ERSTER UND LETZTER BRIEF BERÜHMTER
 

 MENSCHEN

 

 

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 



Chamisso Adelberg

1781 – 1838



ERSTER BRIEF

 


Chamisso Adalbert
Adalbert von Chamisso entstammt französischem Uradel aus der Champagne, wo er auch seine Kindheit verlebte. Er ist also von französischen Blute; aber als Verfasser von Peter Schimihis wundersame Geschichte und so mancher volkstümlich gewordener Gedichte dürfen wir ihn zu den Unsern rechnen.
Als sein Stammschloß Goncourt in der französischen Revolution niedergebrannt wurde, rettete die Familie nichts als das nackte Leben nach Deutschland.
Der junge Chamisso musste durch Herstellung von Miniaturmalereien das Leben seiner Familie fristen helfen. Mit fünfzehn Jahren wurde er vom König von Preußen ins Pagenkorps aufgenommen, darauf trat er ins preußische Heer und wurde mit zwanzig Jahren Leutnant in Berlin.
Es wurde ihm nicht leicht, in die deutsche Sprache einzuarbeiten, so schön er sie später auch als Dichter sprach. In Berlin hatte er geistreiche Freunde.
Zu der vierundzwanzigen schönen und geistvollen, aber auch koketten Witwe Ceres Duvermay, einer Landsmännin, erfühlte ihn eine leidenschaftliche Liebe. Im Jahre 1805 muß Chamisso gegen seine Landsleute ins Feld rücken. Auf der einen Seite den Schmerz dies in diesem Punkte doch im Herzen französische fühlenden Mannes, auf der andern Seite den Kummer über den ungeeigneten Zustands des preußischen Heeres – das schildert der Brief des Dreiundzwanzigjährigen.
Doch blieb es ihm durch die gleichwohl schwer empfundene unrühmliche Uebergabe der Festung Hameln, zu deren Besatzung er gehörte, erspart, die Waffen gegen seine Nation zu führen. Die Seelenkämpfe wiederholten sich in den Befreiungskriegen, wo sein Herz sich wieder unter beide Partein teilen musste. Er nahm nicht teil und schrieb in dieser Zeit seinen Peter Schlemihl, der die Züge der Unrast seines zwischen den Völkern stehenden Verfassers trägt. Später wurde Chamisso Adjunkt am Botanischen garten zu Berlin.

 

19. Oktober 1805
Meine Eltern beriefen mich eben itzt meine Reise anzutreten, da ich, wie ich aus ihren Worten ersehe, die mir für die Zukunft Bestimmte diesen Winter hätte kennen gelernt.
Andrerfalls schreibt mir Ceres einen in Liebe schmelzenden Brief, innig und wahr und kunstvoll. Sie sagt mir, wie sie, von sie nichtverstehenden Menschen umgeben, für sie, für ihren Sohn sich hinweg von ihnen sehnt, wie sie den Wert der Deutschen einsehen lernt, für ihre Ruhe sich unter sie sehnet, wie sie aber mich noch sehen, noch sprechen will und mich in paris, wo sie mich ruft, zu erwarten entschlossen sei, ehe sie ihr Schicksal bestimme. Dieses einzig nur ist ihr Brief und Adolf, das ist ihr Augenblick, wo ich hinziehn muß und wohin? – und ich kann weder in Zeit noch in Raum nichts berechnen. – Wohin? Erst hieß es, gegen die Russen und ich freue mich doch nach vollbrachten Opfer in die Thätigkeit versetzt zu sein, die dem Manne ziemt.

Aber nun, nun ist es vielleicht gegen das Vaterland. Ehre Pflicht! Aber ist Ehre auch nicht Pflicht? Wär ich ein Franzose gewesen, wär ich von dieser gewichen. Ehre? Heischt aber die Ehre noch dieses?
Hab ich anders handeln können, habe ich gesollt?
Ich weiß es nicht.
Ich habe noch diesmal die Augen zugedrückt und bin, ob Schmerz, ob es auch Abscheu fühlend, gefolgt.
Adolf, wenn Dich die Soldaten nähmen und Dich der schwarze Genius mir entgegenführte, und die Schicksale vielleicht entscheidend unserer Rechte.
Von Schicksalen und Losewerfen will ich Dir ein Märchen erzählen. Ich war nach Potsdam geritten, um bei Itzig Abschied zu nehmen und sollte die Nacht zurückreiten. Spät war’ s geworden, Politik war das Hauptgespräch gewesen. Welche hatten gemeint, wir wären in den Krieg gezogen worden, auf dass nur mehrere Feinde, durcheinander verraten, einer, Preußen etwa, geliefert werde. Andere anders, spät war es geworden und die Damen mittenein vom Schlafe überwältigt. Der Vorschlag wurde getan, der alle ermunterte, durch Karten –Wahrsagen, zur Feier des Abschieds, mir und den Königen das Los zu werfen. Keiner verstand die Kunst. Aus einem Tarockspiele, das herbei geschafft worden war, lagen die sechs Karten auf dem Tische, welche wie folgt benannt worden waren: Coerbube napoleon Pickkönig Alexander, Pickbube Franz, Carodame Friedr. Wilhelm, der Hauswurst: ich selbst und endlich Coerdame, die man nicht beigefügt hatte. Ich nahm die Karten in die Hand, mischte und alle schwiegen in der Erwartung. Ich that, wie es mich der Geist lehrte.
Ich ergriff die oberste Karte und sprach: Kommt oben; ich warf sie um: Coerbube.“ Die Aufmerksamkeit war gespannt. Die unterste Karte liegt unten und fällt: der Hanswurst. Was soll die oberste? . Bezahlt die Zeche, umgeworfen: es war die Coerdame. Was soll die unterste? Zieht ruhig zu Hause; es war an die ich nicht mehr dachte. Carodame. Ich warf die zwei anderen auf den Tisch und sprach: Theilen mit. Alle schwiegen, ich umarmte sie, stieg auf mein Pfed, zu dem sie mich geführt hatten und spornte. Die Glocke schlug zwölf.
Gegen unsere französische Armeen, die ich küssen möchte, die raschen, tapferen Jungen, die zu Fuße gehen, frei von Gepäck, auf nackter Erde im Froste schlafen und rasch sind, wie nicht Corriere hie zu Land, was sind wir, wie andern?
Der König halte uns aufgefordert, zu Fuße die Campagne zu machen, und hat uns den Betrag der Ersparnis lassen wollen; wir sind aufgestanden gegen ihn und, malgre mes – dents, ich, der es, wie man nur etwas wünschen kann, wünschte, befreit zu werden der quälender Last dieser Mähren und ποσσι τετοιτως (!) , und ich muß, muß sie haben, die mir das Blut der Seele an Geld aussaugen. Tische, Stühle, Betten und Bettstellen, ja Nachtstühle schleppen wir mit, schleppen uns selbst unter Klagen an eine liebenswürdige Unordnung, welche mich erschreckt: Brot, Futter fehlt, Pferde werden vermitzt. Ich habe nichts mitgenommen als Bollwerk gegen die unedle, verhatzte, erstarrende Kälte, 3 Decken, ein leichtes Koffer und mein Zelt anderthalb Zentner im Summa, worüber, viele Viele die Hände über den Kopf zusammenschlagen wollen; aber dass Homeros, Buttmann und ein Schreibzeug mitgekommen sind, weiß Du nur so von selbst.
Vor dem Ausmarsch haben sich 3 Compagnierchefs ( anderer Regiment) ersäuft, erschossen und den Hals abgeschnitten.

