BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

ANTON SAEFKOW
 

1903 - 1944
 

Der am 22. Juli 1903 zu Berlin geborene Maschinenbauer wurde wegen seiner Tätigkeit im Dienste der Kommunistischen Partei gleich nach der Machtergreifung von 1933 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt
und in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert.
Kurz vor Kriegsausbruch wieder auf freien Fuß gesetzt, schloß er sich der Widerstandsbewegung gegen das Hitler-Regime an. Nach dem mißglückten Attentat vom 20. Juli wurde er vor einen Volksgerichtshof gestellt, zum Tode verurteilt und am 18. September 1944 in Brandenburg hingerichtet.

Zuchthaus Brandenburg, den 9. September 1944

 

Du meine Anne!

Es gibt Höhepunkte im politischen und persönlichen Leben.
Der Krieg hat mit seiner Konzentration aller Kräfte seinen Höhepunkt und in Kürze seine Entscheidung erreicht. Mit der Entscheidung steigert sich die Zahl der Opfer, die wir, die Freund und Feind bringen müssen.
Wenn ich nun auch sterben muß, so habe ich das große und vielleicht schmerzende Glück, Dir vor meinem Tode noch schreiben zu können.
Wir beide, mit unserer großen Liebe, sollen und müssen uns für immer trennen.

Schon mit diesem Brief will ich Dir, mein Kamerad, danken für das Große und Schöne, das Du mir in unserem gemeinsamen Leben gegeben hast.
Am 5. September bin ich vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Erst heute, mit diesen Zeilen, habe ich wegen der Gedanken an Euch die ersten nassen Augen nach dem Urteil.
Denn das Weh, das mich zerreißen konnte, hält der Verstand zurück.
Du weißt, ich bin ein kämpferischer Mensch und werde tapfer sterben.

Ich wollte immer nur das Gute.
Der Höhepunkt unseres persönlichen Lebens ist unser Kennenlernen vor dreieinhalb Jahren und unser reifes Genießen unsere schöne Zeit.
Nur die Dichtkunst kennt wolkenloses Glück und ewige Jugend. Unsere Wolken waren kriegsbedingt, waren Wolken der Sorge, Freud und Leid, so wie es war, ist die Einheit unserer kurzen, großen, reifen Liebe. Nur ich weiß, daß unsere Bärbel ein bewußtes Kind dieser großen, mächtigen Liebe ist.
Gerade weil ich Dich kenne, ist mir nicht bange um Ernährung und Erziehung unserer Tochter.

Mutti! Fühle Dich umarmt und fühle Dich geküßt wie in den schönsten Tagen.
Grüße alle Menschen, die mich schätzen und lieben. Lebet wohl! Immer bin ich, bis zu Deiner letzten Stunde,

Dein Anton

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider