BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

ADOLF REICHWEIN
 

 

An seine älteste Tochter, vier Tage vor der Hinrichtung

16. Oktober 1944

Meine liebe Renate,

Es scheint mir gestern gewesen zu sein, daß wir Dich »Knöppchen« riefen; so drängt sich alles in der Rückschau zusammen.
Jetzt nennen wir Dich »unsere Große«, so hast Du Dich gereckt und zu einem gestrafften Mädchen entwickelt, das weiß, was es will, und gerade seinen Weg geht.
Was hast Du aber auch für ein Vorbild an Deiner Mutter!
Ohne daß Du es gemerkt hast, hat sie Dich in Deinen Kleinmädchenjahren schon mitgeformt eben durch ihr tägliches
Vorbild und ihre Haltung.
Folge ihr weiter so, mein liebes Kind, und es kann nur zu Deinem Guten sein.
Jetzt bist Du bei den guten Großeltern in Göttingen und ich höre, Ihr liebt Euch gegenseitig.
Wie tröstlich ist es für mich, das gerade jetzt zu hören.
Es wird Dir guttun, jetzt ein regelmäßiges Schul - und Lernleben zu haben; es gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben, daß man sich regelmäßig entwickeln kann. Versäumtes ist nie nachzuholen, weil das Leben immer neue Anforderungen stellt.

Du weißt, wie ich mich immer über Dein Geigenspiel gefreut habe und nie vergaß, danach zu fragen.
Denke daran in Göttingen und pflege es eifrig. Auch hier gilt wie bei allem Lernen, daß keine Lücken entstehen dürfen. Und tröstlich ist das Sprichwort »Aller Anfang ist schwer«.
Also gilt es, den Anfang möglichst tatkräftig und rasch zu überwinden, damit man frei spielen lernt und zum Genuß der alle Menschen erfreuenden Musik kommt.
Es ist mit allen Aufgaben wie mit dem Schwimmen. Man soll sehen, sich möglichst bald frei  zu schwimmen, um sich ganz der Freude des freien Schwimmens, des Tummeins hinzugeben.
Tüchtig und fleißig sein in der Schule wird Dir auch das Schulleben zur Freude machen; und froh sein willst Du doch und sollst Du doch auch alle Tage.
Daß dabei Gymnastik und Sport nicht zu kurz kommen, dafür wird Mutter schon sorgen. In Göttingen wirst Du auch im Winter Dich manchmal auf die  Bretter stellen können.
Das gibt Dir dann Übung und Festigkeit und Vertrauen in Dein Können.
Und wo dieses Vertrauen ist, entwickelt sich auch das Können, und man gewinnt Freude an seiner Knust.

Wenn Du auch jetzt für ein Weilchen ohne Mutter und Geschwister sein mußt, schließe Dich um so mehr Großvater und Großmutter an die  Dich kaum kannten seither, betreue Christinchen und finde eine Freundin, die Dir ein guter, anständiger Kamerad ist. Vergiß auch nicht, gelegentlich an den einsamen Großvater in Hessen zu schreiben, der sich über jeden Gruß von seinen Enkelkindern herzlich freut. Göttingen ist eine hübsche, gepflegte, stille Gelehrtenstadt.
Lerne sie gut kennen und schließe Dich Befreundeten Familien an, um Dir auch ihre schöne Umgebung, das waldreiche Bergland zu erwandern, so wie es Dein Vater als Junge in Hessen mit soviel Freude getan hat.

Wisse überhaupt, daß Wandern eine unerschöpfliche Quelle der Lebensfreude ist.
Erwandere Dir in jungen Jahren Deutschland, wie ich es getan habe.
Man kann gar nicht früh genug damit anfangen; aber man soll immer sehen, daß man ältere, in allen Dingen erfahrene Kameraden bei sich hat, die einen beschützen und führen.
Sei auch Du hilfsbereit, wo immer Du Gelegenheit hast.
Denen, die es brauchen, zu helfen und zu geben, gehört zu den wichtigsten Aufgaben im Leben.
Je stärker man ist, je mehr Freude man hat, je mehr man gelernt, um so mehr kann man helfen.

Ich küsse Dich auf Deinem Weg — Dein Vater

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider