BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

KURT   SCHUMACHER

1905 - 1942
 


Bildhauer

geboren am 6. Mai 1905; am 22. Dezember 1942 als Mitglied der sozialistischen Widerstandsgruppe zusammen mit seiner Frau Elisabeth Schumacher, hingerichtet,

27. November 1942

 

Man nahm mir einen großen, doppelseitig eng beschriebenen Bogen fort, meinen Nachlaß. Ich schrieb darin über meine trostlosen  Tage hier und daß ich aus Gründen der Selbsterhaltung für  mich und das Volk die Chaospolitik der Nationalsozialisten bekämpft habe und deshalb hier bin.  Einen Ausweg, ein leben der Freiheit, der Menschenwürde und des Wohlstands können  nur die internationalen Sozialisten schaffen in einem sozialistischen  Europa.
Deshalb habe ich in ihren Reihen bis zum letzten gekämpft. Von Beruf bin ich Bildhauer, Holzschnitzer. Riemenschneider, Veit Stoß, Jörg Ratgeb waren meine großen Kollegen, vor denen ich mich voll Demut im Dunkeln beuge. Sie starben an der huhu der Bauernrevolutionäre, im Kampf gegen Fürsten und Kirche, gegen die Reaktion. Sie konnten nicht blind mit ansehen, wie die Bauern unter der Fron zugrunde zu gehen drohten. Ihr Herz zwang sie auf die Seite der Aufständischen gegen eine  Reaktion, welche die Zeit zu ihren Gunsten festhalten wollte.
Deshalb  sind ihre Kunstwerke auch so unendlich schön, weil sie in der Zeit standen. Denn nur die Werke der Künstler haben Weltgeltung, sind unsterblich, die im gesellschaftlichen geschehen  hohen und seinen Konflikten standen und stehen, die eine kleine Welt in einer größeren Welt darstellen.
Warum führte ich nicht ein zurückgezogenes Künstlerleben, abseits der Politik?

Weil dann eben diese Kunst nur eine kleine  Geltung gehabt hätte und nicht unsterblich lebendig gewesen wäre. So sterbe ich lieber, als daß ich das belanglose Leben  der Vielen, Allzuvielen gelebt hätte. Es war wenigstens ein großes Ziel.
Da außerdem das Dritte Reich  nur seiner Kunst  den Weg freigab, der Kunst einer politisch zum Untergang vorurteilten Sache, war es zwangsläufig für mich, meine künstlerische  Freiheit im politischen Kampf gegen ein nicht lebensfähiges  chaotisches System zu erkämpfen, getreu den mittelalterlichen  Vorgängern. Kann je ein Mensch das Maß an Schmerzen, Kummer, Not, Elend und Verzweiflung ermessen, das all die Armen zu erdulden haben, weil sie an eine friedliche Gemeinschaft der Völker glauben, die mit ihrer Hände Arbeit ein menschenwürdiges Dasein schaffen können, jenseits der Barbarei des Krieges  mit den ungeheuren technischen und organisatorischen Mitteln der Neuzeit großen Wohlstand erreichend, der Friede bedeutet? Ich war nicht genügend stumpfsinnig und hatte ein zu fühlendes Herz, um nicht auch mitbestrebt zu sein, das zu erringen. Deshalb bin ich hier.
 „Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, daß er  denken und danach handeln kann mit eigenem Wollen. Furchtbar das Los einer menschlichen Hammelherde, die zur Schlachtbank gejagt wird und weiß nicht, wofür."
Ich weiß, daß meine, unsere Weltanschauung siegt, wenn auch wir, die kleine Vorhut, fallen. Wir hätten gern dem deutschen Volk das Härteste erspart. Unsere kleine Schar hat aufrecht und tapfer gekämpft. Wir konnten nicht feige sein.

(Gefesselt, unter fast ständiger Beobachtung geschrieben )

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider