BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Alexander Schmorell


 geboren am 16. September 1917 in Oreburg/Rußland,
 hingerichtet am 13, Juli 1943 in München-Stadel
 

 

München, 1. Mai 1943

Viel Neues kann ich Euch ja nicht schreiben, ein Tag ist bei uns wie der andere und die Zeit vergeht sehr schnell. Lieber Vater, liebe Muter, wenn ich jetzt sterben muss, so müsst Ihr wissen, dass ich vor dem Tode keine Angst habe - nein, deshalb dürft Ihr Euch keinen Kummer machen -, ich weiß doch, dass ein schöneres Leben uns erwartet und uns alle wieder zusammenführt.
Was mir schwerfällt, ist, dass ich mich von Euch allen trennen muss, von Euch allen, die ich so geliebt habe, und die ihr mich so geliebt habt! Wie ich Euch alle geliebt habe, spüre ich erst jetzt bei der Trennung, wo ich Euch alle verlieren soll. Versucht den Schmerz des Verlustes zu überwinden, vergeßt nicht, dass es ein Schicksal gibt, dass dieses mir kein längeres Leben vorgesehen hatte und dass es deshalb so kommen musste. Und gegen den Willen Gottes geschieht nichts.

Grüßt alle, alle herzlichst von mir. Es umarmt und küsst Euch viele, viele Male

Euer Schurik

München, 3o. Mai 1943

Meine lieben Eltern!

Neues kann ich Euch von hier nicht berichten, alles ist beim alten. Aber einiges möchte ich Euch noch sagen, damit Ihr Euer Leid etwas leichter tragt. Sollte die Begnadigung abgelehnt werden, so bedenkt doch, dass»Tod« nicht das Ende jeden Lebens bedeutet, sondern eigentlich im Gegenteil - Geburt, Übergang zu einem neuen Leben, einem herrlichen und ewig dauernden Leben! Der Tod ist also nichts Schreckliches. Hart und schwer ist die Trennung.
Aber sie wird weniger hart und schwer bei dem Gedanken, daß wir uns ja nicht für ewig trennen, sondern nur für eine Zeitlang - wie für eine Reise um uns dann für immer und ewig zu treffen, in einem Leben, das unendlich schöner ist als das jetzige, und dass es dann für das Zusammensein kein Ende gibt.
Bedenkt das alles, dann wird Euch die Last bestimmt leichter werden! Es, umarmt und küßt Euch

An die Schwester

Meine liebe, liebe Natascha!

München, 2. Juli 1943

Du hast die Briefe, die ich an die Eltern geschrieben habe, sicher gelesen;
so dass Du ziemlich Bescheid weißt. Es wird Dich vielleicht wundern, wenn ich Dir schreibe, dass ich innerlich von Tag zu Tag ruhiger werde, ja sogar froh und fröhlich, dass meine Stimmung meistens besser ist, als sie es früher in der Freiheit war! Woher das
kommt? Das will ich Dir gleich erzählen: Dieses ganze harte "Unglück" war notwendig, um mich auf den wahren Weg zu bringen und deshalb war es eigentlich gar kein Unglück.
Vor allem bin ich froh und danke, Gott dafür, daß es mir gegeben war, diesen Fingerzeig Gottes zu verstehen und dadurch auf den rechten Weg zugelangen.
Denn was wußte ich bisher vom Glauben, vom wahren, tiefen Glauben, von der Wahrheit, der letzten und einzigen, von Gott? Sehr wenig! - jetzt aber bin ich soweit daß ich auch in meiner jetzigen Lage froh und ruhig, zuversichtlich bin - mag kommen, was da wolle.
 

Ich hoffe, daß auch Ihr eine ähnliche Entwicklung durchgemacht habt und daß Ihr mit mir zusammen - nach den tiefen Schmerzen der Trennung - auf dem Standpunkt angelangt seid,
wo Ihr für alles Gott dankt.
- Dies ganze Unglück war notwendig, um mir die Augen zu öffnen - doch nicht nur mir, sondern uns allen, all denen, die es getroffen hat - auch unsere Familie. Hoffentlich habt auch Ihr den Fingerzeig Gottes richtig verstanden. Grüße alle herzlichst, besonders sei aber Du gegrüßt von Deinem

Schurik

München, den 13. Juli 1943
 

Meine lieben Vater und Mutter!

Nun hat es doch nicht anders sein sollen, und nach dem Willen Gottes soll ich heute mein irdisches Leben abschließen, um in ein anderes einzugehen, das niemals enden wird und in dem wir uns alle wieder treffen werden. Dies Wiedersehen sei Euer Trost und Eure Hoffnung. Für Euch ist dieser Schlag leider schwerer als für mich, denn ich gehe hinüber in dem Bewußtsein, meiner tiefen Überzeugung und der Wahrheit gedient zu haben. Dies alles läßt mich mit ruhigem Gewissen der nahen Todesstunde entgegensehen. Denkt an die Millionen von jungen Menschen, die draußen im Felde ihr Leben lassen - ihr Los ist auch das meinige. In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde Euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für Euch bitten. Und werde auf Euch warten! Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergeßt Gott nicht !!! 

Euer Schurik

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider