ERSTER UND LETZTER BRIEF BERÜHMTER

 MENSCHEN

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 



EICHENDORFF JOSEPH FREIHERR VON

1788 -1857
 

 

Josef Freiherr von Eichendorf hatte mit seinen älteren Bruder zusammen eine wonnige Kinderzeit auf dem väterlichen Gute Lubowitz durchlebt.
Später kamen sie nach Breslau aufs Gymnasium, verbrachten aber die Ferienzeiten( Vakanzen) in Lubowitz. Aus dieser Zeit stammt der folgende Brief des fünfzehnjährigen Josefs. Er ist gerichtet an den Förster Sontag der früher Bedienter bei Eichendorfs gewesen ist, jetzt aber bei einem Forstinspektor die jagt lernt. Sontag hat sich versehentlich in den Arm geschossen. Josef von Eichendorfs Tagebuch meldet, wie die Brüder den Verletzten besuchten. Dann heißt es weiter: „ Wir kamen erst gegen 11Uhr nach Haus, und trotz allen Vorwürfen, die uns die allzubedenkliche Großmutter machte, fühlen wir uns Wonne, einen Unglücklichen zum Teil mit unserer Liebe getröstet zu haben“. Dasselbe menschlich – warme Verhältnis zu dem ehemaligen Diener ihres Hauses zeigt auch der Brief.
Und Wehmut haucht uns daraus an, Sehnsucht der in der Stadt gebannten Jungen nach dem Wald der Heimat, nach der seligen, romantisch verlebten Kinderzeit. Waldluft – wie in den Dichtungen Eichendorfs.
 

ERSTER BRIEF

 

Lieber Josef!


Dein letzter Brief, den ich richtig erhalten habe, kam mir ganz unerwartet. Wieviel Freude und Vergnügen er mir verursacht hat, kannst Du Dir nicht vorstellen, besonders da ich aus demselben ersehe, dass Dein Arm wieder zum Schreiben und folglich auch zu allen anderen Verrichtungen tauglich ist.
Ich hoffe und vermute daher auch, dass Du mit der Zeit gar keine Folgen dieses Unglücks spüren wirst. Dieser Brief rufte mich ganz wieder in die vergangenen glücklichen Zeiten zurück, wo wir zusammen ausritten, zusammen auf den Vogelherd gingen oder an schönen Frühlingsabenden auf Deiner Rasenbank beim Gärtner saßen und sich von der fröhlichen Zukunft unterhielten; wie wir zusammen hier in Breslau oder in Frankfurt zusammen lustig sein würden, oder wie ich und Du einst als Minister zum Oberkammersekretär machen würde und andere dergleichen Dinge mehr.

Die erste Hoffnung nämlich hier in Breslau mitsammen fröhlich sein zu können, ist freilich vereitelt worden, die zweite aber, miteinander nach Frankfurt zu gehen, wird wohl wahrscheinlich erfüllt werden. Man pflegt ja immer zu sagen: Nach Regen folgt Sonnenschein. So wird’s auch hier geben. Nach Trübsal wird Freude kommen. Wir werden noch zuletzt mitsammen recht glücklich und fröhlich leben. Doch tut es mir sehr leid, dass Du gerade unter der Vakanz das Unglück hattest, wir hätten sonst noch vielmal mit einander auf die Jagt gehen und überhaupt uns lustig machen können, wenn es nicht geschehen wäre.
Doch was sich durch diese Vakanz nicht tun ließ, wollen wir die künftige Vakanz, welche ebenfalls schon wieder immer näher heranrückt, doppelt einbringen. Wie ich hörte, werden auch unsere Geldangelegenheiten bis zu dieser Zeit wohl schon so beschaffen sein, dass wir wieder in Sumin frei jagen werden dürfen; und da soll’ s lustig hergehen! Dann kannst Du alle Tage an diesen Vergnügungen mit Anteil nehmen. Doch was den Besuch anbetrifft, den wir Dir während Deiner Krankheit in Ratibor machten so war dies nichts anderes als unsere Pflicht. Denn ich hätte es mir zu einer Schande gerechnet, wenn ich nicht Liebe für einen so treuen Freund hätte, mit welchem ich beinahe aufgewachsen bin und die fröhlichen Tage meines Lebens durchlebt habe.
Wie sehr ich bei dem Anblicke Deines damaligen Schmerzes gerührt war und wie gern ich Dir geholfen hätte, davon kannst Du Dir selbst keine Vorstellung machen. Doch ich muß endigen, weil ich noch einen Brief an den Papa schreiben will. Schreibe mir doch bald wieder, wenn es deinen Arm nicht zu sehr inkommodiert, doch lasse dabei das Hochundwohlgeboren und gehorsamsten Diener und Knecht weg und nenne mich lieber Deinen wahren Freund:
Josef v. Eichendorf.

Verzeihe, dass ich nicht eher Deinen Brief beantwortet habe, und denke manchmal an uns, so wie ich nie Deiner vergessen werde.
Lebe wohl bis auf Wiedersehen.

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aus; Jugendbriefe berühmter Männer/ Verlag " Die Buchgemeinde Berlin 1924
Ausgewählt  und eingeleitet von dr. Joh. Rohrn



 


 

LETZTER BRIEF


An Therese Besserer von Dahlfingen

Meine liebe Therese!

Hoffentlich findet Dich dieser Brief wieder ganz hergestellt. Besserer war gestern hier, und wird Dir mündlich alles bemerkenswerte berichten. Ich will daher nur mit ein paar Worten Dein letztes Briefchen in betreff meiner Abreise von hier beantworten. Du hast vollkommen recht, Rudolf kann unmöglich verlangen, daß ich hier ins Unendliche auf ihn warte. Mein Vorschlag wäre daher folgender: 1t Es wäre mir sehr lieb, und der F: B: würden es hoch aufnehmen, wenn Du mich hier abholtest; die Kinder können ja - eventl: unter Annas Aufsicht- im Gasthofe zu Mittag bleiben. -2t Den Tag der Abholung überlasse ich lediglich Deiner Wahl. Der früheste Termin würde dann wohl der nächste Donnerstag ( der 17 t), der späteste heute über 8 Tage, also der nächste Montag sein, da der F.B. gegen Ende des Monats seine Visitationsreisen antritt. -

.... Schreibe mir doch sogleich, wann Du kommen willst, oder wann Du von Rudolf etwas erfährst.
Und nun lebe unterdes recht wohl, meine liebe Therese, und grüße Besserer und die Kinder herzlichst.

Mit herzlicher Liebe Dein treuer Vater

J. v. E.

Montag Johannesberg d. 14 t Septb. 57



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Briefe von Freiherr Joseph von Eichendorff HERAUSG: VON WILHELM KOSCH Verlag von J. Habbel 1910