BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

SCHWESTER TERESIA B E N E D I C T A


1891 - 1942

 





Philosophin und Karmelitin

Dr. Edith Stein, geboren 1891 zu Breslau, trat nach ihrer Bekehrung zum Katholizismus in den Kölner Karmel ein. Um sie vor Verfolgung zu schützen, nahm sie im Jahr 1938 der Karmel zu Echt in Holland auf. Nach der Invasion Hollands fand ihre Bitte, sich als Sühneopfer für den wahren Frieden anbieten zu dürfen, im Jahre 1942 Erhörung. Schwester Teresia Benedicta — dies war ihr Ordensname — wurde dem Kloster entrissen und starb im Konzentrationslager Auschwitz.
„Wahrhaft gesegnet vom Kreuz und gesegnet mit dem Kreuz ist sie durch ihr Kreuz zum Segen für viele geworden." (Weihbischof Roleffs, Münster)

Aus ihren Aufzeichnungen und Briefen

Laßt uns nicht richten, daß wir nicht gerichtet werden!
Uns alle trügt der Dinge äußerer Schein.
Wir sehen Rätselbilder hier auf Erden.
Der Schöpfer einzig kennt das wahre Sein!

Gott verlangt nichts vorn Menschen, ohne ihm zugleich die Kraft dafür zu geben. Der Glaube lehrt es, und die Erfahrung des Lebens aus dem Glauben bestätigt es. Das Innerste der Seele ist ein Gefäß, in das der Geist Gottes einströmt, wenn sie sich Ihm kraft ihrer Freiheit öffnet.
Und Gottes Geist ist Sinn und Kraft. Er gibt der Seele neues Leben und befähigt sie zu Leistungen, denen sie ihrer Natur nach nicht gewachsen wäre, und er weist zugleich ihrem Tun die Richtung.
(Aus: „Endliches und Ewiges Sein")

Passionssonntag, 26. März 1939

Liebe Mutter, bitte erlauben Eure Ehrwürden mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten: daß die Herrschaft des Antichrist, wenn möglich, ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht, und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann. Ich möchte es heute noch, weil es die zwölfte Stunde ist.
Ich weiß, daß ich ein Nichts bin, aber Jesus will es, und er wird gewiß in diesen Tagen noch viel andere dazu rufen.

September 1941

Es ist gut, heute daran zu denken, daß zur Armut auch die Bereitschaft gehört, selbst die geliebte klösterliche Heimstätte zu verlassen. Wir haben uns zur Klausur verpflichtet, aber Gott hat sich nicht verpflichtet, uns immer in der Klausur zu lassen.
Er braucht es nicht, weil Er andere Mauern hat, um uns zu schützen. Es verhält sich damit wie mit den Sakramenten. Sie sind für uns die verordneten Gnadenmittel, und wir können sie gar nicht eifrig genug empfangen.
Aber Gott ist nicht daran gebunden.
In dem Augenblick, wo wir durch äußeren Zwang vom Empfang der Sakramente abgeschnitten wären, konnte Er uns auf andere Weise im Überfluß entschädigen; und Er wird es um so sicherer und um so reichlicher tun, je treuer wir uns vorher an die Sakramente gehalten haben. So ist es auch unsere heilige Pflicht, so gewissenhaft wie möglich die Vorschriften der Klausur zu beobachten, um ungehindert mit Christus in Gott verborgen zu leben.
Sind wir darin treu und würden wir auf die Straße hinausgetrieben, so würde der Herr seine Engel senden, sich um uns zu lagern, und ihre unsichtbaren Schwingen würden unsere Seele sicherer umfrieden als die höchsten und stärksten Mauern. Wohl dürfen wir bitten, daß uns die Erfahrung erspart bleibt, aber nur mit dem ernst und ehrlich gemeinten Zusatz: Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.

Weder Datum noch Ortsbezeichnung; vermutlich 8 August 1942

Liebe Mutter, wenn Euer Ehrwürden den Brief von P. übersehen haben, wissen E. E., wie er denkt. Ich möchte in der Angelegenheit nichts mehr tun. Ich lege sie E. E. in die Hände und überlasse es E. E. ob E. E. eine Entscheidung heranziehen wollen. Ich bin mit allem zufrieden.
Eine „Scientia Crucis" kann man nur gewinnen, wenn man das Kreuz gründlich zu spüren bekommt. Davon war ich vom ersten Augenblick an überzeugt und habe von Herzen gesagt: „Ave Crux, spes unica!"

E. E. dankb. Kind B.
 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider