BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Steil Ludwig
 

 1900 -  1945

  

Pfarrer

Geboren am 29. Oktober 1900. Pfarrer in der evangelischen Gemeinde Holsterhausen (in Wanne-Eickel).
Gestorben am 17. Januar 1945 in Dachau.
 

Als Ludwig Steil Theologie zu studieren begann, erschloß sich ihm sein Beruf im wahrsten Sinne des Wortes. Er schrieb als Zwanzigjähriger: „Mein Leben steht unter der Freude. Unter der Freude, daß ich es so leben darf. Daß mir meine Zeit gegeben ist, damit ich sie gebrauche, und meine Kraft, damit ich sie recht anwende zu dem Studium der Menschen und der Dinge, das mich vorbereitet zu dem Amt, auf das ich mich schon so lange freue. Es ist der schönste Beruf, den ich mir denken kann.
Vielleicht schenkt Gott es noch in besonderem Maße, daß ich einmal Sein Mitarbeiter sein darf. Und Mitarbeiter bin ich schon, wenn ich Sein Werkzeug bin. Und ich bitte täglich darum, daß ich ein Theologe werden darf, der nicht von Gott und über Gott redet und "kraft seines Amtes als verordneter Diener der Kirche" handelt, sondern der aus dem Geist Gottes als Sein Rufer redet und aus der Kraft Seiner Stärke handelt.
Da gibt es dann nichts Großes und nichts Kleines. - Gott bewahre mich dauernd und gebe meinen Augen Sein Licht. Deswegen ist es so herrlich, daß für mich Beruf und Leben, Religion und Theologie eine Einheit bilden. Fehlte es mir an der Verbundenheit mit Gott, dann hätte ich nicht den Mut, mein Leben in Seinen Zeugendienst zu stellen. "So Gott will" — Er will sicherlich, denn Er freut sich über den, der zu Ihm seine Zuflucht nimmt. "Die den Herrn lieb haben, müssen sein wie die Sonne aufgeht in ihrer Macht." Ich habe Ihn lieb.
Mein Leben ist nicht so wie die strahlende und Leben gebende Sonne. Aber es wird sicher so werden, denn dies Wort ist mir mehr eine Verheißung als eine Forderung. Weil ich für Gott da und Ihm ein Diener sein möchte, darf ich mit Freuden studieren. — Wunderbar, Gottes Licht erhellt die Augen für alles. Mit einem Mal sehen wir Seine Fußspuren bei uns, sehen, wie wir Grund übergenug haben zum Danken. Noch wunderbarer: Gott gibt uns die Kraft, in unserem Gebet das Fragen nach dem Warum zu lassen und alle Not in Seine Hand zu legen. Und dann hebt sich wohl aus all der Not eine heraus, die schaut mich an und fordert von mir, daß ich zugreife und helfe.
Gott schickt einen Menschen zu mir, der etwas von mir will. Dann bekomme ich zu meiner Last, die so leicht ist, weil ich aufgegeben habe, sie selbst zu tragen, die Last eines anderen dazu. Die drückt, die muß ich tragen, es ist eine heilige Last.
Und da merke ich, wie Gott mich noch ausrüsten muß, wenn ich einmal recht meinen Beruf ausfüllen soll. Da gibts viele Lasten. Und je mehr es geben wird, um so mehr wird's mir ein Beweis sein, daß ich an meinen Platz von Gott gestellt bin."
 

Die leidenschaftliche Berufshingabe des Jünglings klärt sich zu der reifen Weisheit, die aus seinen späteren aphoristischen Aufzeichnungen hervorleuchtet: „Meine Tränen vor Gott, vor den Menschen ein fröhliches Angesicht." „Darin ändert sich für den Christen nichts, daß es im Leben hinauf und hinab geht, sondern das ändert sich, daß es nicht mehr "himmelhoch jauchzend" und "zu Tode betrübt" geht, und daß wir durch die Gegenwart Christi gestärkt werden." „Unser Leben ist nur soviel wert, wie es Dank ist. Gott schickt das Seufzen, damit es Danken werde." „Viele Christen sind geimpft mit Christentum gegen Christus. Die äußeren Formen und Gebräuche verwenden sie als Schulz gegen Christi Forderungen."
„Das Brot des Lebens wird genau so schimmlig wie anderes Brot, wenn wir es nicht gebrauchen." „Gottes Geschichte ist nie rückwärts gewandt. Die neue Herrlichkeit ist immer größer als die alte." „Wenn wir einmal leiden dürfen um Jesu willen, dann kommt es nicht darauf an, daß wir auf dem Leidenswege etwas Be
sonderes für Ihn tun. Er fragt nur danach, wie wir das Leiden tragen."

Ludwig Steil geriet frühzeitig mit dem Nationalsozialismus in Konflikt. Er machte keinen Hehl daraus, daß er ihn für Deutschlands Verderben hielt. Bereits im Dezember 1933 sollte eine Gemeindeversammlung durch auswärtige  SA gesprengt  und  der Pfarrer tätlich angegriffen werden.
Allein die Gemeinde schützte ihn. Als Mitglied des Westfälischen Bruderrats und Mitarbeiter von Präses D. Koch war er in den Augen der Gestapo eine be­sonders verdächtige Person.
1938 liefen nicht weniger als 5 Strafverfahren gegen ihn. Im Sommer 1944 hielt er in Westfalen vor vielen Hunderten Vorträge „für Angefochtene" und wurde auf Grund dieser Vorträge am 11.. September 1944 verhaftet und nach Dortmund in die Steinwache gebracht.

Am 5. Oktober schreibt er der Gattin: „Eben beim Essen erfreute mich die schöne Zeichnung eines Lorbeerblattes in meiner Suppe. Ich ließ es auf dem Rand der Suppe liegen, während ich aß, und staunte über die Verästelung der Rippen und die vollendete Form. So erinnert uns Gott auch in einer Umgebung, in der alles  fehlt,  "was lieblich ist und wohllautet" , an die Schönheiten Seines Reiches. Es hat mir noch an keinem Tag  an  Grund  zum Danken  gefehlt. 
Wenn ich  jetzt  abends schon um 18 Uhr der Dunkelheit wegen mein Lager auf dem Boden bereite, um 12 Stunden darauf zu liegen, freue ich mich schon auf das Aufstehen;  aber auch die langen Stunden des Wachseins zwischen kurzen  Strecken  Schlafs  sind  voller Erquickung. "Denn so man auf Dich harrt, das macht Deinen Kindern offenbar, wie süß Du seist" (Weish. 16, 21)."
Auch bei Vollalarm in die Zelle eingesperrt, berichtet er am 7. Oktober über einen schweren Luftangriff:  „Gestern abend, Freitag,  ab 20 Uhr 30,  waren wir eine  Stunde in  der Hölle oder doch wenigstens im Feuerofen, aber der Heiland war mit drin. Er erhörte unser Flehen. Es ist mir noch wie ein Wunder. Nach dem Angriff, als ringsum alles brannte, konnten wir in den Keller gehen, wo der Qualm nicht mehr so sehr beizte wie oben.
Da gab  es dann mit Vielen Gespräche des Trostes und der Aufrichtung. Gegen Mitternacht waren wir dann wieder oben, lobten Gott und gingen unter dem Knistern der Flammen, dem Stürzen der Mauern, dem Krachen der Zeitzünder zur Ruhe."

14. Oktober

Heute ist der 34. Tag meiner Verhaftung, und ich habe noch an jedem Tag Grund genug gehabt zum Danken für die Wege Gottes mit Seinen Kindern. Ich habe Stille genug. K. war da, und mich bewegte sein Bericht über den Holsterhauser Angriff, der am Donnerstag, als Du hier warst, soviel Unheil anrichtete. Ich will beten für alle Betroffenen.
Wenn Du zu den Leuten gehst, wirst Du ja meinen Dienst tun. Gott gebe Dir, daß Du mit den Weinenden weinen, und doch als eine Getröstete auch trösten darfst. Bei aller Not und der großen Zahl der Erschlagenen gilt da doch das Wort aus den Klageliedern: „Die Güte des Herrn ist, daß wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende." Bewahrung und Bewährung gehören zusammen. Beides kommt von Gott, wenn's auch so aussieht, als sei das zweite unsere Sache.
Und wenn Dein und Brigittes Bild immer vor meinem inneren Auge steht, dann ist mir um Eure und meine Wege im Frieden Gottes nicht bange.

16. Oktober

Diese schwere Zeit, die uns gerade da Trennung brachte, wo eins das andere besonders nötig hatte, wird — das hoffe ich zu Gott — eine rechte Segenszeit zur Folge haben. Wir können dann umgekehrt sagen wie Hiob: „Haben wir das Böse von Gott empfangen und sollten das Gute nicht auch annehmen?" Es kommt alles von Ihm. Er hat mich noch nie so zur Anbetung und zum Lobpreis geführt wie seit dem 6. Oktober, wo handgreiflich das geschah, was Du in die Worte R. A. Schröders faßtest: „Unverletzlich, lichtverhüllt". Gerade so ist es gewesen, und das ist mir auch die Verheißung kommender Segnungen Gottes für Dich und mich.
So groß für mich die Freude darüber war, daß Du Dein Verständnis meines Weges auf einem Rückweg von Herne mir gesagt hattest, ehe er begann („Wenn sie Dich mal holen, wissen wir jedenfalls, daß die Kirche mehr durch ihr Schweigen gesündigt hat als durch ihr Reden"), so groß ist mir nun die Gewißheit, daß wir drei in Gottes Händen geborgen sind.

17. Oktober

Sie können uns nichts von dem nehmen, was Gott uns gegeben hat, und das macht mich sehr still und froh. Es wäre ja unbeschreiblich schön, wenn wir an unserem Hochzeitstag wieder beieinander sein könnten, und wir dürfen auch kräftig darum bitten. Wenn es aber nicht sein soll, wollen wir auch darin Gottes Regiment anerkennen und weiter auf den Tag warten, an dem Er die Tür auftun wird. „Es wird nicht lang mehr währen, halt nur ein wenig aus!"

26. Oktober

Mir ging diese Nacht oft der Vers durch den Sinn: „Schien auch alles zu zerrinnen, ward doch Deiner Hilf ich innen." Was ist das überhaupt für ein herrliches Lied: „Womit soll ich Dich wohl loben!" In den Liedern leben wir mit denen, die schon vollendet sind, und loben mit den himmlischen Heerscharen. Aber der Lobgesang derer, die aus Not und Elend kommen, ist gewiß schöner als der der Engel, die nie anders als mit einem Gottesauftrag „im finsteren Tal" gewandert sind. — Du kannst Dir gar nicht denken, wie bevorzugt wir Christen im Gefängnis vor denen sind, die keine Hoffnung haben. Sie sind zum Teil tapfer, aber irgendwie doch todtraurig.

31. Oktober

Ich habe bisher Gott für jeden der fünfzig Tage Haft danken dürfen. Heute ist Reformationsfest-Dienstag, und wenn ich daran denke, daß Gott mir vielleicht in acht Tagen am Dienstag die Tür auftun wird, dann klopft mein Herz vor Sehnsucht nach Dir, nach der Gemeinde, nach der Freiheit. Und dann fange ich schon an, wieder um das Ja und die Stille zu bitten für den Fall, daß Gott noch ein Nein sagt und den Dienst im Kerker vielleicht in der härteren Form Dachaus noch weiter von mir und von Dir fordert. Aber das tut der Bitte um die offene Tür keinen Abbruch, sogar nicht der großen Vorfreude.

11. November

Heute nacht lag ich eine Stunde wach und hatte viele Fragen an Gott zu stellen. Die waren nicht aus Anfechtung gestellt, nur in der Sehnsucht nach Antwort.
Und mit einmal klangen die Zeilen aus einem langvergessenen Lied des Berliner Ostens in mir auf, so daß sie mich stillten: „O, daß du könntest glauben, du würdest Wunder sehn! Es würde dir dein Jesus allzeit zur Seite stehn."

Abschiedsbrief an die westfälischen Pfarrer

Herne, Mitte November 1944

Lieber Freund! Da es in diesen Tagen deutlich geworden ist, daß mein Weg zu den Brüdern nach Dachau führen wird, will ich mir die Zeit nehmen, Ihnen ein Zeichen meines Gedenkens und meiner Fürbitte zu senden.

Als ich vor zehn Wochen in Haft genommen wurde, habe ich Gott dafür danken dürfen, daß Anlaß und Ursache meine Verkündigung war, nämlich Vortragsreihen für Angefochtene, die ich vorher in Herne und Wanne gehalten hatte. Da konnte ich mit Freudigkeit zu jedem beanstandeten Satz stehen, mit einem guten Gewissen vor Gott und Menschen. Die erste Not war diese, daß die Arbeit in Gemeinde und Gesamtkirche  im Stich gelassen werden mußte.
Aber Gott gab mir die Kraft, das alles unter dem Kreuz niederzulegen und ein volles Ja zu sagen zu dem Weg, den Er mich in der Nachfolge Jesu gehen hieß. So durfte ich ganz zu dem Dienst des Tragens und der Geduld frei werden, mehr noch, ich wurde eingehüllt in einen unaussprechlichen Frieden, an dessen Geborgenheit alle äußere Unruhe nicht herankonnte . . .
 Unvergeßlich  bleiben  mir  die  langen  Nachtstunden,  in  denen  ich wach auf meinem Lager am Boden lag. Da stand die Zeit still, da wanderte das fürbittiende Gedenken zur Gemeinde, zu den Mitkämpfern,  an  die  Fronten.  Das  war  der uns   Gefangenen aufgetragene Dienst vor dem Thron Gottes  in Seiner unaussprechlichen Herrlichkeit. — Jetzt erst ist mir aufgegangen, in welchem Maß Gott denen, die seit langen Jahren den Weg der gefangenen Brüder auf betendem Herzen tragen, den eigenen Weg erleichtert, wenn sie in die  gleiche Lage kommen. Es   ist   alles   schon   vorher   durchgekämpft,   auch   das   allzu Menschliche und das Unmenschliche.
Darum fehlt es auf dieser Wüstenwanderung nie an Wasser, das aus dem Felsen quillt, und an Menschen,  die plötzlich Engelsdienste tun.  „Der Tag wird's klar machen." . . . An diesem Bericht liegt mir nur, weil er bezeugen möchte, daß der Lobgesang noch nicht verstummt ist. Und, mein Lieber, das ist auch der Auftrag Gottes an Sie und alle, die noch im Dienst des Evangeliums stehen dürfen. „Wacht auf, lasset den Lobgesang hören!" Kümmert Euch um die Einsamen unter den Brüdern, um die, die nicht fertig werden mit der Not der ändern, weil sie selbst Gott nichts zutrauen.
Sammelt die, die mitten in den Gerichten Gottes vernehmen, daß Er unserm Volke gnädig sein will. Seht beim Weg der Bekennenden Kirche nicht auf das Versagen der Menschen, sondern auf die Wunder Gottes. — Ich schließe mit dem Vers Zinzendorfs: „Drum dürfen wir nie Abschied nehmen, als wenn wir nicht mehr zusammenkämen." Grüßen Sie alle Brüder.

Getreulich Ihr L.  Steil

Am 14. November fragt die Gattin bei der Gestapo an, ob mit Entlassung zu rechnen sei.  Sie  mußte ihrem Mann den Bescheid bringen, daß sein Weg ins Lager ginge. Darauf schreibt er am 15. November:

„Wenn wir jetzt für eine Weile äußerlich ganz getrennt werden, wollen wir nicht vergessen, daß der kürzeste Weg zueinander am Herzen Gottes vorbeigeht. Unverletzlich, lichtverhüllt dürfen Gottes Kinder reisen", auch nach Dachau!"

16. November

Eins war nicht richtig in Deinem Brief. Du schreibst, Du müßtest mir einen Schmerz bereiten. Nein, Du brachtest mir einen Befehl, der von Gott kam. Hat nicht Jesus gesagt: „Der nehme sein  Kreuz  auf  sich"! — Die Nacht war  trotz  Störungen erquickend.  „Tu als  ein Kind und lege dich in deines Vaters Arme! Bitt' Ihn und flehe, daß Er sich dein, wie Er pflegt, erbarme! So wird Er dich durch Seinen Geist, auf Wegen, die du jetzt nicht weißt, nach wohlbestandnem Ringen aus allen Sorgen bringen." Wie gut haben wir es in unserer Zweisamkeit mit dem Schatz der Lieder gehabt! Wenn ich auch ohne Bibel und Gesangbuch bleiben müßte, so hätte ich Vorrat auf viele Jahre.

