BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Christoph Probst


1919 - 1943

Studenten Probst und Schmorell waren führend in der Widerstandsbewegung der Münchener Studenten. Sie handelten und starben als Zeugen des Gewissens zu einer Zeit, da das Gewissen in Deutschland unter Strafe stand. Ihre Tat war ein kurz aufleuchtendes Fanal in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte. Christoph Probst, geboren am 6. November 1919 in Murnau/Oberbayern; hingerichtet am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim. Diese Briefe hat Probst am Tag der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof geschrieben; am Nachmittag des gleichen Tages wurde er enthauptet. Mutter und Schwester durften die an sie gerichteten Abschiedsbriefe in Gegenwart eines Gestapobeamten lesen, aber sie wurden ihnen nicht ausgehändigt. Hier einige bald danach aus der Erinnerung aufgezeichnete Sätze:


München, am 22. Februar 1943

Meine liebste Herzensschwester !
Samstag, als ich meinen Urlaubsschein für Tegernsee holen wollte, wurde ich festgenommen und nach München gebracht. Nun sitze ich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Zelle und weiß nicht, was der nächste Tag bringt.
Es ist aber nicht so schlimm in Haft zu sein, als ich dachte, und ich bin sehr froh, daß ich die Ruhe nicht verloren habe; bin sogar oft in guter Stimmung. Liebe, beunruhige Dich nicht, mach Dir keine Sorgen um mich. Wenn die Tage auch schwer sind, so waren sie ja vorher auch nicht leichter. Wie schwer mir die Trennung von Frau und Kindern ist, weißt Du.
Aber mein Vertrauen und meine Hoffnung sind stark und helfen mir. Ich habe das Gefühl, als ob ich Euch besonders nah wäre, all meinen Lieben, und weiß, daß die Liebesbande unzerstörbar sind. Ich weiß, daß mir nun nichts bleibt  als auf mich zu nehmen und zu tragen, was kommt. Glaube aber nicht, daß ich es nicht tragen könnte oder daß mir die Angst den Schlaf raubt. Die Kräfte wachsen mit der Belastung.
Daß ich aber Euch Sorgen machen muß, ist mir fast unerträglich. Darum bitte ich Dich von Herzen, laß Dich nicht beunruhigen. Auch hier sind nette Menschen, und die Behandlung durch die Geheime Staatspolizei ist nicht schlecht. ...

Schwesterlein, Du liebe Hälfte meines Lebens und meines Wesens! Laß Dich nicht bedrücken, es lohnt sich nicht, sei nicht traurig oder verzweifelt. Man macht sein Schicksal nicht selbst und kann nichts tun als es tragen.
Ich sehe Deine warmen braunen Augen (die nicht tränenfeucht sein sollen), Dein schönes Gesicht, aus dem mir immer soviel Liebe entgegenstrahlt, höre Deine Stimme, die mir soviel Liebes sagt.
Und wenn Dein ganzes Bild vor mir steht, empfinde ich viel mehr, als ich sagen kann, dann läuft mir das Herz über. Ich bin Dein, Du bist mein!

Dein Christel

An die Mutter

Ich danke Dir, daß Du mir das Leben gegeben hast. Wenn ich es recht bedenke, so war es ein einziger Weg zu Gott. Seid nicht traurig, daß ich das letzte Stück nun überspringe.
Bald bin ich noch viel näher bei Euch als sonst.
Ich werde Euch dereinst einen herrlichen Empfang bereiten.

An die Schwester

Ich habe nicht gewußt, daß Sterben so leicht ist. . ..
Ich sterbe ganz ohne Haßgefühle. . .  Vergiß nie, daß das Leben nichts ist als ein Wachsen in der Liebe und ein Vorbereiten auf die Ewigkeit.

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider