BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Gertrud Lutz-Schlotlerbeck

( 1920  -1944)

 


24 Jahre alt - diplomierte Rechnungsfilhrerin und Buchhalterin - geboren 1920 in Stuttgart - aus einer antinazistischen Arbeiterfamilie, deren Mitglieder seit dem Aufkommen des Nationalsozialismus verfolgt wurden. - Nach Hitlers Machtergreifung zum ersten Mal verhaftet und während drei Jahren in Gefängnissen und Konzentrationslagern interniert - freigelassen, nahm sie die Tätigkeit inder Widerstandsbewegung auf und setzte diese auch nach 1942 fort, als ihr eine Tochter  geboren wurde und der Gatte in der Schlacht um Stalingrad den Tod fand.  - im Sommer 1944 mit ihrer ganzen Familie von der Gestapo ein zweites Mal verhaftet; das Kind wurde ihr weggenommen und ein Bruder ermordet. -Am 30. November 1944 zusammen mit Vater, Mutter, einer Schwägerin und fünf Freunden der Familie im Konzentrationslager Dachau umgebracht1.

Liebe Alma und Otto!


Ich wende mich heute an Euch! Es geht mir um mein Kind — und an meine Angehörigen kann ich mich nicht wenden, da ich von diesen nichts weiss.
Ich befinde mich seit dem 10. Juni hier in Schutzhaft.
Wie lange diese Massnahme dauern wird, entzieht sich meiner Kenntnis.
Klein-Wilfriede wurde mir am 10, Juni sofort genommen und in das NSV - Kinderheim nach Waiblingen gebracht.

Nie werde ich das herzzerreissende Weinen des Kindes vergessen, als es mir von fremden Händen genommen wurde.

Es könnte immerhin sein, dass das Kind eines Tages auch noch die Mutter der Zeit zum Opfer bringen muss.
Da möchte ich vorsorgen. Ich bitte Euch also, wenn das Schlimmste eintreten sollte, nehmt Euch des Kindes an, seid ihm Vater und Matter und erzieht es zu einem rechten Menschen.
Vergesst aber nie, unserm Kind, wenn es einmal in ein verständiges Alter gekommen ist, - vom Lehen und Sterben seiner Eltern zu erzählen.

Ich wünsche unserem Kind ein glücklicheres Leben, als es das meine bisher war. Möge es nie solche Schläge im Leben bekommen.

Für mich war das Kind ein unsagbares Glück, insbesondere als mich die grausame Nachricht von Walters Tod traf.

Heute bereitet mir das Kind schmerzlichen Kummer. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Kindchen wäre mir nie geschenkt worden.


Das mein Herz voll Bitternis ist, versteht Ihr vielleicht, vielleicht auch nicht. Bleibt gesund und wohlbehalten Mit vielen herzlichen Grüßen
Eure Trudel
 

 


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" Und die Flamme soll euch nicht versengen" / 1955 Steinberg Verlag Zürich 1955