Ist es schmerzhaft, so ist es doch schön und stolzerhebend und wiederum süß, die besseren unter denen, die wir verlassen an uns geketter zu haben und bei der Trennung durch sie festzuhängen an jedem Orte, wo wir waren.
Ich kann Dir nicht sagen, Adolf, wie dies in Berlin, das ich schon Oede schalt und eine Wildnis mir noch Theilnahme und wahre Freundschaft
Hat erblühen lassen. Von der Sander, der Cohen und anderen habe ich mit Thränen den Abschiedskuß empfangen, alle die ich gekannt habe, alle überall haben mir Freundschaft bezeugt und ich habe keines Schuldners Gesicht gesehen.
Mehrere haben mir Geld angeboten. Köstliche und auch nützliche Geschenke haben mir werthe Hände gereicht und also bin ich gezogen. Die Nacht des Abmarsch haben mir Freunde Wein und Punsch ins Haus gebracht und wir haben sie durchschwärmt und durchjubelt. Beim Ausmarsche mich zu begrüßen zogen Männer und Frauen und Kinder hinaus. Dir jegliche herzuzählen, kann ich nicht.
 

 

 

LETZTER BRIEF



Berlin den 5. August 1838

An Andersen

Mein junge Freund, der Studierende Johannes Horkel, ist der Überbringer.


Theuerster verehrtester Freund!


Sie haben einen müden alten kranken Mann, mich, mit „ Nur ein Geiger „ hocherfreut, und ich sage Ihnen für das freundliche Geschenk meinen aufrichtigen Dank. Das ist wieder die volle wunderherrliche Poesie der Kinderjahre – unvergleichlich.
Das macht Ihnen Keiner nach in unserer gehegelten widerwärtigen Zeit. Sie gehören billig zu den Lieblingsschriftstellern Deutschlands. Daß Ihr diesmal schmächtigerer Held gewissermaßen verkümmert, ist wohl in der Anlage begründet, aber es ist nicht eben wohlthuend und könnte zu dem Verdacht verleiten, daß Sie, dessen alter ego, mit der Ungerechtigkeit des Schicksals zu hadern meinten. Lasset nur uns gesund und frisch uns mit dem Erzielten vergnügt erhalten und bewahre uns Gott vor Zerrissenheit und Schmerz, wie jetzt überall zur Schau widerwärtig ausgehängt wird.

Ich habe gehabt. Fuimus Troes. Ich zehre froh an der Erinnerung. Daß ich noch bisweilen spielen kann, wird Ihnen beikommendes Buch *) sagen, auch wird der diesjährige Musenalmanach reich an Beiträgern von mir sein. Wer ist Pseudonymus Carl Bernhard, der mir, sein Glückskind zugesandt hat? Ich möchte ihm meinen Dank abgestattet wissen. Lassen Sie sich unter den Erzeugnissen unserer meisten Literatur bestens empfohlen sein:
Wieland der Schmid; von K. Simrock.
Gedichte von Freiligrath.
Das neueste Gedicht von Rückert. ( zwei persichesche Heldennamen, die mir eben nicht in die Feder kommen wollten.**)
Mein armer Kopf! Mein armes Gedächtniß! )
Es giebt sonst des Mittelguten viel, aber des Schlechten eine Sündfluth, und ich spare die Tinte.
Leben Sie wohl; mein sehr theurer Freund, und bleiben Sie jung, gesund und zufrieden.
Adelbert Chamisso
Gaudy ist zum zweiten Male in Italien. Ich habe einmal Freunden von Ihnen, die Sie mir zugesandt haben ein Exemplar meiner Werke für Sie gegeben, habe Sie es erhalten.
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* Die Veranger
** Rostem und Suhra
b.


 



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ADELBERT CHAMISSO WERKEZWEITE AUFLAGE FÜNFTER BAND LEIPZIG WEIDMANN' SCHE BUCHHANDLUNG 1842