu führt, daß ihre Fälle nur sekundär sind, und daß dadurch das Konfessionelle weggenommen wird, und dann wird Dein Mann ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher - das alles ist ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen, so z. B. Sperr: „Ich dachte, was für ein erstaunlicher Preuße" —, sondern als Christ und als gar nichts anderes. „Das Feigenblatt ist ab", sagt Herr Freisler.
Ja, jede Kategorie ist abgestrichen — „ein Mann, der von seinen Standesgenossen natürlich abgelehnt werden muß", sagt Schulze. Zu welch einer gewaltigen Aufgabe ist Dein Mann ausersehen gewesen: all die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung.
Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war. Mami und Papi, die Geschwister, die Söhnchen, Kreisau und seine Nöte, die Arbeitslager und das Nichtflaggen und nicht der Partei oder ihren Gliederungen angehören, Curtis und die englischen Reisen, Adam und Peter und Carlo, das alles ist endlich verständlich geworden durch eine einzige Stunde.

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*) Moltke, der in Plötzensee war, wußte bei der Abfassung dieses Briefes nicht, daß Pater Rösch verhaftet war und sich im Gefängnis in Moabit befand.


Für diese eine Stunde hat der Herr sich all diese Mühe gegeben.
Und nun, mein Herz, komme ich zu Dir. Ich habe Dich nirgends aufgezählt, weil Du, mein Herz, an einer ganz anderen Stelle stehst  als alle die anderen. Du bist nämlich nicht ein Mittel Gottes, um mich zu dem zu machen, der ich bin, Du bist vielmehr ich selbst. Du bist mein 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes.
Ohne dieses Kapitel ist kein Mensch ein Mensch. Ohne Dich hätte ich mir Liebe schenken lassen, ich habe sie z. B. von Mami angenommen, dankbar, glücklich, dankbar wie man ist für die Sonne, die einen wärmt. Aber ohne Dich, mein Herz, halle ich „der Liebe nicht". Ich sage gar nicht, daß ich Dich liebe; das ist gar nicht richtig. Du bist vielmehr jener Teil von mir, der mir alleine eben fehlen würde. Es ist gut, daß mir das fehlt; denn hätte ich das, so wie Du es hast, diese größte aller Gaben, so hätte ich dem Leiden, das ich ja sehen mußte, nicht so zuschauen können und vieles andere. Nur wir zusammen sind ein Mensch. Wir sind, was ich vor einigen Tagen symbolisch schrieb, ein Schöpfungsgedanke.
Das ist wahr, buchstäblich wahr.
 Darum, mein Herz, bin ich auch gewiß, daß Du mich auf dieser Erde nicht verlieren wirst, keinen Augenblick. Und diese Tatsache, die haben wir schließlich auch noch durch unser gemeinsames Abendmahl, das nun mein letztes war, symbolisieren dürfen. Ich  habe ein wenig geweint, eben, nicht traurig, nicht wehmütig, nicht weil ich zurück möchte, nein, sondern vor Dankbarkeit  und Erschütterung über diese Dokumentation Gottes.
Uns ist es nicht gegeben, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, aber wir müssen sehr erschüttert sein, wenn wir plötzlich erkennen, daß er ein ganzes Leben hindurch am Tage als Wolke und bei Nacht als Feuersäule vor uns hergezogen ist, und  daß er uns erlaubt, das plötzlich in einem Augenblick zu sehen. Nun kann nichts mehr geschehen.

 . . Mein Herz, mein Leben ist vollendet, und ich kann von mir sagen: er starb alt und lebenssatt. Das ändert nichts daran, daß ich gerne noch etwas leben möchte, daß ich Dich gerne  noch ein Stück auf dieser Erde begleitete. Aber dann bedürfte es eines neuen Auftrages Gottes.
Der Auftrag, für den Gott mich gemacht hat, ist erfüllt. Will er mir noch einen neuen Auftrag geben, so werden wir es erfahren. Darum strenge Dich ruhig an, mein Leben zu retten, falls ich den heutigen Tag überleben sollte. Vielleicht gibt es noch einen Auftrag. Ich höre auf, denn es ist nichts weiter zu sagen. Ich habe auch niemanden genannt, den Du grüßen und umarmen sollst.
Du weißt selbst, wem meine Aufträge für Dich gelten. Alle unsere lieben Sprüche sind in meinem Herzen und in Deinem Herzen. Ich aber sage Dir zum Schluß, kraft des Schatzes, der aus mir gesprochen hat, und der dieses bescheidene irdene Gefäß erfüllt:

 

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und
die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des
Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider