BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

HUGUETTE PRUNIER

19. Oktober 1913-5. August 1944

Hugunette Prunier wurde mit ihrem Mann (dem Redakteuren der kommunistischen Zeitung) verhaftet,( 1943 ) im Gefängnis Fresnes gefoltert, verurteilt und hingerichtet.

 

 

Paris, den 5. August 1944 10 Uhr morgens

Mein kleiner Schatz!

Lieber, leb wohl, mein Kind, Deine Mama wird mit Deinem Papa, Fernand, dem Papa von Mireille, und anderen in anderthalb Stunden füsiliert. Es ist 10 Uhr morgens, in kurzer Zeit wird Deine kleine Mama tot sein, indem sie noch einmal an ihren kleinen Jungen denkt. Ich habe Dich so geliebt, mein Lieber!

Ich wünsche, daß Du ein tapferer Mann wirst, frei, loyal, großherzig, daß Du Dein Land und Dein Volk liebst, wie ich sie geliebt habe. Liebe Rose, die so viel für Dich getan hat, und Jacques und Albert. Liebe Deine arme kleine Großmama, die so viel leiden wird, so viel.
Verlaß sie nie, vergiß nicht Deinen Papa und wie er Dich geliebt hat.

Lebe wohl, kleines liebes Kind: ich küsse Dich in Gedanken ein letztes Mal auf Deine kleinen runden Wangen, die ich liebte.
ICH BIN TAPFER, FÜRCHTE NICHTS, ICH LIEBE DICH.

Deine Mama Huguette

5. August 1944 10 Uhr morgens

Meine vielgeliebte Mama!

Lebe wohl und verzeihe mir das Leid, das ich Dir antue: in einer Stunde sterbe ich für die Freiheit und ich bereue nichts. Ich habe viel an Dich gedacht während dieses schrecklichen Jahres: ich habe Robert nicht mehr gesehen, und er muß auch sterben; das ist ein Trost, ihn nicht zu überleben, aber das Leben wäre für mich süß gewesen wegen Serge und wegen Dir. So sei es, Mut, alles geht einmal zu Ende, meine liebe Mutter; niemand wird dich verlassen, meine Freundinnen werden sich Deiner immer annehmen und auch Serges.

Lebe wohl, liebste Mama, ich liebe Dich, Deine kleine

Huguette

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider