ERSTER UND LETZTER BRIEF BERÜHMTER
 

 MENSCHEN

 


Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer Synthese.

Sein Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....
 
Ilse Linden/ Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919
 




BRAHMS JOHANNES

1833 -1897
 




Johannes Brahms, der Schöpfer so herrlicher Musikwerke, ist geborener Hamburger.
In den stärksten Erlebnissen seiner Jugend gehört der furchtbare geistige Zusammenbruch Robert Schumanns, des von ihm so hoch verehrten Meisters, in dessen Hause er verkehrte, und dann der Freundesbund mit Clara Schumann und das musikalische Zusammenwirken mit dieser herrlichen Frau, die ohne die Freundschaft des jungen Brahms und seiner Freunde Joachim und Grimm, ebenfalls zweier Komponisten, die schwere Zeit des Wahnsinns und späteren Tode ihres Gatten schwerlich überstanden hätte.
Der erste der folgenden beiden Briefe ist von den einundzwanzigjährigen Brahms an Joachim gerichtet, den zweiten schrieb er nach dem zweiundzwanzigsten Geburtstag an Grimm; in beiden zeigt sich noch die Hoffnung auf die Wiederherstellung Schumanns. Der zweite Brief bezeugt außerdem die merkwürdige Schwäche, die Brahms noch im Alter für Bleisoldaten hatte. Als Kind liebte er sie sehr, und doch im reifen Alter stand er manchmal erinnerungstrunken vor Schaufenstern, wo welche ausgelegt waren.

ERSTER BRIEF
1. Düsseldorf, 12. Mai 1854.

Geliebtester Freund

Wie herrlich hast Du meine winterliche Stimmung durch deinen frischen Reisegruß unterbrochen. Das eine Wort: „Thüringer Wald“ jagt mir das Blut wieder heiß durch die Adern. Schändliches Wetter und leider schlimmere Nachrichten aus Bonn lassen es hier trübe werden. Schumann hat anhaltend einige Tage Gehörstäuschungen gehabt.
Wir müssen auf besseres Wetter und dann von neuem auf längere Ruhe hoffen. Die letzte Hoffnung war wieder nichtig. Schumanns Zustand ist wieder derselbe wie hier in Düsseldorf. Frau Schumann leidet furchtbar. Die beiden letzten Briefe haben sie entsetzlich aufgeregt.
Finde es nicht schlecht, dass ich Dir jetzt diesen trüben Brief schreibe, allein ich kann nichts anderes denken, als wie schrecklich es hier in kurzer Zeit aussehen kann.
Wenn du den Frühling ganz durchkostet hast, dann komme doch hierher, der herrlichen Frau ein Engel. Erzähle die Märchen, die Du im Thüringer Walde träumen wirst, um ihr ein Teil ihres Schmerzes zu nehmen.
Schreib auch, wenn Du kannst, auf irgend einer Burg uns einige Zeilen.
Ich bereue fast, Dir diesen Brief geschrieben zu haben; er ist kein guter Begleiter auf der Reise. Möge er dir kein Teil Deiner Reiselust nehmen, aber Dich bald zu uns herführen.

Dein
Johannes

2. Ddf. Den 8. Mai 55

Nimm den wärmsten Dank für Dein freundliches Gedenken, Du hast mich recht froh dadurch gemacht. Wärst Du doch hier gewesen, um zu sehen, wie herrlich rätselhaft der große weiße Kuchen hereingeschneit kam! Ich riet immer auf ein verliebte Fräulein D. P., heute erfuhr ich auf Umwegen durch Langenberg wie er gekommen. Wärst Du überhaupt nur dagewesen, den prächtigen lustigen Tag mit verlebt zu haben.
Morgens unter viel schönen Blumen das Bild meiner Mutter und Schwester, ähnlich zum Küssen. Dann eine Photographie des teuren Schumann nach Daguerreotyp, aber ungleich schöner ), dann Bücher: Dante und Ariost! Nachmittag um 3 Uhr Joachim und mit ihm eine große Sendung Bücklinge ( einige Soldaten) usw. mit lieben Briefen aus Hbg!
Selten war ich so lustig und seelenvergnügt als gestern. –
Viel musiziert wird jetzt und herrlich! Bach, Beethoven Schumann, dass man nicht genug bekommen kann. Denke, unser verehrter Meister dachte an mich und schickte mir das Manuskript der Braut von Messina mit der liebevollen Inschrift. ( Du!)
Frau Clara schreibt Dir mit, schickt auch auf ihn Bezügliches.
Recht herzlichen Gruß und Dank noch, lieber Freund, schreib uns oft, wir wollen’s entschieden, auch Frau Clara wird sich schon daran halten. Wir denken oft Dein, sonderlich beim Musizieren, Trinken , Lesen und Spazierenlaufen, und was tun wir denn noch anderes?
Herzlich
Dein
Johannes barhms.

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aus; Jugendbriefe berühmter Männer/ Verlag " Die Buchgemeinde Berlin 1924
Ausgewählt und eingeleitet von dr. Joh. Rohrn
 

 

LETZTER  BRIEF


An Caroline Brahms

[ Wien ] Poststempel: 29. März 1897


Liebe Mutter,

Der Abwechslung wegen habe ich mich ein wenig hingelegt und kann daher nur unbequem schreiben. Sonst habe ich keine Angst, es hat sich nichts geändert und wie gewöhnlich habe ich nur Geduld nötig.


Vom Herzen Eurer Johannes


[ Vermerk des Empfängers: Johannes letzte Karte ]1)

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1) Johannes Brahms starb in Wien am 3. April 1897



 



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Johannes Brahms Heimatbekenntis In Briefen an seine Hamburger Verwandten
Eingeleitet und herausgegeben von Kurt Stephenson zweite um 74 Briefe vermehrte Auflage
Hoffmann und Campe Verlag Hamburg 1948