BRIEFE

 

 

K. Kolwitz Abschied und Tod 1923

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

WILHELM THEWS

1910 - 1943
 

 


Tiefbautechniker. - Am 8. Februar 1943 im Alter von 32 Jahren als Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe hingerichtet.

Sein Abschiedsbrief an die Eltern
Berlin-Plötzensee, den 8. Februar 1943

Min leiv Vater und Mudding!

Draußen lacht die Sonne vom strahlend blauen Himmel, und ein frischer Ostwind jagt über die frühlingsahnende Erde. Wen die Götter lieben, den nehmen sie jung zu sich! Und die Götter und das Glück waren trotz allem mir noch bis zum Schluß treu.
Ich habe Euch noch einmal sehen dürfen, und an meinem letzten Tag bescherten sie mir noch dieses herrliche Wetter.
Ein Omen soll mir das sein, daß die Liebe und das Licht den Tod überwinden.
Ich weiß, daß es viel schwerer ist zu überleben als sich zu opfern.
Ich weiß, daß das Schicksal Euch schwer zu tragen gibt, aber ich weiß auch, daß Ihr es tragen und mich und mein Leben verstehen werdet. Man kann vom Leben nicht alles verlangen.
Ihr habt alles getan, um mir das Leben schön und leicht zu machen.
Eure Sorge und Liebe haben mir in schweren Stunden beigestanden.
Ich habe mir mein Leben selbst gestaltet.
Wir Thews waren immer einer großen Leidenschaft fähig gewesen. Wir sind nicht von Blume zu Blume geflogen.
Wo wir einmal ja gesagt hatten, haben wir unsere ganze Leidenschaft mit Herz und Seele freudig gegeben.
Mein Leben war reich an Höhen und Tiefen, es war schön.
Man kann nicht alles erleben, und ich glaube, daß es ein großes Glück ist, auf der Höhe seines Lebens, in seiner Kraft gehen zu dürfen. Sicher hätte auch ich gern noch manches erfüllt. Gern Familie und Kinder gehabt. Nun, es hat nicht sollen sein. Darum wollen wir nicht rechten und hadern mit dem Schicksal. Die nach uns kommen, werden es vollenden.
So danke ich Euch heute, wie nur ein Sohn seinen Eltern danken kann.
Wenn ich heute so ruhig und freudig meinen letzten Weg gehe, so doch nur, weil Ihr mir das Rüstzeug fürs Leben in jeder Lage gegeben habt.
Min leiv Mudding, möchte Dir noch manches viele sagen.
Aber Du weißt ja, daß meine Liebe Euch gehört.
In Gedanken lege ich meinen Kopf in Deine lieben, lieben Hände, damit sie mich segnen. Deine Hände, die jahraus, jahrein für uns geschafft haben.
Deine Hände, die mich so oft getröstet und mir als Kind die Tränen getrocknet haben.
Liebe, heilige Hände meiner Mutter.

Min leiv Vater, ich umspanne in Gedanken Deine Hand und sehe Dir in die blanken Augen.
Schöpfe aus Deinen klaren Blicken Kraft und Stärke.
Hol - fast. Und wenn die See auch grob und hart ist. Kiek ut! Mögen alle Thews nach uns sich unserer und unserer Zeit nur mit Stolz erinnern. Laßt Euch umarmen und fest und stark ans Herz drücken. Was von uns unsterblich ist, wird sich zu der großen Symphonie der Liebe und Freude vereinen. Unser Leben war die Überwindung des Bösen.
»Ich hab's gesagt und nehme es nicht zurück.
Leben heißt lieben, lieben ist Glück.«
Lebt wohl und trotz allem laßt uns das Leben und das Lachen nicht verlernen.
Ich bleibe mit meinem Geist und meiner Seele bei Euch und unter Euch.

Euer tiefdankbarer Sohn Wilhelm
 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider