BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

JOHN RITTMEISTER
 

1898 - 1943
 

Neurologe

John Rittmeister, geboren am 21. August 1898, war Leiter der Poliklinik des Psychotherapeutischen Instituts zu Berlin. Sein waches soziales Gewissen führte ihn zur Widerstandsbewegung, an deren linkem Flügel er unter Einsatz seiner Person wirkte. Er wurde am 29. September 1942 verhaftet, am 13. Mai 1943 hingerichtet.

Aus dem letzten Brief

13. Mai 1943

Mein geliebtes, einziges Mäckilein, nun sitze ich hier (in Gegenwart von Wachtmeistern) und sehe meinem letzten Stündlein entgegen. Ich bin ganz ruhig und gefaßt... Das kleine Crucifix liegt vor mir, Deine Zeichnung von der Zelle auch, Du bist bei mir, ich bei Dir, Du wirst weiterwandeln auf der Erde, wie Gott in Christus ein diesseitig menschliches Leben lebte, der Mensch soll nicht in Askese, sondern fröhlich und liebend (wie Christus auch gern zu Tisch saß und mit den Einfachen und Zöllnern verkehrte) wandeln, mitten im Zeitlichen sieb aber des Menschlich - Zeitlosen bewußt bleiben, woher er stammt und wohin er zurückkehrt. Behalte Deine Lebensbejahung, Du mein liebreiches Herz, wir haben uns nicht in Wüsten zurückzuziehen, oder die Welt zur Wüste zu machen, sondern im Werden, in der Selbstverwirklichung unser zugrundeliegendes Sein zu gestalten. Wenn ich auch noch sehr das Gefühl hatte (und Du ja auch), daß mir in diesem Leben noch Aufgaben bevorständen, nun weiß ich (außer daß sich vielleicht hier noch Einiges auswirkt), daß meine Weitergestaltung eine jenseitige sein wird. Ich denke viel an das, was Du mir von Sokrates sagtest, Mäckie, wir gehen uns nicht verloren, und Du bist so weit, auch dies Schlimme zu tragen. Du brauchst nicht sagen, ach, wenn ich die Zeit nutzbringend verwandt hätte!

Außer daß Du lebensnah warst, wie sehr hast Du an Dir gearbeitet, mit dem Abitur fing es doch an! Und welch ein Glück hast Du mit Deiner Anschmiegsamkeit in mein nicht einfaches Leben gebracht, wie griffest Du doch all' die Anregungen auf, wenn es so weit war. Deine Tagebuchnotizen haben mich gerührt. Keyserling spricht über die générosite, die ja bei Descartes eine Rolle spielt, Selbstachtung und freimütig gegen sich selbst, sich nicht zerquälen und zerknittern. Meine Mäckie, heute Abend, wo es sein wird, stelle ich mir diesen blumigen Weg vor, wir wandern und sprechen über die tiefen Dinge — und irgendwo ist unser Ziel... Also meine Mäckie, lebe wohl, lebe wohl! „Ich fürchte nichts -nährte die Parze nicht selber mich?" Diesen schönen Vers, den Du mir schicktest, von meinem schon als Jungen geliebten Hölderlin — er wärmte mich und er schützt mich auch jetzt bei meinem letzten Gang.

Ich habe ja weiter nichts auszustehen, Du mögest die Kraft vom Schicksal erhalten, weiter die schwere Zeit durchzustehen und Dich bereit zu halten für weitere und sicher große, Deiner Berufung, Deinem Sein, Deiner Kraft gemessene Gaben. — Denke Dir doch, den Don Quidiote las ich vorige Woche! Über Schein und Sein findest Du Notizen in meiner Kladde, die ich hier schrieb. -

Lebe wohl, mein kleines, liebes Frauchen, zum letzten Mal umarme ich Dich und küsse Dich innig und danke Dir für die Sonnenstrahlen, die Du in mein Leben brachtest.

Dein John

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider