BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

AN SEINEN VATER

 

Wie im ersten Weltkrieg, so haben auch im zweiten Briefe gefallener Studenten die trotz allen politischen Wirnissen seelische Unbeirrbarkeit der Jugend bewiesen. Was indes der Mensch an Nervenzerreißproben bis zu seiner völligen Vernichtung im zweiten Weltkrieg durchzumachen hatte, das zeigt in erschütternder Nacktheit ein armseliges Bündel schriftlicher Bekenntnisse und Geständnisse, die den letzten Überlebenden aus Stalingrad auf Befehl des Oberkommandos hinterrücks beschlagnahmt wurden und nur deshalb die Nachwelt erreichten, an die sie eigentlich gerichtet waren.

 

[in Stalingrad, Januar 1943]
 

Liebster Vater!

Die Division ist ausgeschlackt für den Großkampf, aber der Großkampf wird nicht stattfinden.
Du wirst Dich wundern, daß ich an Dich schreibe und an Deine Adresse im Amt, aber was ich in diesem Brief zu sagen habe, ist nur unter Männern zu sagen. Du wirst es in der Dir eigenen Form an Mutter weitergeben.
Wir dürfen heute schreiben, heißt es bei uns.
Das bedeutet für einen, der die Lage kennt, wir können es nur noch einmal.

Du bist Oberst, lieber Vater, und Generalstäbler. Du weißt, was das bedeutet, und mir ersparst Du damit Erklärungen, die sentimental klingen könnten. Es ist Schluß. Ich denke, es wird noch ungefähr acht Tage lang gehen, dann ist der Kragen zu.
Ich will nicht nach Gründen suchen, die man für oder gegen unsere Situation ins Feld führen könnte.
Diese Gründe sind jetzt gänzlich unwichtig und außerdem, ohne Nutzen, aber wenn ich dazu etwas zu sagen habe, dann das eine: sucht nicht nach Erklärungen für die Situation bei uns, sondern bei Euch und bei dem, der dieses zu verantworten hat.

Haltet den Nacken steif. Du, Vater, und die mit Dir der gleichen Ansicht sind. Seid auf der Hut, damit nicht größeres Unheil über unser Vaterland kommt. Die Hölle an der Wolga soll Euch Warnung sein.
Ich bitte Euch, schlagt diese Erkenntnis nicht in den Wind. Und nun noch zum Gegenwärtigen. Von der Division sind noch 69 Mann verwendungsfällig. Bleyer lebt noch und Hartlieb auch.
Der kleine Degen hat beide Arme verloren, er wird wohl bald in Deutschland sein. Für ihn ist auch Schluß. Fragt ihn dann nach Einzelheiten, die für Euch wissenswert sind.
D. hat keine Hoffnung mehr. Ich möchte wissen, was er manchmal über die Lage und ihre Folgen denkt. Wir haben noch zwei M. G. und vierhundert Schuß.
Einen Granatwerfer und zehn Granaten. Sonst nur noch Kohldampf und Müdigkeit. Berg... ist mit 20 Mann ausgebrochen, ohne Befehl. Besser, in drei Tagen wissen, wie es ausgeht, als in drei Wochen. Kann es ihm nicht verdenken.
Zum Schluß das Persönliche.
Du kannst Dich darauf verlassen, daß alles anständig zu Ende gehen wird. Ist ein bißchen früh mit dreißig Jahren, ich weiß. Keine Sentiments. Händedruck für Lydia und Helene. Kuß für die Mama (vorsichtig sein, alter Herr, Herzfehler bedenken),
Kuß für Gerda. Grundsätzlich Gruß an alle übrigen. Hand an den Helm, Vater, Oberleutnant X meldet sich bei Dir ab.

Dein Sohn

 

 

zurück ;
Startseite
Verzeichnis
___________________________

Das Buch der deutschen Briefe  herausgegeben  von Walter Heynen Insel Verlag 1957