BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Jaroslav Ondrousek


23.06.1923 - 25.05.1943
 

Student aus Ricany bei Brünn, geboren am 23. Juni 1923. Seit 1939 arbeitete er illegal.
Durch den Verrat eines Spitzels wurde er 1941 verhaftet, im Kounic-Studentenheim (während der Okkupation Gestapogefängnis) gefangen gehalten und in Breslau am 25. Mai 1943 hingerichtet. Nach dem Urteilsspruch schrieb er den Eltern seinen letzten Brief.

Breslau, 10 Mai 1943

Geliebte, in einer Weile werde ich schon bei Euch sein, mit Euch, meine Teuren!
Ich ende mein Leben, und es ist mir so leicht in der Seele. So schön. Ich bin fast glücklich, daß ich in einer so schönen Stimmung sterben darf.
Allen habe ich verziehen, und ich bitte, daß jeder, dem ich etwas zuleide tat, auch mir verzeihe. Mutter, an Deinem Namenstag habe ich an Dich gedacht, Dich geküßt und Dir ein glückliches Leben gewünscht.
Sei glücklich, meine Liebe!
Vater, weißt Du, es ist schön zu sterben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Menschheit. Maruschka, Dir ein langes und glückliches Leben. Sei ein gutes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, gehorche den Eltern und liebe sie, wie ich sie geliebt habe.
Meine schöne Heimat, wie gern ich Dich habe, süßes Heimatland! Heute sterbe ich, es ist Mai, wir sind hier vier im Raum, wir warten aufs Abschiednehmen.
Ich werde bei Euch sein, in Eurer Mitte, mit Euch auf der Gartenbank sitzen, mein Geist wird immer mit Euch sein. Mit dem Morgen werde ich Euch anlachen, mit dem Abendstern Euch grüßen. Möge die Liebe auf Erden herrschen, nicht der Haß.

Ich danke Euch für alles Gute, das Ihr mir getan habt. Vater, Mutter, Schwesterchen, mein Herz brennt vor Liebe zu Euch, in unendlicher Hoffnung und Glück. Die schönste Erinnerung sende ich Euch und verabschiede mich von Euch.

... Ich grüße und küsse Euch, ich freue mich, daß ich schon bald bei Euch sein werde. Verlangt meine Asche.

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider