BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 


HERMANN STÖHR


1898 - 1940



 





Dr. rer. pol. Hermann Stöhr, geboren 1898, Sekretär des „Deutschen Versöhnungsbundes", widmete sein Leben, schreibend, organisierend und lehrend, dem ihm von seinem evangelischen Christentum eingegebenen Gedanken der sozialen Wohlfahrt und des Friedens. Sein geschichtliches Studium galt vor allem der Auslandshilfe der Vereinigten Staaten. In ihr sah er eine zukunftsreiche, den nationalen Egoismus überwindende Form der Politik vorgebildet. Unter Hitler verweigerte er den Kriegsdienst und wurde am 21. Juni 1940 wegen „Zersetzung der Wehrkraft" hingerichtet. Er starb in treuem Festhalten an den Grundsätzen, die er 1914 bei der Gründung des Versöhnungsbundes niedergelegt hatte:
„Die Liebe, wie sie sich im Leben und im Tode Christi offenbart, ist die einzige Macht, die das Böse bezwingen kann und die einzige dauernde Grundlage für die menschliche Gesellschaft.
Um eine Weltordnung aufzurichten, die auf die Liebe sich gründet, müssen jene, die an dieses Grundgesetz glauben, es selbst völlig annehmen. Sie müssen die Folgen auf sich nehmen, die sich in einer Welt ergeben, welche diese Ordnungen noch nicht anerkennt. Deshalb ist es uns als Christen verboten, Krieg zu führen."

Aus einem Brief an die Schwägerin

3. Juni 1940

. . . Mit mir steht es so: Ich habe den Militärbehörden seit 2. 3. 39 erklärt, ich könne meinem Vaterlande nur mit Arbeit dienen, aber nicht mit der Waffe (Matth. 5, 21-26, 38-48) und mit einem Eid (Matth. 5, 33-37; Jak. 5, 12). Und Gottes Gebote gelten für mich unbedingt (Ap.-Gesch. 5, 29).
Am 16. März 1940 erhielt ich dafür mein Todesurteil und am 13. April 1940 wurde das Urteil bestätigt.. - Täglich bereit sein zum Sterben, das soll ja jeder Christ. Und dafür ist mir dies jetzt eine Schulung. Zwischendurch freue ich mich meiner Ruhe, die ich vor allem zum Bibelstudium nutze.

An die Mutter

19. März 1940

. . . Wo noch etwas Todesscheu ist, da stimmt irgend etwas nicht. Darüber habe ich letzthin viel nachgedacht und an Hand von Bibel und Gesangbuch studiert.
Rein weltlich gesehen ist ja die Todesstrafe das Ärgste, was uns hier auf Erden widerfahren kann. Vom Standpunkt des Glaubens aus aber heißt es: Was können uns Menschen tun? Da weiß man sich sicher geborgen in der Hand des Allmächtigen... Es hat nicht an mehr oder minder wohlmeinenden Versuchen gefehlt, die mich zu einer anderen Meinung zu bringen wünschten.

Es war jedoch so, daß mich dies nur bestärkt hat in der Erkenntnis, daß Gott auch den Völkern geboten hat, einander zu helfen und zu lieben. In Dingen einer von Gott geschenkten Erkenntnis aber zu lügen, nur um mir das kleine Leben zu erhalten, das ging nicht.

Es hätte bedeutet, Gott verachten und mein Leben auf eine Lüge gründen. — Vor einem Jahr nagelte mir Gertrud den gebrannten Wandspruch über mein Bett: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Anfangs schien er mir zu hart zu sein, da ich gleich an eine derartige Situation denken mußte, wie die meinige jetzt ist. Ich habe viel daran herumbuchstabiert und ihn schließlich bejaht.
Es liegt ja auch eine zu große Verheißung darin. Wenn wir den Osterglauben, den Glauben an eine Auferstehung des Leibes wirklich haben, erfüllt uns gerade angesichts des Todes eine große Freude, die uns bei irdischen Widrigkeiten nur um so heller entgegenstrahlt.
Wenn wir diesen Glauben fahren lassen, wird es allerdings düster um uns. So wünsche ich also mir und Euch vor allem einen Glauben an den auferstandenen Herrn, der standhält.
 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider