BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

ELISABETH VON THADDEN

1890 - 1944
 




Das ist mein Gebot, daß Ihr Euch untereinander liebet, gleich wie ich Euch geliebt habe.
[Anfang des Abschiedsbriefes an die Familie]




Elisabeth von Thadden, geboren am 29. Juli 1890 auf Trieglaff/ Pommern, war im Jahre 1933 auf der Höhe ihrer Tätigkeit und Schaffenskraft angelangt. Nun wurde ihr alles aus der Hand geschlagen, was sie besaß. Sie verlor die Schule, die sie in Wieblingen aufgebaut hatte — das bis zum heutigen Tage fortbestehende Werk ihres erzieherischen Geistes —, ihre Freiheit und schließlich ihr Leben.
Am 12. Januar 1944 wurde sie verhaftet, am 8. September des gleichen Jahres hingerichtet. In der Schmach und Bitternis der Haft, mit gefesselten Händen, kämpfte sie einen siegreichen Kampf gegen Verzweiflung um Glaubenssicherheit und inneren Frieden. In einem Buch von Reinhold Schneider strich sie sich damals die folgenden Sätze an: „Das ist die Gnade der Schmach, daß sie des Herzens Eigenmacht tilgt und die falschen Bilder ihres Trachtens zerstört und es löst von den Fesseln der Eitelkeit. Es gibt keine Schmach mehr, die die Seele unbedingt verletzt. Ein schwacher Abglanz Deiner Unverletzbarkeit, o Gott, teilt sich den Deinen mit. Wir wollen auf Dich blicken, wenn uns zuteil wird, was wir verdienen. Das Höchste unsrer Seele ruht unzerstörbar in Dir. Es kann uns nicht genommen werden."



Aus dem Briefe eines Freundes

Sie wirkte nicht durch das, was sonst ein Mensch gemeinhin durch Bildung und Formung, durch die selbsterrungene Entwicklung der in ihm angelegten Möglichkeiten als die Bedeutung seiner Erscheinung ausstrahlt; sie wirkte schlechthin durch ihr Sein. Dies Sein strömte, einer Urkraft gleich, unabänderliche und unbeeinflußbare Kraft auf die anderen aus.
Es wurzelte im Blut ihres durch Tradition und Züchtung in Jahrhunderten durchgebildeten Geschlechts, dessen Adel Verpflichtung war, Verpflichtung zur Treue gegen sich selbst, Verpflichtung zur Erhaltung des in sich selbst gebildeten und dargestellten Begriffs und Wertes.
Das erlebten an ihr die Kinder: wie es möglich war, daß ein Mensch mit so offenkundigen Unzulänglichkeiten eine so tiefgehende, weit in ihr eigenes Leben hineinstrahlende Wirkung entfalten konnte, die sie als sittlichende, sie für ihr Leben verpflichtende Kraft oft zunächst widerwillig empfingen, deren sie erst allmählich, in Jahren der unaufhebbaren Nachwirkung, inne wurden, die sie dann mit tiefer, weit über alle Worte hinausgehender Dankbarkeit als Verpflichtung für ihr Leben in ihr Leben gezeugt, erkannten.
Sie war der vorbildliche Mensch aus Geblüt, dessen Wesen sich bekundet durch seine Haltung: klar, zuchtvoll, fest, unabdingbar, seiner Art verpflichtet.
Als solcher hat sie gelebt und gewirkt, als solcher ist sie gefallen auf dem Schaffott, sich selbst getreu bis zum letzten, bittern, zumal für eine Frau entsetzensvollen Schritt des entwürdigend gemeinten, sie aber adelnden Todes durch das Beil des Henkers.
 

zurück ;
Startseite
Verzeichnis
___________________________

Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider