BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Käthe Niederkirchner

1910 - 1944


33 Jahre alt - Angestellte • geboren 1910, - Betätigte sich von früher Jugend aktiv an  der deutschen Arbeiterbewegung • 1932 wegen der hervorragenden Rolle, die  sie im Streik der öffentlichen Transportarbeiter Berlins spielte, erstmals verhaftet  • 1933 zum Verlassen Deutschlands gezwungen, - Kehrte 1943 heimlich dorthin zurück, wurde verhaftet, von Gefängnis zu Gefängnis verschoben und schliesslich  in das Konzentrationslager Ravensbrück  eingeliefert. • In Ravensbrück  am 27, September 1944 umgebracht.


21. September 1944, abends.
Vier Tage bin ich nun schon hier in der Zelle, und noch immer hat  mir niemand gesagt, warum, weshalb. Es ist so schwer mit dem Leben abzuschliessen, wenn man noch so jung ist. Ich bin hier mit drei  Frauen zusammen, die teils geistig anomal, teils minderwertig sind. An Aussprachen ist überhaupt nicht zu denken. Warum wartet man mit dem Morden so lange? In meinem Kopf dreht sich alles. Ich erwäge alle Möglichkeiten,


23. September 1944, abends.

Meine liebe, gute Hilde.

Ich  bin so froh, dass wir uns noch getroffen haben. Du hast Dich wirklich  wie ein treuer Kamerad gezeigt und mir noch so viel Liebe erwiesen, ich danke Dir. Alle Kameraden, die mich gar nicht kannten  waren so gut zu mir. Jeden Tag schliesse ich mit dem Leben ab  und denke, heute abend ist es so weit, und die Nacht ist entsetzlich. Dann fängt wieder ein Morgen an, und die Qual beginnt neuem. Werden sie heute kommen?
25. September 1944, abends.


Heute  will ich Abschied nehmen von meinen Lieben. Ich habe eine Ahnung, dass ich nicht mehr lange hier bin. Meinem lieben, teuren  Vater müsst Ihr sagen, dass ich ihm keine Schande gemacht habe. Ich  habe niemanden verraten. Meine Gedanken sind ständig bei ihm. So gern hätte ich ihn noch einmal gesprochen. Meine gute Mutter, meine Schwester Mia, meine Brüder, allen meine letzten Grüße. Mia, wir hätten uns gerade die letzten Jahre so gut verstanden. Vergesst Eure Katja nicht.
 

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" Und die Flamme soll euch nicht versengen" / 1955 Steinberg Verlag Zürich 1955