2. Dezember

Ich wünsche Dir eine Adventszeit, für die Du noch in Deinem Alter  danken kannst, so voller Sternlein in der Nacht, voller Durchhilfe und voll kleiner Freuden. Und wenn ich dann für eine Zeit leiblich aus Deiner Nähe verschwinde, wünsche ich Dir darüber hinaus eine adventliche Geborgenheit wie Phil. 4. Daß die Freude bleibet. Um mich mußt Du nie bekümmert sein, hörst Du?
Anfangs Dezember kam er mit anderen Gefangenen auf den Transport nach Dachau. In Bochum schreibt er am 5. Dezember: Er sieht nicht  so aus,  als   könntest   Du   mich   Donnerstag noch hier treffen, sondern wir werden wohl gleich morgen  weitergeleitet,   irgendwie   in  Richtung  Dachau.   Du  hast mich also am Montag, ohne daß wir beide das wußten, zum vorläufig letzten Mal durch Deinen Besuch erquickt und gestärkt. Gott hat uns bei den großen Bombennöten des Monats November doch darin eine reiche Zeit geschenkt, daß wir die Not zusammen tragen durften, daß wir gemeinsam auch die Frage des Hernach für Dich und das Kind besprechen konnten. Zum ersten Mal in den drei Monaten der Haft habe ich heute (für eine Nacht) eine schöne Einzelzelle für mich allein. Wie verschieden  waren  die  Zeiten  in  Dortmund  zu  dritt und  in Herne zu sechsen gerade durch die Menschen. Heute genieße ich die  Möglichkeit  des  Schweigens;  man muß  sich  ja  auch zurichten für die nicht ganz leichte Fahrerei. Ich will das getrost in  Gottes Hände  legen,  denn Er hat mir das  schwere Vierteljahr  dieser Haftanfänge zu einer  gesegneten  Zeit gemacht. Weil Gott Dich tröstete, konntest Du auch trösten. Und weil Du trügest, bekamst Du auch Kraft genug.

Einziger Brief aus dem Lager

Dachau, 9. Januar 1945

Gott segne Deinen Entschluß zur Rückkehr nach Holsterhausen. Wir hatten zum Fest auch alle Irrfahrten hinter uns. Es war reizend, wie sich hier Wilm und Reger, sobald es ging, für mich einsetzten mit Liebesdiensten. Aber sie selbst waren mir der größte Trost. - Ich bin sehr getrost, uns drei in Gottes Hand geborgen zu wissen.
Er hat Dich bisher bewahrt, und Du hältst die Stellung, solange Du innerlich kannst. Grüße die Gemeinde - ... Wie werden Gottes Wege mit uns weitergehen? am Ende steht immer ER selbst. Das ist Erquickung. Schreib auch von Brigitte! Dich und sie grüßt und küßt

Dein Ludwig

K. A. Groß (Häftling 16 921) berichtet in seinen Dachauer Tagebüchern

Pfarrer Steil aus Westfalen tot! Freund Reger erzählte es mir heute in der Dämmerung auf der Blockstraße. Vor kurzem erst eingeliefert, kam er fieberkrank ins Revier. Reger hat ihn noch vor drei Tagen besucht. Da lag er still in seinen Decken, voll inneren Glücks: „Ich kann mich mit den Russen nicht verständigen", sagte er, „aber ich fühle mich doch nicht allein. Mein Herz ruht ganz im Frieden Gottes." Das waren die letzten Worte, die Reger von ihm hörte.
Als er den Besuch wiederholen wollte, mußte er erfahren, daß der Freund heimgegangen sei.

Lux aeterna luceat ei!


 

An sein Töchterchen Brigitte

Dortmund in der  Steinwache am 2. Oktober 1944

Als Einschub ins Abendgebet:

Mach Mutter stark und Vater frei,
bis wir zusammen alle drei
in Holsterhausen wieder
Dir bringen Dank und Lieder.

23. November 1944

Es ist schon eine Woche her, daß ich Euch schrieb, und heute ist es fast zu dunkel zum Schreiben, weil die Sonne nicht kommen will. Aber anfangen will ich den Brief doch schon und Dir danken für den Plauderbrief vom 3. November, der mir große Freude gemacht hat. Du erzählst mir darin vom Turnen bei Tante E. — Du mußt nicht betrübt sein, wenn etwas Neues beim Lernen nicht gleich leicht geht. Was schwer ist, macht hernach viel größere Freude, auch Tintenschreibon und Rechnen. Lernen ist ja kein Spielen. Das merke ich als Dein Vater jetzt auch wieder, wo ich neu lernen muß, als ein Gefangener ein frohes Herz zu behalten und dem lieben Gott zu sagen: „Darum wart' ich still, dein Wort ist ohne Trug, Du weißt den Weg für mich, das ist genug."

Leipzig, den 15. Dezember 1944 (auf dem Wege nach Dachau)

Liebe Brigitte, wir sind noch auf der langen Reise . . . Du wirst Dich auf das Fest so freuen wie ich, denn Du kennst auch das Wort des Engels: „Euch ist heute der Heiland geboren" und das Lied „Ei, so kommt und laßt uns laufen". . . Wir feiern Weihnachten auch getrennt zusammen an der Krippe.

 

 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider