BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

KAI MUNK

(Daten unbekannt)

 

Pfarrer. - In Dänemark schien es vorerst, als ob zwischen der Kirche und der Besatzungsmacht keine ernstliche Spannung bestünde Man. schien sich in das Unvermeidliche zu fügen. Doch die Maßnahmen gegen die Juden und die fortschreitende Unterdrückung des Rechts riefen auch hier die Mahner auf den Plan. Der einflußreichste und der unerschrockenste unter ihnen war der auch als Dichter bekannte Pfarrer Kaj Munk. Er fiel in den ersten Tagen des Jahres 1944 in seinem 46. Lebensjahr durch Mörderhand.

Aus seinen Predigten

Es gibt Leute, die sich einbilden, dass man die Wahrheit sozusagen einsalzen könne. Man könne sie im Salzeimer versteckt liegen lassen, meinen sie, um sie herauszunehmen und ein Stück davon zu verwenden, wenn sich gelegentlich die Situation dafür eignet. Aber auch bei uns gibt es Leute, die den lebendigen Glauben haben, daß die Wahrheit da ist, um gesagt zu werden, und daß sie nur da ist wenn sie gesagt wird.

Diese guten Männer sind vom selben Fleisch und Blut wie der Täufer. Wie er kennen sie die Bangigkeit vor dem eigenen Schicksal und haben eine noch schmerzhaftere Angst vor der Schäden und Leiden, die die unverhehlte Wahrheit ihrem Volk bringen kann. Aber eines Tages sehen sie ein, daß die Feigheit ihre Zungen nicht mehr binden darf, daß die Leiden, die durch Heuchelei, Schweigen und Lüge über das Volk kommen, tausendmal gefährlicher sind. Auch in unserem Land haben wir einen Herodes, der mit den fremden Göttern Unzucht treibt. Ich meine jenen Geist der Kompromisse, der um des Wohlbefindens willen nicht vor unwürdigen Handlungen zurückschreckt. An diejenigen seiner Landsleute, die ins Gefängnis geraten sind, weil sie für die Wahrheit eintraten Ihr habt Euch der Sache der Wahrheit angenommen, während einige das Lügen und andere das Schweigen vorzogen, und ihr habt dadurch eine Tat vollbracht, aus der eine wahre Zukunft sprossen kann.  Du Grundgütiger Heiliger Geist! Trockne mir die Tränen von meinen Augen, damit ich den Erlöser erblicke, den Erlöser, klar genug, daß ich meinem Volke jetzt in seiner Schicksalsstunde von Ihm zu erzählen vermag. So beten wir dänischen Pastoren im Jahre 1941.Die Kanzel ist uns eine Stätte solcher Verantwortung geworden, dass wir unter unserem Talar schlotten, wenn wir ihre Stufen betreten.

Denn hier, in Gottes Haus, ist das Wort frei; aber nicht frei in dem Sinne, dass wir gebieten, sondern in dem Sinne, daß das Wort über uns gebietet. Hier drinnen gilt nur des Heiligen Geistes Zensur, und das ist die Zensur, die uns nicht zwingt, zu schweigen, sondern zu reden! Welche Angst erfüllt uns, dass wir nicht ihre gehorsamen Diener sein können!......

Die Kirche ist und bleibt der Ort, wo das Unrecht in den Bann getan, wo die Lüge entlarvt, die giftige Bosheit angeprangert werden muss- der Ort, wo Barmherzigkeit geübt werden soll als der Quell des Lebens, als der Herzschlag der Menschheit. Und wo man etwas anderes lehrt als diesen Glauben, da lehrt man Dschungel und Tod.

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider